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16.11.2018

Selten, aber schön: die Handschrift

Analyse Ein Buch würdigt eine uralte, aber bedrohte Kulturtechnik aus Sicht von Design, Gestaltung und Bedeutung

Wann haben Sie selbst zuletzt mit der Hand geschrieben? Wann zuletzt etwas Handschriftliches erhalten? Vor 20 Jahren hätte kaum jemand länger über diese Fragen nachdenken müssen. Heute sieht das anders aus. Die Handschrift verschwindet aus dem Alltag, sie wird zu einer Kulturtechnik, die immer weniger mit unserem Leben zu tun hat, bzw. zur artifiziellen Simulation wird. Computerprogramme können heute schon Handschriften von Toten imitieren, von John Lennon etwa oder Abraham Lincoln.

Den ästhetischen Wert der Handschrift, ihre nach wie vor starke Stellung in Grafik, Kunst und Design, lotet jetzt ein im Augsburger MaroVerlag erschienenes Buch aus, das nicht nur wegen seiner über 150 Abbildungen zu Recht den Titel „Bilderschreiben“ trägt. Peter Krüll, Professor für Design in Nürnberg, untersucht darin die formale und kreative Bedeutung und gestalterische Verwendung der Handschrift, deren visuelle Poesie und Bildhaftigkeit eben nicht zwingend an Lesbarkeit gebunden ist.

Krüll ruft Künstler wie Joseph Beuys („Auch wenn ich meinen Namen schreibe, zeichne ich“), Ben Vautier („Schreiben ist das Malen von Wörtern“) und Kurt Schwitters („Schrift ist das niedergeschriebene Bild der Sprache, das Bild des Klanges“) in den Zeugenstand und blickt über Europa hinaus. „Für die Japaner ist Schrift nicht allein Trägerin einer ästhetischen Form, sondern vor allem Sinnbild höchster menschlicher Kultur.“ Die Kalligrafie und ihre überragende Bedeutung für die Kulturen Chinas und Japans beschäftigen den Design-Professor ebenso wie die Schnittstelle von Musik und Schrift oder die prägende Rolle der Handschrift etwa in der Street-Art – also Graffiti.

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Verblüffend ist die Verankerung von Handschrift (und sei es nur ein gestisches „Schreiben“, das nicht mit unserem Buchstabendenken entzifferbar ist) in der bildenden Kunst. Die Publikation zeigt Werke von Twombly, Tàpies, Klee, Cage, Stefan Sandner und anderen, stellt dem aber gleichwertig auch Arbeiten von Krülls Studenten gegenüber. Es wird offenbar, dass es auch unter jungen Designern ein Bedürfnis gibt, frei und ausdruckstark mit Handschrift zu gestalten. Krüll spricht gar von einem „Verlangen“. Zu sehen ist, wie Schrift zum Bild wird und welche Individualität Handschrift ausdrückt. „Keine zwei Leute schreiben exakt gleich“, lesen wir. Und: „Plötzlich eine eigene Unterschrift zu besitzen, ist eine Steigerung der Persönlichkeit.“

Ein besonderes Augenmerk legt Herausgeber und Designprofessor Krüll auf die Handschrift als Bestandteil von Plakatgestaltung. Ob Jazzfestival oder Kunstausstellungsplakat: Es erstaunt, wie wirkungsvoll gerade die unplakative, mit flüchtigem Blick gar nicht entzifferbare Handschrift Außenwirkung und Aufmerksamkeit erzielt. Für die Beispiele, die Krüll in seinem Buch zeigt, trifft auch zu, was er von Qadi Ahmad, einem arabischen Kalligrafen, zitiert: „Sieht man gut Geschriebenes, gleichgültig, ob man es auch lesen kann, erfreut man sich bloß an dessen Anblick.“ Anders drückt es Pierre Bernard aus, der zu den führenden Köpfen des Pariser „Atelier Grapus“ gehörte, deren in Handschrift gestaltete Plakate Designgeschichte geschrieben haben. „Du kannst nicht lügen, wenn du mit der Hand schreibst.“

In einem Essay von Max Ackermann, der den Band beschließt, wird die Handschrift unter historischen, gesellschaftlichen, psychologischen, philosophischen Aspekten befragt. Unlesbarkeit als Strategie, die Aura von Autografen sowie Schrift und Geheimnis sind Themen. Ackermann führt das bis heute rätselhafte, sogenannte „Voynich-Manuskript“ auf, 246 Seiten dick, entstanden um 1420. Es ist unklar, in welcher Schrift es geschrieben worden ist. Diese Unzugänglichkeit irritiert. Erfindung, Fälschung, Irreführung?

Welche Rolle Handschrift noch (oder wieder?) im digitalen Zeitalter spielt, ist heute entscheidende Frage. Klar ist der Befund, dass Gebräuchlichkeit, Praxis und Übung des Hand-Schreibens rapide abgenommen hat. Aber das Buch fragt auch: Ist das eigentlich schlimm? Welche kulturellen Verluste gehen damit einher? Wird Handschrift zu einer nostalgischen Edelgeste?

Hans Ulrich Obrist, einer der international einflussreichsten Kuratoren im Kunstbetrieb, sammelt Handschriften von Künstlern und stellt sie auf das Fotoportal Instagram. „Handschrift muss einen Ort in unserem Leben haben“, sagt er. Und sei es im Internet.

 Peter Krüll: Bilderschreiben MaroVerlag Augsburg, 28 Euro

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