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27.06.2017

„Niemand ist vollkommen, auch Kohl war Mensch“

Frank-Walter Steinmeier, Norbert Lammert, Angela Merkel und Volker Kauder (v. links) bei der Totenmesse in der Hedwigs-Kathedrale.
Bild: J. Macdougall, afp

Trauer Bei der Totenmesse in Berlin spielt der Familienstreit eine zentrale Rolle

Berlin Nach vielen Liedern, dem Kyrie, nach Unmengen von Weihrauch und einem Gleichnis aus dem Evangelium geht es um ganz weltliche Dinge in der Berliner Hedwigs-Kathedrale. Auch in der Familie von Helmut Kohl hätten alle eben ein ganz eigenes Bild von ihm, sagt Priester Karl Jüsten am Dienstagmorgen. „Wir Außenstehenden sollten uns bei der Bewertung dieser unterschiedlichen Sichtweisen zurückhalten.“ Er redet von dem erbitterten Familienstreit zwischen der Witwe Maike Kohl-Richter und Kohls Sohn Walter. Er findet Worte zu dem sprachlos machenden Trauerspiel von Oggersheim.

Die Unionsfraktion im Bundestag hat am Dienstag zu einer Totenmesse für den Altkanzler geladen. Viele Abgeordnete wollen sich kirchlich von Kohl in der Stadt der Wiedervereinigung verabschieden. Die Politprominenz nimmt auf den harten Kirchenbänken Platz. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist gekommen, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, fast das vollständige Kabinett, Parlamentarier aller Fraktionen. Die Messe war nach Angaben der Fraktion mit der Witwe Maike Kohl-Richter abgestimmt.

„Wir sind dankbar, dass wir Helmut Kohl in unseren Reihen haben durften“, sagt Unionsfraktionschef Volker Kauder am Altar. „Niemand ist vollkommen, auch Helmut Kohl war Mensch.“ Menschen seien ihm wichtig gewesen. So habe er sich bei den Abgeordneten immer nach dem Wohlergehen der Familie erkundigt. In der Familie von Kohl herrscht unterdessen bitterer Streit.

Das Verhältnis von Maike Kohl-Richter und Kohls Sohn Walter gilt seit langem als angespannt. Der Sohn will am Samstag an der Beisetzung in Speyer nicht teilnehmen, weil sein Vater nicht im Familiengrab in Ludwigshafen an der Seite seiner ersten Frau Hannelore beerdigt wird. Der Zwist ist auch bei der Totenmesse in Berlin spürbar. „In dieser Stunde sind unsere Gedanken auch bei Helmut Kohls Witwe sowie bei seinen Söhnen und ihren Familien“, sagt Priester Jüsten. „Und wir wünschen ihnen allen, dass sie untereinander Versöhnung und Frieden erfahren.“ Es klingt wie ein Appell an die Familie.

Am Samstag wird es in Straßburg auch den europäischen Staatsakt für Kohl geben. Ein prominenter Gast hat gestern aus Gesundheitsgründen abgesagt: Michail Gorbatschow, mit dem Kohl 1990 die Deutsche Einheit ausgehandelt hat. Nico Pointner, dpa

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