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Augsburg

07.06.2020

Protest gegen Rassismus: Auch Augsburger erleben Anfeindungen im Alltag

Tausende von Demonstranten gedachten vor der Erhard-Wunderlich-Sporthalle des getöteten George Floyd und setzten damit ein Zeichen gegen Rassismus.
Bild: Bernd Hohlen

Plus Zum Gedenken an George Floyd gingen in Augsburg 3000 Menschen auf die Straße. Einige von ihnen berichten hier von ihren Erfahrungen mit Rassismus.

3000 Menschen sind an diesem Samstag vor der Erhard-Wunderlich-Halle am Wittelsbacher Park zusammengekommen, um nach dem Tod von George Floyd ein Zeichen gegen weltweiten Rassismus zu setzen. Der Afroamerikaner wurde bei einem gewaltsamen Polizeieinsatz am 25. Mai in Minneapolis (Minnesota) getötet.

Rund 3000 Augsburger haben am Samstag des getöteten Afroamerikaners George Floyd gedacht und vor der Erhard-Wunderlich-Sporthalle gegen Rassismus demonstriert.
44 Bilder
3000 Augsburger gedenken George Floyd bei "Silent Protest"
Bild: Peter Fastl/Bernd Hohlen

„George Floyd, seine letzten Tränen haben die ganze Welt in Brand gesetzt. Er war in den 90er-Jahren ein bekannter Rapper und nannte sich Big Floyd. Er saß fünf Jahre im Gefängnis und wollte sein Leben ändern. Er hinterlässt zwei Kinder. Sie verdienen Gerechtigkeit. Acht Minuten und 46 Sekunden schreit er nach Hilfe. Aber keiner unternimmt etwas. Ich kannte den Mann nicht, aber ich weiß, er ist gestorben wegen der gleichen Hautfarbe, mit der ich auf die Welt gekommen bin“, sagt Kharis Ikoko vom Organisationsteam „Silent Protest“, als sie auf der kleinen Bühne steht. „We want justice!“ (Wir wollen Gerechtigkeit), ruft sie und die 3000 Menschen, die sich versammelt haben, antworten immer wieder: „No justice, no peace“ (Keine Gerechtigkeit – kein Frieden)

Abel Simao wurde kürzlich als "Neger" beschimpft.
Bild: Bernd Hohlen

Augsburg: Abel Simao wurde kürzlich als "Neger" beschimpft

350 Personen hatte das Organisationsteam von „Silent Protest“ angemeldet, doch laut der Polizei kamen 3000. Das Video von dem weißen Polizisten aus Minneapolis/ USA, der sein Knie acht Minuten und 46 Sekunden dem Afroamerikaner George Floyd in den Nacken presste und der kurz darauf verstarb, sorgte weltweit für Entsetzen. Der 20-jährige Abel Simao steht ganz vorn an der Bühne, er sagt: „Ich bin in Augsburg zur Schule gegangen, hatte nie Probleme wegen meiner Hautfarbe, aber kürzlich beschimpfte mich einer in der Stadt als Neger“. Kürzlich, er betonte es, weil es ihn überraschte. Was ist also passiert in der letzten Zeit?

Dominik Sattler, 31, will das nicht gelten lassen: „Rassismus ist schon so lange ein großes Problem. Die Leute kapieren gar nicht, wie tief er verwurzelt ist. Ich glaube, dass es in Amerika aufgrund der Mentalität der Rassismus größere Extreme annimmt“. Sylvia Beyerle bestätigt das. Wir haben vor der Veranstaltung mit ihr gesprochen. Sie ist als Soulsängerin „Mom Bee“ bekannt. Sie entwickelt ein differenziertes Bild vom Rassismus in Deutschland. „Rassismus in Deutschland ist nicht so direkt wie in Amerika. Er ist diffiziler. Mehr von Angst und Unsicherheiten geprägt im Umgang mit Menschen, die nicht dem „Erscheinungsbild eines Deutschen entsprechen“, wie sie sagt.

Sylvia Beyerle spricht über ihrer Erfahrungen mit Alltagsrassismus.
Bild: Bernd Hohlen.

Sylvia Beyerle spricht von "Alltagsrassismus" in Deutschland

Sie ist in Bayern geboren und in Baden-Württemberg aufgewachsen. Sie spricht vom „Alltagsrassismus“. Der Alltagsrassismus in Deutschland ist ein immer wiederkehrendes Sprach- und Fragemuster. „Du sprichst aber gut Deutsch, wo hast du das gelernt? Wo kommst Du her? Natürlich kann man sein Gegenüber fragen, wo sie oder er herkommt, das mache ich auch, aber wenn ich sage, ich komme aus Bayern, dann werde ich nicht ernst genommen und die Frage geht weiter: „Ja, aber wo kommst du wirklich her?“, dann haben wir diese Form des Alltagsrassismus. Das ist in den Köpfen so drin, dass Menschen anderer Hautfarbe noch nicht zu dieser deutschen Gesellschaft dazugehören. Wenn ein Elternteil schwarz und der andere weiß ist, wie bei mir, dann wurde mir schon gesagt: „Du bist ja kein richtiger Neger“.

