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Augsburg

18.02.2021

Stadt kündigt Vertrag mit AWO-Tochter - Kranke und Behinderte verlieren Jobs

In Augsburg wird fleißig Elektroschrott gesammelt. Doch wichtige Arbeitsplätze für benachteiligte Menschen fallen jetzt weg.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Die Stadt Augsburg hat einen Vertrag mit dem Sozialunternehmen Infau gekündigt. Nun verlieren dort in der Elektroschrott-Sortierung benachteiligte Menschen ihren Arbeitsplatz.

Es sind Menschen wie Rollstuhlfahrer Franz M. (Name geändert). Viele Jahre hatte er einen Job, in dem er sich nützlich fühlen konnte. M. sortierte Elektroschrott, der in Augsburger Sammelcontainern anfiel. Zusammen mit anderen fischte er systematisch Wertstoffe wie Metalle heraus, damit sie zurück in den Wirtschaftskreislauf gelangen konnten. Nun ist der Arbeitsplatz des Rollstuhlfahrers weg, und nicht nur seiner.

Das Unternehmen Infau, bei dem er beschäftigt war, musste seine Elektroschrott-Sortierung schließen. Als Grund gibt Geschäftsführerin Irena Kotyrba an, dass ein Vertrag mit dem städtischen Abfallwirtschaftsbetrieb Ende 2020 ausgelaufen sei. Das hat Folgen für benachteiligte Menschen.

Mitarbeitern und Jobbern der Sozialfirma Infau in Augsburg wurde gekündigt

Infau ist eine gemeinnützige Tochtergesellschaft der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Mitbegründer Werner Weishaupt sagt, hinter der GmbH stehe die Philosophie, Menschen mit Benachteiligungen oder Beeinträchtigungen in den Arbeitsmarkt zurückzuhelfen oder ihnen eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten. Ein Bereich der Sozialfirma war bislang das Elektroschrott-Recycling. "Wir haben es in Augsburg eingeführt, als es noch in den Kinderschuhen steckte", sagt Weishaupt. Infau sei als zertifizierter Entsorgungs- und Verwertungsbetrieb viele Jahre auf dem Markt gewesen. Doch nun hat die Sortierstelle an der Proviantbachstraße dichtgemacht.

Nach Angaben von Kotyrba musste insgesamt sechs Mitarbeitern gekündigt werden, darunter fünf Langzeitarbeitslosen, die dort eine Beschäftigung gefunden hatten. Auch Rollstuhlfahrer Franz M. verlor seinen Job. Darüber hinaus sind von der Schließung rund ein halbes Dutzend Jobber betroffen, die sich stundenweise etwas Geld dazuverdient hatten. Kotyrba sagt, in einem geförderten Projekt seien dort auch psychisch kranke Menschen tätig gewesen. Insgesamt hätten die Mitarbeiter diese Arbeit sehr gerne gemacht.

Der Markt für Elektroschrott ist völlig zusammengebrochen

Die Geschäftsführerin schätzt, dass im Laufe der Jahre über 200 kranke und behinderte Menschen sowie Langzeitarbeitslose von dem Projekt profitiert hätten. Dies sei nun mit der Kündigung des Sortiervertrages durch den städtischen Abfallwirtschaftsbetrieb vorbei. "Wir haben es bedauert, dass diese Arbeitsplätze wegfallen sollen", sagt sie. Infau habe keinen neuen Geschäftspartner mehr finden können. Der Markt für Elektroschrott sei völlig zusammengebrochen. Es mache daher keinen Sinn, das Geschäft alleine weiterzubetreiben.

 

Kotyrba sagt, bislang habe Infau für das Sortieren und Zerlegen von Elektroschrott jährlich rund 67.000 Euro bekommen, zusätzlich seien Mietkosten entstanden, womit für die Stadt rund 100.000 Euro Kosten pro Jahr angefallen seien. Umweltreferent Reiner Erben (Grüne) hat angekündigt, dass die Stadt einen neuen Verwerter-Vertrag abschließen wolle. Wird es damit künftig billiger? Und wie teuer ist die Zwischenlösung mit der Sortierung des Schrotts direkt im Abfallwirtschaftsbetrieb (AWS), bis ein neuer Entsorger gefunden ist?

Streit über überquellende Sammelcontainer für Elektroschrott in Augsburg

Der Umweltreferent teilt mit, die Kündigung des Vertrages mit Infau sei aufgrund eines Stadtratsbeschlusses erfolgt. Dieser sei nicht öffentlich gefasst worden, da es sich um eine vertrauliche Vertragsangelegenheit handelt. Folglich könne er zu den Hintergründen keine weiteren Angaben machen. "Allgemein lässt sich sagen, dass das bisherige Verwertungskonzept der Stadt Augsburg aufgrund steigender Kosten im Bereich der Sortierung und Verwertung so nicht mehr umgesetzt werden konnte", so Erben. Auch zu den Kosten der Zwischenlösung im AWS könne er aus Gründen der Vertraulichkeit nichts sagen.

So sieht es teilweise an Müll-Sammelstellen in der Augsburger Innenstadt aus.
Bild: Nicole Prestle (Archivfoto)
 

Besonders verärgert ist man bei der Arbeiterwohlfahrt darüber, dass die Stadt ihre aktuellen Probleme mit überquellenden Sammelcontainern quasi Infau in die Schuhe schieben wolle. Seit Anfang Dezember sei klar gewesen, dass die Firma keinen Elektroschrott mehr annehmen könne, weil die für die Sortierung angemietete Fläche freigemacht werden müsse. Es sei vielmehr ein hausgemachtes Problem der Stadt, wenn sie den einen Vertrag kündige und noch keinen neuen habe.

