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Augsburg

12.11.2019

Nazi-Bezug: Langemarckstraße bekommt neuen Namen

Die Langemarckstraße in Kriegshaber – benannt nach einer Schlacht im Ersten Weltkrieg und von den Nazis propagandistisch genutzt – soll einen anderen Namen bekommen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Im Kulturausschuss des Stadtrats fällt die Abstimmung einstimmig aus. Für Diskussionen sorgt eine Straße, die ihren Namen behalten soll.

Die Langemarckstraße in Kriegshaber und die Dr.-Mack-Straße am Bezirkskrankenhaus sollen künftig anders heißen. Der Kulturausschuss des Stadtrats beschloss am Montag einstimmig die Umbenennung der beiden Straßen wegen ihres Bezugs zur NS-Zeit. Eine erhitzte Debatte wie bei der zunächst angestoßenen und letztlich nicht erfolgten Umbenennung der Werner-Egk-Schule blieb aus.

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Eine von der Stadt eingesetzte Kommission aus Stadträten, Verwaltungsmitarbeitern, Wissenschaftlern und zivilgesellschaftlichen Akteuren hatte mehrere Straßennamen mit Bezug zur NS-Zeit unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Die Dr.-Mack-Straße, benannt nach einem Augsburger Arzt, der an Zwangssterilisationen während des Dritten Reichs beteiligt war, sollte einen anderen Namen bekommen. Das war bei den Stadträten unstrittig. Benedikt Lika (CSU), der im Rollstuhl sitzt, regte an, dass der Namensgeber ein Aktivist der so genannten Krüppelbewegung aus den 70er Jahren sein könnte. Die Initiative setzte sich für einen anderen Blickwinkel auf Behinderte und für deren selbstbestimmtes Leben ein. „Das wäre ein Symbol: Die Inklusion siegt über die Euthanasie“, so Lika.

Adresse wird wegen Nazi-Bezug geändert: Neue Anschrift für 900 Bürger

Auch den Namen der Langemarckstraße, benannt nach dem Ort einer Schlacht im Ersten Weltkrieg in Belgien, hält die Kommission für kritisch. Schon im Kaiserreich, später noch mehr in der NS-Zeit, sei die Schlacht zu einem Mythos überhöht worden, der die Kriegsbegeisterung und die Opferbereitschaft der Jugend wecken sollte. Nach einem Anstoß der NSDAP in Kriegshaber wurde die Straße 1939 von der Habsburger- in die Langemarckstraße umbenannt.

Nazi-Bezug: Langemarckstraße bekommt neuen Namen

Mit der Umbenennung der Langemarckstraße würde sich für etwa 900 Bürger die Anschrift ändern. Stadtrat Rudolf Holzapfel (Pro Augsburg) sagte, dass er der Kommissionsempfehlung folge, man sich aber auch fragen müsse, ob nicht ein erklärendes Zusatzschild, wie es für vier weitere Straßen kommen soll, die bessere Lösung wäre. „Die Schlacht wurde überhöht und von den Nazis missbraucht, aber es handelt sich um keine Person, die sich Verfehlungen zuschulden hat kommen lassen“, so Holzapfel. Speziell in der Abwägung mit der Prof.-Messerschmitt-Straße, die ihren Namen behalten und ein Zusatzschild bekommen soll, werde man sich fragen müssen, ob eine Umbenennung den Anwohnern in der Langemarckstraße vermittelbar sei. Flugzeugbauer Messerschmitt war Hauptlieferant der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Im Werk schufteten Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen.

Messerschmitt-Straße in Augsburg soll bleiben

Dass die Messerschmitt-Straße ihren Namen behält, war auch in der Kommission nicht unumstritten, so Grünen-Stadträtin Verena von Mutius-Bartholy. Letztlich einigte man sich darauf, den Namen Messerschmitt wegen der Verbindung zur Stadtgeschichte auch nach dem Zweiten Weltkrieg beizubehalten.

Auch die CSU-Fraktion, die in Sachen Langemarckstraße vergangene Woche noch Beratungsbedarf signalisiert hatte, stimmte für deren Umbenennung. Ausschlaggebend, so Fraktionschef Bernd Kränzle, sei nicht der Name der Schlacht, sondern deren propagandistische Instrumentalisierung durch die Nazis. „Wir müssen den Bewohnern klarmachen, worum es geht“, so SPD-Rätin Gabriele Thoma. Sie habe den Namen Langemarck erst als eher unproblematisch empfunden, sei nach näherer Befassung aber bestürzt gewesen.

In einem nächsten Schritt muss Ende des Monats noch der Stadtrat über die Umbenennung entscheiden, wobei das Ergebnis angesichts der einstimmigen Abstimmung (auch Holzapfel folgte der Empfehlung der Kommission) aber absehbar ist. Vorgesehen ist auch eine breite Information der Anwohner, bevor das Geodatenamt Namensvorschläge erarbeiten wird. Erläuternde Zusatzschilder sollen die Bgm.-Widmeier-Straße, Hans-Watzlik-Straße, Karl-Haberstock-Straße und Professor-Messerschmitt-Straße erhalten.

Lesen Sie auch: Stadt will zwei Straßen wegen NS-Bezug umbenennen

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14.11.2019

Heute ist ein sehr interessanter Leserbrief zum Thema Straßenumbenennungen in der AA, der vor allem auf die Nichtumbenennung der Professor-Messerschmidt-Straße abzielt und die Frage aufwirft, warum die ebenfalls problematischen Josef Priller und Fritz Wendel gar nicht erst einer Prüfung unterzogen worden seien.

Ich kann das hier nicht alles aufführen, was der offenbar gut informierte Leser angeführt hat, aber wenn seine Angaben zutreffen, ist es ein schlechter Witz, den Namen einer Ortschaft (!) verschwinden lassen zu wollen (schon mal darüber nachgedacht, wie pietätlos das den dort Gefallenen auf beiden Seiten und ihrer Nachfahren ist?) und den Namen eines Ingenieurs, dem alle Zeit nichts wichtiger war als sein persönlicher Erfolg und sein Metier, dessen Erzeugnisse Schrecken und Tod über andere gebracht haben, von dem nie auch nur ein Wort des Bedauerns über die Umstände unter denen er seine Flugzeuge fertigen ließ über die Lippen kam " wegen der Verbindung zur Stadtgeschichte auch nach dem Zweiten Weltkrieg" beizubehalten"

Eine andere Leserbriefschreiberin monierte, dass der Name Straßenname Ernst-Moritz-Arndt keiner Überprüfung unterzogen wurde.

Es stellt sich die Frage, was dieser ganze Prozess eigentlich soll, wenn solch unterschiedliche Interpretationen möglich sind. Würfelt die Kommission für Erinnerungskultur das aus oder welche Maßstäbe setzt sie an?

Und wie ist das eigentlich mit dem glühenden Antisemiten Richard Wagner, dem Hitler zu Füßen lag? Gehört unter dessen Straßenschild nicht auch ein Hinweis auf diesen Umstand, der doch einen durchaus großen Schatten auf seine Persönlichkeit jenseits seiner musikalischen Genialität wirft?

Ja, wer anfängt A zu sagen muss auch für ein B bereit sein. Wer im Dreck wühlt, wird auch manchmal selbst schmutzig. Wer sich moralisch überhöhen möchte, fällt evtl. auf die Nase, wenn er keine Konsequenz zeigt.



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