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Augsburg

24.03.2019

Stör Igor und Co.: Wer im Ilsesee alles lebt und schwimmt

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2 Bilder
Im Ilsesee gibt es eine reichhaltige Unterwasserwelt.
Bild: Michael Eichhammer

Bald ist es wieder so weit: Der Ilsesee wird zum beliebten Badegewässer. Doch in dem See ist auch sonst viel los. Ein Besuch bei Stör Igor und seinen Kollegen.

Im Nordwesten des Ilsesees ist ein Bereich durch einen Bauzaun abgesperrt. „Am Zaun ist ein Schild mit Betretungsverbot durch den Eigentümer angebracht“, schrieb uns ein Leser. Gemeinden seien jedoch „verpflichtet, der Allgemeinheit die Zugänge zu Bergen, Seen, Flüssen und sonstigen landschaftlichen Schönheiten freizuhalten und allenfalls durch Einschränkungen des Eigentumsrechtes freizumachen“, zitiert er den Paragrafen 141 der Bayerischen Verfassung. Die Leserfrage: Verstößt der Zaun, der an dieser Stelle den Zugang zum See versperrt, also gegen die Verfassung?

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Um es kurz zu machen: Nein. So zumindest die Antwort von Jürgen Scharm. Er muss es wissen, denn der erwähnte Zaun liegt genau an der von ihm betriebenen Container-Tauchbasis. Er wurde von den Eigentümern beauftragt, die Tauchrechte im Eigentümergebrauch wahrzunehmen. Der Zugang zum See erfolgt von der Tauchbasis aus, auf einem Weg direkt zum See. Diesen dürfen ausschließlich Taucher benutzen, die ihre Tauchgenehmigung von der Tauchbasis erhalten haben. Die erwähnte Stelle sei Privatgelände, so Scharm. Besitzer sei die Ilsesee GmbH u. Co KG. Zwar stimmt Scharm zu, dass ein bayerischer See prinzipiell der Öffentlichkeit zugänglich sein müsse, das bedeute aber nicht, dass der Zugang an jeder Stelle ringsherum gewährleistet sein muss. Da der Ilsesee am Süd- und Ostufer einen Badebereich habe, sei es daher legitim, „dass der Eigentümer sein Privatgelände durch Befriedungsmaßnahmen kenntlich macht“, so Scharm.

Portal in eine faszinierende Unterwasserwelt

Viel spannender als diese juristische Frage ist allerdings, was sich hinter dem Zaun befindet – nämlich das Portal in eine faszinierende Unterwasserwelt, die den Augen der Badegäste verschlossen bleibt. Die Taucherplattform an der Tauchbasis ist der Einstieg in einen der spannendsten Unterwasser-Hotspots Deutschlands.

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An seiner tiefsten Stelle ist der Ilsesee 15 Meter tief. Seine Wasserqualität sticht auch dem badenden Laien ins Auge, doch den wahren Schatz im Ilsesee bekommen nur Taucher zu Gesicht. Dank des klaren Wassers zeigt sich die außergewöhnliche Artenvielfalt von Flora und Fauna. Spektakuläre Canyons lassen schnell vergessen, dass man sich nicht in der Südsee, sondern lediglich im bayerischen Süßwasser befindet. Zu verdanken sind sie dem früheren Kiesabbau mit Schwimmbaggern, welche diese Unterwassersteilwände entstehen ließen. „Die einzelnen Schichten sind geologisch konservierte Zeitzeugen der erdgeschichtlichen Entwicklung“, so Jürgen Scharm. Ein Tauchgang im Ilsesee ist quasi Archäologie unter Wasser.

Was Badegäste vermutlich nicht wissen: Mitten im Ilsesee befindet sich in zwölf Meter Tiefe eine der größten Unterwasser-Ausbildungsstationen in Deutschland. Ein 146 Quadratmeter umfassendes Unterwasserlabyrinth mitsamt Tauchturm. Die wenigsten Schwimmenden ahnen außerdem, wer ein paar Meter unter ihnen durchs Wasser gleitet. Die wahre Seehoheit haben unter anderem Hechte von über 1,60 Meter Länge inne. Der ganze Stolz von Jürgen Scharm ist Stör Igor, der auf stolze 2,40 Meter und derzeit über 85 Kilo kommt. Die fünf Störe sind „zutrauliche, intelligente Tiere“, so Scharm. Auf die Hinterlassenschaft von ehemaligen Fischereivereinen allerdings ist er schlecht zu sprechen: Die Aale wurden durch Fischer eingesetzt. Unverantwortlich, wie er findet, denn sie vernichten den natürlichen Krebsbestand und bringen somit die Nahrungskette durcheinander. Auch Barsche, Schleien, Rotaugen und Döbel fühlen sich hier zuhause.

Ein empfindliches Biotop

Dass sich die unscheinbare ehemalige Kiesabbaugrube zu einer der fischreichsten und abwechslungsreichsten Unterwasserlandschaften Süddeutschlands entwickelte, ist nicht zuletzt auch Jürgen Scharm zu verdanken. Gemeinsam mit anderen Gewässerökologie-Experten erarbeitete er ein Konzept für den Ilsesee. Maßnahmen wie das Einrichten von Schutzzonen für Seebewohner, gesonderte Tauch-Einstiegsbereiche, ein Fischereiverbot, Bepflanzungsmaßnahmen und die Wiedereinführung des Edelkrebses haben die ökologische Stabilität des Sees verbessert.

Seit 1982 lernte Scharm in über 800 Tauchgängen den Ilsesee immer näher kennen. Er schwärmt nicht nur von der Schönheit, sondern auch von der Empfindlichkeit dieses Biotops. „Die Pflanzen, Algen und Bakterien im See sind die Lebensgrundlage im See“, erklärt Scharm. Deshalb bittet er die Taucher, sich als passive Beobachter zu verhalten und sich vom Grund fernzuhalten. Dass der Ilsesee derzeit in guter Verfassung ist, zeigen sogenannte Bioindikatoren wie Dreikant- und Teichmuscheln sowie Süßwasserschwämme. An die Badegäste appelliert er, sich die Fragilität dieses Ökosystems bewusst zu machen und entsprechend zu verhalten, „damit uns dieser See noch möglichst lange erhalten bleibt“. Das weiß sicher auch Stör Igor zu schätzen: Diese Fische können über 100 Jahre alt werden.

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