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Gesundheit

06.11.2015

Optimismus gegen Krankheiten: Kann man sich gesund denken?

Kann eine positive Einstellung wirklich auch bei Krankheiten helfen?
Bild: DDRockstar - Fotolia

Optimisten leben länger, beweisen Studien immer wieder. Aber warum? Die Ulmer Professorin Iris-Tatjana Kolassa erklärt, wie die Psyche dem Körper helfen kann.

Optimisten leiden seltener unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gelassene Menschen haben ein stärkeres Immunsystem. Immer wieder belegen Studien einen massiven Zusammenhang zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit. Kann man sich tatsächlich gesund denken?

Iris-Tatjana Kolassa:(lacht) Das ist eine schwierige Frage. Erwiesen ist: Wer weniger Stress hat, hat ein besseres Immunsystem. Wer optimistisch ist, also den Dingen ihre positive Seite abgewinnen kann, tut sich leichter, Stress zu verarbeiten. Und das führt zu einem stärkeren Immunsystem.

Wie genau wirkt sich die Psyche auf das Immunsystem aus?

Iris-Tatjana Kolassa: In einer Stress-Situation werden zwei Mechanismen aktiviert. Das eine ist die sympathiko-adrenomedulläre Stressachse, die führt zur Aktivierung des sympathischen Nervensystems und zur Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin. Diese Stresshormone versetzen den Körper quasi in Alarmbereitschaft. Und das zweite ist die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, da kommt es nach etwa zwanzig Minuten zum höchsten Ausstoß des Stresshormons Cortisol. Das fährt die erste Stressantwort herunter und wirkt antientzündlich. Wenn beide Achsen dauerhaft aktiviert sind, verändern sich in komplexer Weise einige Prozesse im Körper. Traumatischer Stress beispielsweise führt dazu, dass ein proentzündlicher Zustand entsteht. Die Zellen unseres Immunsystems altern dann schneller. Es kommt zu DNA-Schädigung in unseren Immunzellen. Auch die Anzahl der Immunzellen verändert sich – die regulatorischen T-Zellen etwa werden reduziert, das erhöht das Risiko, irgendwann einmal eine Autoimmunerkrankung zu entwickeln.

Stress lässt sich aber ja manchmal nicht vermeiden – genau so wenig wie Trauer, Angst oder Wut. Vor einem Todesfall oder einer Trennung ist auch der beste Optimist nicht gefeit...

Iris-Tatjana Kolassa: Ja, aber Menschen gehen mit solchen Situationen sehr unterschiedlich um. Deshalb ist es schwierig, pauschal Ratschläge zu geben. Gerade, wenn man einen Menschen verloren hat, braucht es sicher einen Prozess der Trauerarbeit. Wie lange das dauert, ist völlig individuell – manche überwinden solche Krisen relativ schnell, andere brauchen dafür sehr viel länger. Wenn sich eine anhaltende Trauerstörung entwickelt, ist es sicher hilfreich, sich auch therapeutische Hilfe zu suchen.

Können die negativen Veränderungen, die der Stress im Körper hinterlässt, wieder rückgängig gemacht werden?

Iris-Tatjana Kolassa: Ja, vermutlich zum Teil. Wir konnten zum Beispiel zeigen, dass Personen mit Posttraumatischer Belastungsstörung durch Psychotherapie eine Normalisierung der Schädigung ihrer DNA in Immunzellen hatten, ebenso nahm die Anzahl regulatorischer T-Zellen durch die Traumatherapie wieder zu. Wir vermuten, dass dies durch den geringeren Stresszustand bedingt ist, in dem sich der Körper nach einer erfolgreichen Psychotherapie befindet. Inwiefern dieser Befund auf andere Stressoren und Therapieformen übertragen werden kann, muss die Forschung noch zeigen.

Und wenn eine körperliche Krankheit schon ausgebrochen ist – kann da die Psyche helfen, den Körper zu heilen?

Iris-Tatjana Kolassa: Sie kann auf jeden Fall Einfluss auf das Wohlbefinden und die Gesundheit nehmen. Ein starkes Immunsystem ist wichtig, weil es den Verlauf von vielen Krankheiten positiv beeinflusst. Das hängt natürlich von der Art der Erkrankung ab. Aber etwa bei Krebserkrankungen wurde nachgewiesen, dass eine gleichzeitig vorliegende Depression einen negativen Einfluss auf den Krankheitsverlauf hat. Psychotherapie kann helfen, depressive Symptome zu reduzieren und den Verlauf dadurch günstig zu beeinflussen. Einige Studien legen sogar eine Verlängerung der Überlebensrate nahe; jedoch gibt es hierzu auch widersprüchliche Befunde. Es ist naheliegend, dass ein starkes Immunsystem den Körper auch im Kampf gegen Krebszellen stärkt. Auch der Verlauf von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist besser, wenn beispielsweise eine gleichzeitig vorliegende Depression behandelt wird, vermutlich weil dies schädlichen oxidativen Stress im Körper reduziert und das Immunsystem stärkt.

Altert der Mensch schneller, wenn er dauernd Stress und Traurigkeit ausgesetzt ist?

Iris-Tatjana Kolassa: Menschen, die stark leiden, sehen oft vorzeitig gealtert aus. Jedoch bin ich immer wieder auch überrascht, wie verjüngt Patienten nach einem Klinik- oder Kuraufenthalt aussehen. Nachgewiesen ist, dass das Immunsystem bei Menschen, die schon in ihrer Kindheit schlimme Erlebnisse erfahren mussten oder die über lange Zeit hinweg einer psychischen Dauerbelastung ausgesetzt waren, vorgealtert ist – zum Teil sogar um bis zu 25 Jahre. Jedoch wissen wir noch nicht, ob diese Effekte auch durch Psychotherapie oder andere protektive Einflüsse rückgängig gemacht oder verhindert werden können.

Was raten Sie also unseren Lesern?

Iris-Tatjana Kolassa:(lacht) Ein Verhaltenstherapeut würde sagen: Mein Denken beeinflusst mein Fühlen und mein Verhalten. Aber auch mein Verhalten beeinflusst mein Fühlen und mein Denken. Das ist eine wechselseitige Dreiecks-Beziehung. Wenn ich mir hilfreiche Gedanken mache, wohlwollend mit mir selbst umgehe, mir Mut zuspreche anstatt mich abzuwerten – dann hilft mir das, mutiger und selbstbewusster zu handeln. Und dann fühle ich mich auch besser und habe mehr Erfolg in meinen Beziehungen oder im Beruf. Durch Veränderung im Denken kann ich Veränderungen in meinem Fühlen und Verhalten hervorrufen. Das ist die Grundlage der kognitiven Verhaltenstherapie. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass ich alles im Leben durch positive Gedanken beeinflussen kann. Ich kann mir ein schlimmes Ereignis nicht schön-denken. Und ich kann eine schlimme Krankheit nicht wegdenken. Aber ich kann lernen, durch mein Denken mir zu helfen, damit ich mich besser verhalten und fühlen kann. Und das hilft, dass es mir gesundheitlich besser geht.

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