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Prozess in Augsburg

11.01.2019

Prügelattacke vor Augsburger Bar: Das Opfer dachte, es stirbt

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Tatort eines Mordversuchs? Das Opfer einer Schlägerei vor dieser Bar kam nun vor Gericht zu Wort.
Bild: Bernd Hohlen

Sieben Bauarbeiter stehen in Augsburg vor Gericht, weil sie mehrere Zufallsopfer wüst zusammengeschlagen haben sollen. Nun erzählt ein Opfer seine Leidensgeschichte.

Er habe sich immer stark gefühlt, erzählt Murat C. (Name geändert), 28. In seiner Familie galt er als derjenige, der es mal weit bringen könnte. Doch dann kam der Morgen des 18. Februar 2018 und veränderte alles. Murat C. wurde zum Opfer. Er wurde vor einer Bar in der Theaterstraße von aggressiven Nachtschwärmern brutal geschlagen und zusammengetreten. Auch, als er längst am Boden lag. Er wurde nicht nur schwer verletzt. Sein Leben geriet aus den Fugen. Er muss jetzt lernen, mit Ängsten zu leben. Mit Unsicherheit. Und mit den Eindrücken von der Tat, die immer wieder in ihm hochkommen.

Es ist der dritte Tag im Prozess gegen sieben rumänische Bauarbeiter. Sie sollen, aus Frust über den Rauswurf aus einer Bar, drei Zufallsopfer brutal zusammengeschlagen haben. Die Staatsanwaltschaft spricht in der Anklageschrift von einer „hemmungslosen Gewaltorgie“. An diesem Donnerstag kommen die Opfer zu Wort. Murat C. hat die schwersten Verletzungen erlitten. Er erzählt: „Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß noch genau, wie kalt der Asphalt war. Ich weiß noch, wie hart sich die Tritte in mein Gesicht angefühlt haben.“

Er drehte sich um - und hatte sofort eine Faust im Gesicht

Murat C. sagt, er sei zusammen mit einem Kumpel und einer Frau, die er in dieser Nacht kennengelernt hatte, noch unterwegs gewesen, um „ein letztes Bier“ zu trinken. Sie steuerten die Bar im Theaterviertel an, weil er aus seinen Zeiten als Taxifahrer wusste, dass das Lokal um 6 Uhr noch einmal aufmacht. Sie seien sich aber unschlüssig gewesen, ob sie reingehen sollen. Dann hätten sie bemerkt, dass es im Eingangsbereich Ärger zwischen Türstehern und Gästen gibt. Sie hätten eigentlich schon wieder weggehen wollen, da sei er von hinten gepackt worden. Als er sich umgedreht habe, habe er schon den ersten Faustschlag ins Gesicht bekommen.

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Es hagelte Schläge, dann ging er zu Boden und spürte sofort einen Tritt mitten ins Gesicht, gegen das Nasenbein. Dann kamen weitere Tritte, teils frontal ins Gesicht. „Es ging nur wenige Minuten, aber es kam mir vor wie Stunden.“ Irgendwann habe er gedacht: „Das überlebe ich nicht.“ Ihm sei schwarz vor Augen geworden. Daran, wie die Sanitäter ihn versorgten und ins Klinikum Süd in Haunstetten brachten, könne er sich nur noch bruchstückhaft erinnern.

Einzelheiten von der Tat in Augsburg weiß er nicht mehr

Einzelne Täter kann Murat C. nicht identifizieren. Als er zur Anklagebank blickt, sagt er, zwei der Männer dort kämen ihm bekannt vor. Aber er könne nicht sagen, ob und was diese beiden ihm angetan hätten. Er wurde schon von den Ermittlern der Polizei nach Details gefragt. Wer hatte welche Jacke an? Welche Schuhe hat er gesehen? Doch all diese Einzelheiten hat er nicht wahrgenommen. Da waren nur die vielen Schläge und Tritte, bis er dann vorübergehend das Bewusstsein verlor.

Murat C. erlitt mehrere Brüche im Gesicht, Wunden, Blutergüsse und Prellungen. Auch ein Auge wurde verletzt. Er sieht nicht mehr ganz so gut wie früher. Ansonsten sind die körperlichen Verletzungen weitgehend verheilt. Aber er kämpft noch immer damit, das Trauma zu verarbeiten. Er schildert, dass er zwischenzeitlich aggressiv wurde, aber auch antriebslos. Dass er nicht mehr zur Arbeit konnte. Er hatte Panikattacken und ließ sich deshalb im Krankenhaus behandeln. Noch immer hat er schlaflose Nächte. Auch jetzt, vor dem Prozess, habe er mehrere Nächte nicht schlafen können, sagt Murat C. Er hat sich aber aufgerappelt, hat im Herbst einen festen Job bei einem Unternehmen gefunden und hofft, nach dem Prozess mit dem, was er erleben musste, abschließen zu können.

Eine Entschuldigung nimmt das Opfer nicht an

Einer der sieben Angeklagten will sich bei Murat C. entschuldigen. Doch er will die Entschuldigung nicht annehmen. „Ich wäre beinahe gestorben, so was kann man nicht entschuldigen“, sagt er. Er sei, als er jünger war, auch schon mal in eine Prügelei verwickelt gewesen. Aber wenn jemand am Boden lag, sei spätestens Schluss gewesen. Er müsse nun damit leben, dass er nichts getan habe, aber trotzdem fast totgeschlagen worden sei.

Die Staatsanwaltschaft wertet die Tat als versuchten Mord. Sie wirft den Angeklagten vor, heimtückisch und aus niederen Beweggründen gehandelt zu haben – nämlich nur, um ihren Frust abzureagieren. Neben Murat C. wurden auch sein Kumpel und seine neue Bekannte geschlagen, getreten und verletzt. Vier Angeklagte haben sich bis jetzt in dem Prozess vor der Jugendkammer des Landgerichts zu den Vorwürfen geäußert, sie aber nur teilweise eingeräumt. Drei der Männer schweigen bislang.

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