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Augsburg

29.02.2020

Shisha-Bar-Besitzer nach Hanau: "Wenn ich Angst hätte, müsste ich schließen"

Schvan Hane ist Inhaber der Shisha-Bar Orient Flow in Augsburg.
Bild: Jan-Luc Treumann

Plus In Hanau hat ein Mann Menschen in einer Shisha-Bar erschossen. Wie fühlen sich ein Bar-Besitzer und seine Gäste nach der Tat? Ein Besuch im Orient Flow.

Jarid B. sitzt zurückgelehnt auf einem schwarzen Sofa, die Arme auf der niedrigen Rückenlehne ausgestreckt. Er und sein Kumpel rauchen eine Shisha, Himbeer-Ice-Geschmack. Sie teilen sich einen Schlauch und so tritt aus einem zweiten Anschluss, an dem kein Schlauch steckt, immer wieder weißer Rauch hervor. Etwas mehr als eine Woche ist der Anschlag in Hanau nun her, bei dem ein 43-Jähriger Menschen in einer Shisha-Bar tötete. Es war eine rassistisch motivierte Tat, es starben vor allem Menschen mit ausländischen Wurzeln. Hat die Tat Auswirkungen auf Menschen, die Shisha-Bars besuchen?

Jarid B. ist 21, in Augsburg geboren, hat raspelkurze Haare, Undercut. Er heißt in Wirklichkeit anders, möchte seinen Namen aber nicht preisgeben. B. hat über Instagram von dem Anschlag erfahren: "Ich war schockiert", sagt er. "Aber ich fühle mich jetzt nicht persönlich bedroht." Er versuche, sich nicht mit der Tat zu beschäftigen, es sei nicht gut, wenn man ständig Angst habe. Schließlich könne einem immer etwas passieren.

Hane: "Das muss nicht in einer Shisha-Bar passieren"

Das sieht auch der Inhaber des Orient Flow so, Schvan Hane. Er sitzt an einem niedrigen Tisch mit niedrigem Stuhl und spielt mit einer Zange, mit der die heißen Kohlewürfel auf den Shishas platziert werden. "Das muss nicht in einer Shisha-Bar passieren, so etwas kann auch draußen passieren. Beim Fußball im Stadion, bei Vereinen, das weiß man nicht", sagt Hane. "Ich habe hier keine Angst, dass so etwas passiert. Nein, auf keinen Fall." Wenn er Angst hätte, müsste er seine Bar schließen. Denn dann hätte er auch um seine Gäste Angst.

Hane vertraut auf den Staat, die Polizei. Solange die da sei, habe er keine Angst. Doch Polizei gab es ja auch in Hanau? "Ich weiß nicht, wie es dort ist, aber ich denke, nicht wie in Augsburg", meint der 36-Jährige mit dem dichten dunklen Bart und sagt weiter: "Der Staat schläft ja nicht. Ich glaube nicht, dass unsere Beamten Kaffee trinken und dann abends nach Hause gehen".

Den Shisha-Bar-Inhaber stört, dass es so häufig um den Täter statt um die Opfer geht

Und schließlich könne man nicht die Gedanken jedes Menschen lesen. Mehr Kontrollen wären gut, was für Kontrollen er meint, kann er nicht präzisieren. Doch über den Täter will er sich gar nicht so viele Gedanken machen: "Er hat einen falschen Weg eingeschlagen. Er hält diesen Weg vielleicht für richtig, aber er ist falsch." In der Debatte um Hanau stört Hane eines: Bei Anschlägen gehe es so oft um die Täter, um deren Nationalität, aber "die Leute reden nicht über die Angehörigen, fragen nicht, wie es denen geht."

Seiner Meinung nach verschärfe sich der Hass durch soziale Netzwerke. Einer schreibe einen Kommentar, ein anderer antworte, es gehe hin und her: "Nach einer Stunde muss da etwas Schlimmes bei rauskommen", findet Hane.

Kohlestücke für die Shishas.
Bild: Jan-Luc Treumann

Doch nach der Tat von Hanau seien Shisha-Bars seiner Meinung nach nicht gefährdeter als andere Orte. Menschen träfen sich genauso in Cafés und Kneipen, überall könne theoretisch etwas passieren.

Passiert ist in Augsburg im Zusammenhang mit Shisha-Bars im vergangenen Jahr kaum etwas. Laut einem Polizeisprecher gab es einmal einen Steinwurf, doch das habe eher mit dem Besitzer und dessen Umfeld zu tun gehabt. Zudem gibt es in Augsburg immer weniger Shisha-Bars. Im Jahr 2018 waren es noch 15, heute sind es vier Shisha-Bars, wie Werner Reinbold vom Ordnungsamt mitteilt. Das heiße nicht, dass es nicht Gaststätten gebe, die vielleicht auch einige Shishas hätten. Aber bei den vier Bars seien die Wasserpfeifen das Geschäftsmodell. Der Rückgang liege auch an den starken Kontrollen, denn echter Tabak dürfe nicht geraucht werden.

