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Augsburg

14.05.2019

Sie durften kein Pflegekind aufnehmen: Worüber sich diese Eltern ärgern

Mandy und André Klittmann wollten ein Pflegekind - scheiterten aber mit ihrem Wunsch. Im Bild sind sie mit ihren Töchtern Amelie und Shanice zu sehen.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus In Augsburg gibt es zu wenige Pflegeeltern. Mandy und André Klittmann hatten sich einst dazu bereit erklärt. Warum eine Kooperation mit dem Jugendamt nicht klappte.

In Augsburg werden, wie in anderen bayerischen Städten auch, händeringend Pflegeeltern für Kinder aus prekären Verhältnissen gesucht. Der Bedarf könne momentan nicht gedeckt werden, heißt es aus dem städtischen Jugendamt. Es sind Meldungen, die Mandy und André Klittmann nicht nachvollziehen können: Das Ehepaar, das zwei eigene Töchter hat, wollte vor wenigen Jahren ein Pflegekind aufnehmen. Doch Klittmanns scheiterten an der Behörde.

Gerne hätten die Klittmanns ein drittes Kind gehabt. Vor rund fünf Jahren meldeten sie sich deshalb beim Jugendamt der Stadt Augsburg. Ihr jüngere Tochter Amelie ist inzwischen zehn Jahre alt, die ältere Shanice 15. Shanice hat eine schwere, äußerst seltene Krankheit: Das Mädchen leidet unter einem Gendefekt, der eine Wachstumsstörung verursacht. Die 15-Jährige ist lediglich 96 Zentimeter groß und wächst nicht mehr weiter. Wie ihre Eltern erzählen, hat sie durch Veränderungen an den Blutgefäßen im Gehirn keine hohe Lebenserwartung. Die Familie habe sich von Anfang an darauf eingestellt, dass Shanice frühzeitig sterben kann. Die Eltern gehen offen damit um – auch mit ihren Kindern.

Die Klittmanns waren überzeugt davon, ein Pflegekind aufzunehmen

Da es für die inzwischen 40-jährige Mutter schwer war, noch mal ein Baby zu bekommen, entschied sich das Paar für ein Pflegekind in der Vollzeitpflege. „Wir dachten, wenn schon kein eigenes, dann können wir ein fremdes Kind glücklich machen“, erzählen sie bei sich im Wohnzimmer des Einfamilienhauses. Zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes hätten sie daraufhin daheim besucht. „Sie wollten sehen wie wir wohnen, es war sehr nett.“ Die Klittmanns legten nach eigenen Angaben Führungszeugnisse und Lebensläufe vor, berichteten von ihrer Familie und den eigenen Eltern. Alle paar Wochen, so erzählen sie, besuchten sie Seminare. Sie seien überzeugt von ihrem Vorhaben gewesen, so wie es andere Familien in Augsburg wohl auch sind.

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Nach Auskunft des städtischen Jugendamtes gibt es derzeit 85 Pflegefamilien in der Stadt. Weitere 70, an die die städtische Behörde zuletzt Pflegekinder vermittelte, leben in umliegenden Landkreisen. Zusätzlich gebe es 40 Verwandtenpflegefamilien in Augsburg und 13 außerhalb. Ferner wohnen circa 150 Kinder in Pflegefamilien außerhalb Augsburgs, die vom städtischen Jugendamt vermittelt wurden, deren Zuständigkeit aber an örtliche Jugendämter übergegangen ist. „Fast die Hälfte der Kinder bringen wir jenseits der Stadt unter, weil sich hier zu wenige Familien zur Verfügung stellen“, sagt Margit Schiefelbein, Leiterin des Fachbereichs Pflegekinder im Jugendamt. Dass die Anzahl der klassischen Pflegefamilien abnehme – Mutter Hausfrau, mehrere eigene Kinder, ausreichender Wohnraum – liege vor allem am gesellschaftlichen Wandel.

