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Augsburg

24.09.2019

Rehfamilie lässt Augsburger Kleingärtner verzweifeln

In Augsburg ist eine Rehfamilie in Kleingärten eingezogen.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa (Symbol)

Plus In Augsburg ist eine sechsköpfige Rehfamilie in Kleingärten eingezogen und lässt sich nicht mehr vertreiben. Doch eine Lösung zeichnet sich ab.

Die Kleingartenanlage Göggingen 2 „Am Wertachdamm“ liegt idyllisch am Rand eines kleinen Wäldchens in direkter Nachbarschaft zur Wertach. Selbst tagsüber ist es hier völlig still, außer Vogelgezwitscher und ein paar Insekten ist kaum ein Laut zu hören. Die rund 70 Kleingärtner genießen die Abgeschiedenheit inmitten der Natur. Doch ausgerechnet aus der Natur haben sich einige Gäste in die Anlage geschlichen, die den Kleingärtner das Leben schwer machen und sie um die Früchte ihrer Arbeit bringen.

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„Wir sind ratlos“, sagt der Vorsitzende der Anlage, Max Neff. Denn eine Rehfamilie hat die Schrebergärten zu ihrem Domizil erklärt – und offenbar beschlossen, dort auch dauerhaft zu bleiben. „Die Tiere haben mittlerweile Nachwuchs bekommen und sind jetzt zu sechst“, so Neff. Sie spazieren durch die Gärten und haben sich mittlerweile so sehr an die Menschen gewöhnt, dass sie nicht einmal mehr den Kopf heben, wenn nebenan ein Kleingärtner in seinem Garten zu- gange ist. „Wenn man ihnen zu nahe kommt, sind sie mit wenigen Sätzen in der nächsten Parzelle – vertreiben lassen sie sich nicht.“

Frust bei Gärtnern in Augsburg: Rehe fressen Apfelbaum

Und natürlich hat so eine sechsköpfige Rehfamilie einen ordentlichen Hunger. „Die fressen alles, was nur entfernt essbar ist“, stöhnt der Kleingartenchef. Büsche, Obstbäume, Blumen und natürlich Gemüse werden ratzeputz klein gemacht. Im Kleingarten von Max Neff musste ein junger Apfelbaum dran glauben, heruntergefressen bis auf den Stumpf.

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Dass es den Rehen in der Gögginger Anlage so gut gefällt, liege an Wertach vital , vermutet Neff. Denn weil der Hochwasserdamm demnächst näher an die Kleingärten rücken soll, wurden zwei Reihen mit insgesamt 30 Kleingärten geräumt. Der größte Teil der Gärten steht leer und verwildert – nur einige Unverdrossene harren dort noch aus und pflegen ihren Garten bis zuletzt. Zu ihnen gehören Inge und Gottfried Sick. Ihr gepflegter Garten liegt zwischen den aufgelassenen Parzellen, hier ist es noch etwas grüner und naturnäher. „Die Rehe haben meine Geranien gefressen – bloß die Blütenköpfe“, sagt Inge Sick. „Neulich standen drei Tiere direkt hinter der Tür, die haben sich gar nicht stören lassen.“

Max Neff in einem zwischenzeitlich nicht mehr bewirtschafteten Garten, wo sich immer wieder Rehe aufhalten.
Bild: Peter Fastl

Gärtner veranstalteten eine "Treibjagd"

Man habe schon alles versucht, doch die Rehe ließen sich nicht verscheuchen, sagt Max Neff. Man wollte eine „Treibjagd“ mit den Gartenbesitzern veranstalten, um die Tiere aus der Anlage zu scheuchen, sei aber am Dickicht der aufgelassenen Gärten gescheitert. Ein Jäger habe gesagt, in der Gartenanlage dürften die Tiere auch nicht gejagt werden, wegen der Gefahr für die Menschen.

Dem widerspricht der Vorsitzende der Augsburger Jägervereinigung, Hans Fürst. „Gerade in Kleingartenanlagen haben wir es ja regelmäßig mit tierischen Gästen zu tun“, weiß er. Füchse, Dachse oder auch einmal ein Wildschwein würden immer einmal wieder den Weg in die Anlage finden. „Zuerst versucht man, die Tiere zu vergrämen“, so der Jäger. Doch während einige Wildtiere dauerhaft Reißaus nähmen, komme es immer wieder vor, dass andere partout nicht gehen wollten. Manchmal könne man sie auch lebend in Fallen fangen und an einem anderen Ort aussetzen. Doch wenn alles nichts hilft, bleibe nur der Abschuss. „Wir Jäger haben die Aufgabe, Schaden abzuwenden“, erklärt er. Allerdings müssten damit alle Beteiligten einverstanden sein. „Wenn nur ein Gartenbesitzer nicht zustimmt, ist nichts zu machen.“ Die Sondergenehmigung für den Abschuss gebe es bei der Stadtforstverwaltung, so Fürst. Im Stadtgebiet gibt es einen Jäger, der das Problem dann aus der Welt schafft. „Jetzt wäre der Zeitpunkt gerade günstig, weil ohnehin Jagdsaison ist“, weiß Fürst.

Darf man die Rehe erschießen?

Doch vielleicht dürfen die Rehe doch weiterleben, denn eine andere Lösung zeichnet sich ab. Bis zum Ende des Jahres sollten die zwei verwilderten Gartenreihen nämlich beseitigt werden, sagt die Stadt. Zuständig dafür ist das Wasserwirtschaftsamt Donauwörth. Und damit auch künftig keine Wildtiere gefallen an den Pflanzen in der Anlage finden, errichten Stadt und Wasserwirtschaftsamt rings um die Anlage einen neuen, 1,80 Meter hohen Zaun. Der ist dann auch hoch genug, dass ihn kein Reh mehr überspringen kann.

Wildtiere in der Stadt seien ein ganz normales Phänomen, ein ganz normales Phänomen, sagt der Chef des Landschaftspflegeverbandes, Nicolas Liebig. „Im Grunde ist eine Stadt nichts anderes als ein Felsenmeer, wie es die Tiere aus dem Hochgebirge kennen“, erklärt er. Nicht nur große Säugetiere, sondern auch Vögel, Fledermäuse und Insekten finden hier optimale Bedingungen. „Und Nahrung finden die Tiere in unserer Wegwerfgesellschaft ja auch genug.“ Ein halb aufgegessener Burger im Müll landet dann im Magen von Ratten oder Füchsen. Im Herbst, wenn das Nahrungsangebot auf den Feldern versiegt, würden wieder Wildschweine und Rehe auf Nahrungssuche in die Randgebiete von Städten wandern.

Dass einmal ein Wildschwein im Kanal landet, habe es bereits im 15. Jahrhundert gegeben, weiß Liebig. Damals gab es ein Gesetz, dass die Augsburger Wasserbaumeister angeschwemmtes Wild behalten durften – für ihren Kochtopf.

Lesen Sie auch: Für Wildtiere ist die Stadt gefährlich

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24.09.2019

Wer Gärten verwahrlosen und Gartenzeilen verwildern lässt, nicht pflegt und Zäune nicht erneuert, braucht sich nicht zu wundern, wenn Rehe oder anderes Wild an die Salat- und Kohlköpfe gehen.

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