Polizei ist mit dem Verlauf der Anti-Rassismus-Demo zufrieden

Pia Ickert, 23, Mit-Veranstalterin von „Silent Protest“ erläutert ihre Motivation so: „Meine beste Freundin ist dunkelhäutig und es ist erschreckend zu sehen, wie sehr der Rassismus noch bei uns verankert ist. Mir war das früher nicht so bewusst, weil ich als Weiße nie damit konfrontiert war. Ich finde es großartig, dass so viele Leute gekommen sind. Ich hoffe, es wird nicht wieder aus den Köpfen der Leute verschwinden“. Die Versammelten werden per Durchsage von den Veranstaltern und der Polizei aufgefordert, Abstand einzuhalten, Mundschutz zu tragen. Als der Andrang immer größer wird, weichen die Protestierenden auf die Imhofstraße und in den Wittelsbacher Park aus. Auf Nachfrage zeigte sich die Polizei mit dem Verlauf der Demonstration sehr zufrieden.

Die Botschaften, die alle rufen, wirken wie einstudiert, sie sind es aber nicht: „George Floyd – Black is black“ und „I can’t breathe“, „Ich kann nicht atmen“, die letzten Worte von George Floyd werden immer und immer wieder gerufen. Das klingt kraftvoll und die vorwiegend jungen Menschen wirken entschlossen. Wie spontan das alles ist, wird deutlich, als Kharis Ikoko auf der Bühne sagt: „Wir sind kein Verein, nur ein Zusammenschluss, junger, vernetzter Menschen“. Sie erhält starken Applaus. Auch von Angelika Hiltebrandt. Die 62-Jährige ist sich sicher, dass dieser Protest bleiben werde. „Und er wird in unserer Gesellschaft etwas verändern.“

Lesen Sie dazu auch: "Genug ist genug!": Warum es so viele US-Amerikaner auf die Straßen treibt

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Die Diskussion ist geschlossen.

09.06.2020

>> Sie spricht vom „Alltagsrassismus“. Der Alltagsrassismus in Deutschland ist ein immer wiederkehrendes Sprach- und Fragemuster. „Du sprichst aber gut Deutsch, wo hast du das gelernt? Wo kommst Du her? <<

Ist das vielleicht kein Rassismus sondern eigentlich das Thema Einwanderung?

Man merkt schnell, ob jemand souverän erklärt, dass er hier aufgewachsen ist oder wie er sich die Sprache angeeignet hat. Und man merkt wenn jemand auf Konfrontation geht und irgendeinen Kampf führt, der viele Menschen überhaupt nicht interessiert.

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08.06.2020

Ich stimme dem Kommentar von Maja S. voll und ganz zu.

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08.06.2020

Wie war das noch mal mit Massenveranstaltungen?

So ernst das Thema ist - dass ganz offensichtlich gegen die Coronavorschriften verstoßen und darüber kein einziges Wort verloren wird, ist schon irritierend. Die Polizei ist gar 'zufrieden', dass keine Abstandsregeln eingehalten werden. Ja, wenn sie nicht gegen Einzelne tätig werden kann, ignoriert sie gerne Verstöße.

Da sitzen in leeren Fußballstadien Spieler kilometerweitvon einander entfernt über 90 min hinweg mit Maske auf der Tribüne - aber spontane Massenansammlungen sind offenbar nicht beanstandenswert - halt, wenn sie gegen Coronavorschriften protestieren dann schon.

Es wird allmählich lächerlich, ist an Ungleichheit nicht mehr zu überbieten und es muss keinen verwundern, wenn die Leute keine Lust mehr haben, sich an skurril anmutende Vorschriften zu halten.

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08.06.2020

Bei den nicht geplanten Massen war wohl die Polizei überfordert, was durchaus nachvollziehbar ist.
Auch wenn das Hauptproblem der nicht eingehaltene Abstand ist, so ist doch sehr auffallend dass wesentlich mehr Menschen und das in ganz Deutschland zu diesen Demos gegen Rassismus gekommen sind. Damit haben weder Polizei noch die Veranstalter gerechnet.

Dies bedeutet leider, dass der Rassismus auch in Deutschland viel größer ist als angenommen.

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