So erklärt Referent Reiner Erben das Problem mit Elektroschrott-Containern

Erben hatte die Probleme öffentlich so erklärt: "Die Abwicklung der Beendigung des Vertrages mit der Infau führte dazu, dass bei der Infau zeitweise nicht angeliefert werden konnte und daher die Container nicht geleert werden konnten." Weiter hatte er Personalengpässe beim Abfallwirtschaftsbetrieb wegen Corona und den hohen Arbeitseinsatz wegen des Winterdienstes geltend gemacht. Nun werde man die ruhigeren Zeiten nutzen, um die Elektroschrott-Container in einer Tour umgehend zu leeren.

Aus Sicht der Arbeiterwohlfahrt ist mit der Vertragskündigung nicht nur ein Abfallproblem entstanden. Das Aus für die Sortierstelle von Infau verschärfe auch ein gesellschaftliches Problem: Arbeitsplätze für benachteiligte Menschen anzubieten werde damit noch schwieriger, meint Kotyrba. Letztlich sei es eine wirtschaftliche und politische Entscheidung der Stadt, ob sie ein solches Angebot erhalten wolle. Warum war es nicht möglich, diese Jobs zu sichern? Reiner Erben meint dazu, diese Frage müsse die Arbeiterwohlfahrt beantworten.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Abfallentsorgung: Ein Sparkurs mit Begleitschäden

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19.02.2021

Wir sehen hier das Grundproblem staatlich gelenkter/finanzierter Arbeit.

Es gibt eine Marktveränderung - und man macht einfach nichts!

Denn das Geld kommt ja vom Staat, also reicht es doch sich als gemeinnützige Tochtergesellschaft sich seiner großen Tradition als "Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD" bewusst zu sein und stets etwas aufrecht abfällig Richtung Amazon zu blicken.

Der politischen Tradition folgend kommen dann die Schuldzuweisungen - aktuell ist es mal ein grüner Referent der kommunikativ etwas ungeschickt durch das Tal der gerne sozial Empörten wandelt.

Leider kam ein Virus und das selbstgefällige umverteilen von Geld findet erst mal ein jähes Ende; vor allem für Städte die stark auf einen ideologischen statt wirtschaftlichen Unterbau setzen. Eure Theater und Tunnels ins Nichts schmerzen euch und das ist gut so!

Was mich brennend interessieren würde sind Details zu diesen Änderung im Elektroschrottmarkt. Ist es vielleicht auch Resultat technischer Änderungen, kleinerer Geräte? Man findet leider im www nichts darüber.

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18.02.2021

Was man hier lesen muss ist eine Sauerei! Und büßen müssen es diejenigen, die ehrliche Arbeit tun und Anstand besitzen. Die Verrohlichung unserer Gesellschaft wird immer schlimmer. Selbst da, wo angeblich christliche und soziale Werte beachtet werden.

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18.02.2021

Irgendwie ist es immer das gleiche: der Fisch stinkt vom Kopf und der Schwanz muss es büßen. Ich finde es sehr bedauerlich, dass gerade die in der beschriebenen Elektroschrott-Sortierung Beschäftigten das büßen müssen, was in der Recycling-Wirtschaft nicht richtig rundläuft.

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18.02.2021

Ich gehe mal davon aus, dass die Situation nicht überrashcen und grundlos entstand.
Aber eines steht erkennbar fest: Herr Erben eignet sich mit seinen Show aus Pleiten, Pech und Pannen bestens für den Watschenmann der abgetauchten Damen Weber und (ganz besonders) Wild.
Diese stümperhafte Stadtspitze - aus CSU-Mittelmaß und Hauptsach-dabei-Grünen - haben die Bürger nicht verdient. Oder doch, sie haben dieses Niveau ja schließlich gewählt.

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18.02.2021

An dieser grünen Politik von Herrn Erben und seiner Fraktion im Stadtrat habe ich keine Freude. Und dann noch eine Entscheidungsfindung ohne Öffentlichkeit.

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18.02.2021

Es ist doch schön etwas Berliner Luft zu atmen ;-)

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18.02.2021

Und wiedereinmal gibt der Umwelt- und Gesundheitsreferent Erben ein äußerst unglückliches Bild ab...
Seine öffentlichen Statements bleiben eine einzige Pannenshow. Die Stadt Augsburg hätte auf dieser Schlüsselposition wirklich etwas mehr Kompetenz verdient. Liebe Grüne Augsburg, findet doch bitte irgendeine gesichtseahrende

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18.02.2021

*gesichtswahrende Lösung, dem Mann aus seinem Amt zu helfen.

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18.02.2021

Wie in ihrer Zeitung wieder zu lesen ist, gibt es im Zuständigkeitsbereich von Herrn Erben immer wieder mal Unstimmigkeiten (u.a. umstrittene Baumfällungen, gelbe Tonne). Die Schwierigkeiten bei der Entsorgug des anfallenden Elektroschrotts jetzt alleine Der AWO anzulasten. ist nicht fair. Es entsteht der Eindruck über die letzten Jahre, dass Herr Erben eine "Wegschiebepolitik" betreibt.
Das ist für einen grünen Umweltpolitiker ein sehr schwaches Signal. Frau Weber, greifen sie endlich ein .

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18.02.2021

Was ich richtig schlimm finde, das diese Sitzungen nicht öffentlich sind, es sind die Müllgebühren der Augsburger!
Wenn ein billigeres Unternehmen den Zuschlag bekommt, landet der E-Schrott in Afrika, genauso wie der Plastikmüll von Remondis in Asien!
Sauerei ist das!

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