Eine Besucherin sagt: "Man sollte seinen Lebensstil nicht einschränken"

Das Orient Flow besteht noch immer. Seit 2014 betreibt Hane die Shisha-Bar neben der Rockfabrik, doch von dem Gelände ist drinnen nichts zu sehen. Weiße, goldene und rote Vorhänge an den Fenstern verdecken die Blicke nach draußen. Blaues und lilafarbenes Licht strahlt von der Decke, doch es ist eher gedämpft. Genauso wie die Musik, eine Youtube-Playlist mit arabischer Musik läuft, doch in einer Lautstärke, sodass sich Besucher in normaler Laustärke unterhalten können.

So wie Aylin N., die auch anonym bleiben will. Sie ist mit einem Kumpel zum Shisha-Rauchen da. Blaubeere-Minze. Sie erzählt, dass sie nicht mit dem Gedanken rausgegangen sei, dass jemand hier reinstürmen könnte. "Aber man sollte es im Hinterkopf behalten, dass das passiert ist." Doch solle man seinen Lebensstil nicht einschränken, denn das spiele Menschen wie dem mutmaßlichen Täter noch mehr in die Hände.

Als Aylin N. von der Tat in Hanau erfahren hat, war sie geschockt, "Katastrophe" sei ihr erster Gedanke gewesen. "Danach merkt man erst, wie kurz das Leben ist, dass es in einer Sekunde vorbei sein kann. Man kann nichts dagegen tun, wenn ein Irrer reinspringt und meint, sowas tun zu müssen", sagt die 23-Jährige.

Eine Freundin von ihr lebt in Hanau

Sie erzählt, dass sie in Hanau eine Freundin habe, die in einem Einkaufszentrum arbeite. "Sie wird zurzeit nicht mehr in die Arbeit gerufen, weil nichts zu tun ist. Die Leute dort sind vermutlich noch viel vorsichtiger als wir hier in Schwaben."

Blick in die Räume des Orient Flow.
Bild: Jan-Luc Treumann

Die Attacke in Hanau, der Anschlag auf eine Synagoge in Halle oder auch der Angriff am Münchner Olympiaeinkaufszentrum 2016 - Aylin N. fürchtet, dass Angriffe von Rechten zunehmen: "Wenn das so weitergeht, passiert da wahrscheinlich schon mehr". Solche Leute sähen in Shisha-Bars vielleicht einen Angriffspunkt. Denn in Shisha- oder Sport-Bars gebe es wohl tendenziell mehr Personen mit Migrationshintergrund. Die sollten sich ihrer Meinung nach viel stärker in der Politik engagieren. Bei der Kommunalwahl im März seien in dieser Hinsicht ja bereits viele Kandidaten mit dabei, sie sehe da viel Potential.

Was macht eine Shisha-Bar aus?

Aylin N. hat es sich in einer Ecke am Eingang bequem gemacht, sie geht regelmäßig in Shisha-Bars. "Für mich sind das Orte, an denen man entspannt seinen Tag ausklingen lassen, sich mit Freunden auf eine Pfeife treffen kann. Über den Tag reden, nichts, was mit Rechtsradikalen zu tun hat", schildert sie.

Nach dem Arbeitstag entspannen, "chillen", ist auch für Inhaber Schvan Hane der Grund, dass die Menschen zu ihm kommen. Doch es kommt noch etwas anderes dazu: "Atmosphäre. Die ist anders als in einer normalen Bar. Wenn ich eine Pizza essen will, mache ich das nicht im Dönerladen, das passt nicht. Dazu gehe ich zum Italiener", sagt Hane. Seine Kunden hätten auch zu Hause eine Shisha. "Aber das Ambiente ist hier anders. Nach der Arbeit trifft man seine Kollegen, trinkt seinen Tee und raucht Shisha." Vor allem 20- bis 35-Jährige kämen zu ihm, auch eine Gruppe 50-Jähriger sitze regelmäßig bei ihm in der Bar.

Die Anziehungskraft einer Shisha-Bar liegt für Jarid B. auch im entspannten Ambiente, es geht um "ein bisschen Lachen, Quatschen, Shisha rauchen. Da ist alles schön", sagt Jarid B. Doch zunehmender Terror von Rechts beunruhigt auch ihn. "Wenn die Gewalt immer mehr zunimmt, ist das schon beängstigend", sagt er.

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