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Gesellschaft

03.01.2012

Obdachlose auf Winterreise

Obdachlose bewegen sich am Rand der Gesellschaft: In Augsburg nächtigen nur wenige tatsächlich unter freiem Himmel. Doch die Zahl derer, die in prekären Wohnverhältnissen leben, schätzen Sozialarbeiter auf über 1000.
Bild: Archivfoto: dpa

Thomas Weiller interviewte wohnungslose Menschen in Augsburg. Michael Fitz liest die Texte am 22. Januar in der Ulrichsbasilika im Wechsel mit dem Liederzyklus von Franz Schubert.

Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh’ ich wieder aus.

(aus: „Die Winterreise“, Liederzyklus mit Texten von Wilhelm Müller und Musik von Franz Schubert)

Es ist auch die Sehnsucht, Welten zusammenführen, die den Journalisten Stefan Weiller bei seinem Projekt „Winterreise“ antreibt. Obdachlose erzählen ihm ihre Geschichte, bekannte Schauspieler tragen sie vor, umrahmt vom gleichnamigen Schubert’schen Liederzyklus. Im Publikum wird sich ein Großteil Bildungsbürgertum versammeln. Aber es sollen auch die kommen können, die dem Abend sein Gesicht gegeben haben: die sozial Ausgegrenzten. Deshalb ist die Veranstaltung unter dem Titel „Die Winterreise“ am 22. Januar in der Ulrichsbasilika kostenlos.

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Der Schauspieler und Musiker Michael Fitz wird an dem Abend Auszüge aus Gesprächen lesen, die Weiller mit Obdachlosen in Augsburg geführt hat. Texte, in denen es unter anderem heißt: „Man darf sich nicht so wichtig nehmen im Land von ,Mir san mir‘. Das hat so was Arrogantes, dieser Spruch, vor allem, wenn man ist wie ich; ein Niemand.“ Im Wechsel präsentieren Sänger die 24 Lieder der Winterreise. Sie ist über 180 Jahre alt, aber in ihrer Thematik der Einsamkeit und Heimatlosigkeit immer noch aktuell, wie Weiller findet.

Er startete das Projekt 2009 in Wiesbaden; weitere Orte folgten. Die Erzählungen eines Obdachlosen dort hatten ihn an den Liederzyklus erinnert. Weiller will einen neuen Blick auf Menschen ohne Dach über dem Kopf ermöglichen – und letztlich auch auf die Stadt, in der sie Leben. Denn wer kein Zuhause hat, sieht eine Stadt mit anderen Augen.

Ein anderer Blick auf die Stadt

In jeder Stadt spricht Weiller aufs Neue mit den Menschen, um nicht Klischees von einem Ort auf den anderen zu übertragen. 183 Interviews waren es, davon ein Dutzend in Augsburg. Bekannte Orte tauchen auf: der Stadtwald, der Bahnhof, die Unterstadt, der Dom. Weiller sagt: „Es sind keine Beschimpfungen der Stadt, aber es ist eine andere Art der Auseinandersetzung mit ihr.“ Letztlich prägen Obdachlose das Stadtbild auf ihre Weise.

Die Gespräche haben wiederum ihn geprägt. Manchmal macht es ihn fassungslos, mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen von der Not berichten, die oft bereits in der Kindheit ihren Anfang nahm. Und er hat sich verändert: „Ich habe das Rechnen verlernt – auch wenn ich weiß, dass wir den Sozialstaat regulieren müssen.“

Sein Projekt stellt Weiller auch nicht jedem zur Verfügung. Ein Wirtschaftsunternehmen soll sich nicht dadurch mit einer sozialen Attitüde schmücken können. In Augsburg arbeitet der Frankfurter mit dem Sozialverband SKM zusammen, der unter anderem die Wärmestube Auf dem Kreuz betreibt. Der Kontakt kam über den Sozialarbeiter Knut Bliesener zustande.

Selbst der weiß nicht genau, wie viele Menschen in Augsburg von Obdachlosigkeit betroffen sind. 30 bis 40, so schätzt er, leben unter freiem Himmel, in Abbruchhäusern oder Kellern – oft, weil sie es nicht anders aushalten. Die Stadt hat ein umfangreiches Wohnprogramm mit Notunterkünften. Auch hier sind hunderte Menschen untergebracht.

Immer mehr junge Leute haben kein Dach über dem Kopf

Auffällig ist laut Bliesener, dass immer mehr junge Leute in diese Situation geraten. Sie werden daheim rausgeworfen, wohnen mal bei diesem, mal bei jenem Freunden, tingeln durchs Land und durchs Leben, unfähig, ihr Leben zu organisieren. 1000 bis 2000 Menschen dürften es in Augsburg wohl sein, die in solch prekären Wohnverhältnissen leben.

Ihnen soll die Winterreise helfen, deren Schirmherren der Caritasdirektor Andreas Magg und der Armutsforscher Gerhard Trabert sind. Die Spenden an dem Abend kommen dem SKM zugute. Und ob die Welten zusammenfinden? Ein Obdachloser erzählte Weiller über einen Besuch in einem kostenlosen Konzert des Leopold-Mozart-Zentrums. „Die Musik war schön. Danach gingen die anderen nach Hause. Ich hatte gerade keines.“

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