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Prozess in Augsburg

16.10.2020

Nach Überfall im Seniorenheim Albaretto: Ein Angeklagter kommt frei

In der Seniorenresidenz Albaretto wurde im Jahr 2017 eine Seniorin ausgeraubt. Zwei Männer wurden verurteilt – einer wurde nun freigesprochen.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archivfoto)

Plus Mit einem weiteren Mann soll ein 34-Jähriger eine Rentnerin in Augsburg überfallen haben. Doch die Tat kann so, wie die Angeklagten sie beschreiben, nicht gewesen sein.

Der Raubüberfall hat Aufsehen erregt. Im Juni 2017 wird eine Bewohnerin der Augsburger Seniorenwohnanlage Albaretto nachts in ihrem Appartement überfallen und ausgeraubt. Zwei später als Täter verurteilte Männer erbeuten rund 240.000 Euro Bargeld, Gold und Schmuck. Jetzt ist einer von ihnen vor dem Augsburger Landgericht freigesprochen worden – aus Mangel an Beweisen. Die Staatsanwaltschaft ist nach wie vor überzeugt, dass es sich bei dem heute 34-Jährigen tatsächlich um den zweiten Mann bei dem Überfall handelt. Staatsanwältin Andrea Hobert, schon im ersten Prozess Anklägerin, beantragte erneut eine mehr als siebenjährige Haftstrafe. Wie der Prozess verlaufen ist.

Zwei Männer haben im Jahr 2017 eine Frau in der Seniorenwohnanlage Albaretto überfallen. Ein Angeklagter wurde nun freigesprochen.
Bild: zinkevych, stock.adobe.com (Symbolfoto)

Weder Schuld noch Unschuld des Angeklagten habe sich beweisen lassen, sagte Vorsitzender Richter Christian Grimmeisen, als er den Freispruch verkündete. Der Angeklagte, von der Münchner Rechtsanwältin Ricarda Lang und Werner Ruisinger verteidigt, hatte im Prozess wie schon im ersten Verfahren zu den Vorwürfen geschwiegen. Durch den Freispruch hat er jetzt Anspruch auf Haftentschädigung, rund 70.000 Euro. Er profitiert von einer Anfang Oktober in Kraft getretenen Gesetzesänderung. Der Tagessatz für zu Unrecht erlittene Haft ist von 25 auf 75 Euro heraufgesetzt worden.

Albaretto-Fall: Der Hauptbelastungszeuge verweigerte die Aussage

Das Dilemma hatte sich schon frühzeitig für das Gericht abgezeichnet. Überraschend sei „ein zentrales Beweismittel“ weggebrochen, so Richter Grimmeisen. Denn der geladene „Hauptbelastungszeuge“, vor einem Jahr als Mittäter rechtskräftig verurteilt, verweigerte die Aussage. Sein Verteidiger, mit zur Verhandlung erschienen, begründete dies damit, sein Mandant wolle sich nicht selbst belasten. Er hat nachweisbar zumindest in Teilen ein falsches Geständnis abgelegt. Der 28-Jährige verbüßt gegenwärtig noch seine Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren.

Ein halbes Jahr nach dem Raubüberfall, bei dem die Täter mutmaßlich mit einem kopierten Sicherheitsschlüssel in die Wohnung der Rentnerin gelangten, hatte die Kripo zwei Tatverdächtige festgenommen. Beide Männer, damals 25 und 31 Jahre alt, wohnen mit ihren Familien im Raum Stuttgart. Der Jüngere lebte früher in Augsburg und arbeitete als Krankenpfleger. Er kannte das Opfer und betreute die 73-Jährige, die querschnittsgelähmt ist, täglich. Nach seiner Festnahme gestand er den Überfall und benannte seinen Komplizen.

Wie die Männer die Tat schildern, kann sie nicht gewesen sein

Doch so wie er die Tat schildert, vor allem das Geschehen unmittelbar vor dem Überfall, kann es damals nicht gewesen sein. Demnach waren die zwei Männer in derselben Nacht bei einem Pflegedienst in Kriegshaber eingebrochen, um aus dem Büro den Schlüssel zum Appartement zu stehlen. Einer habe Schmiere gestanden, der andere sei durch ein gekipptes Fenster eingestiegen. Nach dem Überfall hätten sie den Schlüssel auf die gleiche Weise wieder zurückgebracht.

Bei einer Rekonstruktion des Tatgeschehens durch die Kripo kam heraus, dass sich das Fenster von außen nicht öffnen lässt. Ermittler der Kripo wie jetzt auch das Gericht vermuten, dass der 28-Jährige jemanden decke, der an der Tat beteiligt war. Möglicherweise seinen Bruder. Tage vor dem Raubüberfall soll dieser bei der 73-Jährigen, die sich im Rollstuhl fortbewegen kann, geklingelt und sich als Stromableser ausgegeben haben. Angeblich wollte er einen Wohnungsschlüssel stehlen, was aber misslang. Im Zuge der Ermittlungen fand die Kripo seine DNA auf gestohlenem Geld. Damit lässt sich aber noch nicht beweisen, dass er beim Überfall dabei gewesen muss. Im Prozess hat auch er die Aussage verweigert.

Auf einen Zeugen wartete das Gericht vergeblich

Dass der ehemalige Krankenpfleger sich in jener Nacht in Augsburg aufhielt, belegen auch Indizien wie Funkdaten seines Handys. Von dem jetzt freigesprochenen 34-Jährigen fehlen sie gänzlich. Möglicherweise hätte am letzten Prozesstag ein aus Slowenien geladener Zeuge dem Prozess eine Wende geben können. Doch das Gericht wartete vergeblich auf ihn. Bei seiner richterlichen Vernehmung in Slowenien hatte er ausgesagt, der Angeklagte habe ihm viel Bargeld gegeben, das er dann weisungsgemäß auf dessen Wunsch auf ein Bankkonto eingezahlt habe.

Die Augsburger Rechtsanwältin Mandana Maus trat im Prozess als Nebenklägerin auf. Sie schloss sich dem Strafantrag der Staatsanwältin an, da auch sie „keinen vernünftigen Zweifel“ habe, dass der Angeklagte der zweite Täter sei. Wie sie erläuterte, leidet Brigitte G. noch immer massiv unter den Folgen des Überfalls, bei dem sie, gefesselt und geknebelt, beinah erstickt wäre. Die 73-Jährige, die wegen ihrer Behinderung die höchste Pflegestufe hat, fürchtet, sich die Heimkosten bald nicht mehr leisten zu können. Von dem geraubten Geld hat sie nur 30.000 Euro und einige Schmuckstücke zurückerhalten.

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