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15.07.2010

Nur die Häuser blieben

Kein jüdisches Geschäft durfte mehr betreten werden. 43 Namen von jüdischen Läden fanden sich auf der Augsburger Liste des reichsweiten Boykottaufrufs vom 31. März 1933. Wo standen diese Geschäfte, welch menschliches Schicksal ist mit diesen "arisierten" Wohn- und Geschäftshäusern verbunden? Bei einer Führung machte sich die Geschichtswerkstatt unter Leitung von Anne Schmucker und Rita Parisi auf eine Spurensuche in der Innenstadt.

Schon bei den ersten Stationen wurde deutlich, wie viele alteingesessene jüdische Geschäfte Anfang des 19. Jahrhunderts das Bild der Augsburger Innenstadt prägten: Da war das Schuhgeschäft "Polatschek" im späteren "Tack-Haus" in der Kurzen Maximilianstraße. Wie in so vielen Fällen musste die Familie ihren Besitz verkaufen, in der Regel "unter Wert". 1937 erwarb die Firma "Tack & Co" das Geschäft.

Hier, in der Maxstraße, in bester Lage, befanden sich auch das Schuhgeschäft Stein im heutigen Verwaltungsgebäude oder das Textilhaus Höchstädter dort, wo heute WMF eine Filiale hat. Am Beispiel der Familie Höchstädter - die Tour führte auch zu deren Wohnhaus in der Frölichstraße - wurde deutlich, wie jüdische Familien durch die Nazionalsozialisten ihrer Existenz beraubt und durch die Emigration, so sie in den 30er-Jahren noch möglich war, in alle Welt zerstreut wurden. Oft war ihr Schicksal auch Deportation und Tod.

Dort, wo heute die Augustabank steht, auch Kurze Maxstraße, hatte 1929 das "Schocken-Kaufhaus", geführt von einer weitverzweigten jüdischen Familie mit Sitz in Zwickau, eine Filiale eröffnet -1938 wurde das Unternehmen an eine Bankengruppe verkauft, der Schriftzug "Schocken" durch "Merkur" ersetzt. Und dort, wo sich heute der "Burger King" befindet, hatte Jakob Oberdorfer ein Schirm- und Taschengeschäft, das er an seine ehemalige nichtjüdische Angestellte Wilhelmine Hoffmann verkaufte.

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Durch die Maxpassage hindurch führten Anne Schmucker und Rita Parisi vor die Philippine-Welser-Straße 16. Hier hatten Heinrich und Adele Mendelsohn ein Herren- und Knabenbekleidungsgeschäft. 1937 musste die Familie - der Vater war schon 1933 gestorben - ihr Geschäft verkaufen. Die Firma Kröll & Nill übernahm es als zusätzliches Geschäft. Bei der Führung war zu hören, dass nach dem Krieg oft Wiedergutmachungen geleistet wurden, aber zu welchem Wert? Auf alten Fotos zeigten Anne Schmucker und Rita Parisi die Häuser, über die sie sprachen, viele im Zweiten Weltkrieg zerstört. Im Eckgebäude und auf dem Grundstück der heutigen Terrasse vom Hotel Drei Mohren in der Katharinengasse hatte der jüdische Kaufmann Heinrich Hausmann eine Decken- und Zeltfabrik. 1939 hat die Stadt das Anwesen zum "Einheitswert" übernommen und zwei Jahre später ans Hotel Drei Mohren verkauft. Hausmann wurde nach Theresienstadt deportiert.

Auch die Menschen waren Thema

Das Besondere bei diesem Rundgang war, dass im Blick auf die ehemaligen jüdischen Wohn- und Geschäftshäuser auch wieder die Menschen lebendig wurden, die hier gewohnt und gewirkt haben. Was mag sich wohl an Leid und Schmerz zugetragen haben in der Hallstraße 17, wo einst die Familie Polatschek gewohnt hatte? Es war als Wohnhaus beschlagnahmt und 1943 als "Judenhaus" eingerichtet worden. Es war die letzte Station jüdischer Familien vor ihrer Deportation.

Fortsetzung Ein zweiter Teil dieser Führung zu "arisierten" Wohn- und Geschäftshäusern, diesmal in den nordwestlichen Teil der Innenstadt, bietet die Geschichtswerkstatt am 5. September an.

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