Für alle Bereiche werde dringend gesucht. Egal ob in der Bereitschaftspflege, in der es gilt, in Notfällen ein Kind vorübergehend bei sich aufzunehmen, oder in der Kurzpflege, wenn etwa eine Mutter ins Krankenhaus muss und sich sonst niemand um ihr Kind kümmern kann. Für diesen Bedarf und für die Vollzeitpflege, in der ein Kind langfristig bei einer Familie lebt, werden insgesamt rund 25 Pflegefamilien gesucht. Sie erhalten dafür eine Vergütung. Die monatliche Pauschale für ein Kleinkind in Vollzeitpflege etwa beträgt 802 Euro, für einen Jugendlichen 1040 Euro. Drei Millionen Euro habe die Stadt 2018 insgesamt für Pflegekinder ausgegeben.

Der Grund der Absage empörte die Augsburger Familie

Mandy Klittmann und ihr Mann verstehen es angesichts der angespannten Situation umso weniger, warum sie einst eine Absage erhielten. Das Ehepaar, das seit 16 Jahren verheiratet ist, erzählt, wie es damals weiter ging. Voller Hoffnung seien sie nach Monaten der Vorbereitung in das Abschlussgespräch mit den Mitarbeiterinnen des Jugendamtes gegangen.

„Dann sagten mir die Mitarbeiterinnen, sie wären dafür, mir momentan kein Kind anzuvertrauen“, berichtet Mandy Klittmann empört. „Ein Grund war, dass ich nicht bereit war, von jetzt auf gleich meinen Halbtagesjob aufzugeben, obwohl ich schon einen Platz in der Kita meiner jüngeren Tochter gehabt hätte. Und ab mittags bin ich immer daheim.“ Der andere Grund aber, der nach eigenen Angaben genannt wurde, habe das Ehepaar massiv getroffen: Angesichts der schwerkranken Tochter gehe sie zu glücklich durchs Leben, habe sich die Mutter anhören müssen. „Das Jugendamt war der Meinung, dass wir uns nicht mit dem Abschied von unserem Kind, der unweigerlich kommen wird, auseinandergesetzt haben“, ergänzt Ehemann André (46). Und ein Abschied könne bei einem Pflegekind, das vielleicht zu den leiblichen Eltern zurückgeht, jederzeit auch anstehen. Für die beiden sei diese Argumentation ein Schlag ins Gesicht gewesen. „Nur weil wir positiv und stark mit der Krankheit unserer Tochter umgehen, wurden wir bestraft.“

Jugendamt mache sich Entscheidungen nicht leicht

Margit Schiefelbein kann sich auf den Vorgang mit den Klittmanns vor wenigen Jahren nicht beziehen, weil er ihr nicht präsent ist. Generell komme es aber immer wieder vor, dass die Ansichten von Bewerbern und Mitarbeitern der Behörde unterschiedlich seien, sagt sie. „Manchmal scheitert eine Vermittlung nicht daran, weil die Eltern ungeeignet wären“, betont Schiefelbein. Häufig aber befänden sich Menschen in besonderen Lebenssituationen, in denen sie mit einem Pflegekind über ihre eigenen Grenzen der Belastbarkeit gehen könnten. „In unseren Entscheidungen sind wir auch verantwortlich für Familien“, erklärt die Fachbereichsleiterin.

Die Fürsorge und Verantwortung für ein Pflegekind sei nicht zu unterschätzen. Oft seien die Kinder traumatisiert, etwa weil sie daheim Gewalt erfahren haben. Für eine Familie, die ein Kind bei sich aufnehme, könne dies eine hohe Belastung bedeuten. Das Jugendamt würde es sich bei Entscheidungen nicht leicht machen. Das Ehepaar Klittmann jedenfalls hat gebraucht, bis es seine Enttäuschung verarbeitet hat. „Wir hätten es wirklich gewollt, aber jetzt haben wir damit abgeschlossen.“

Info: Bei Interesse an der Pflege eines Kindes kann man sich beim Jugendamt unter 0821/324-2834 melden.

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