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Porträt

14.12.2019

Streit um Windräder und unter Nachbarn: Eine Richterin erzählt

Beate Schabert-Zeidler ist als Richterin im Ruhestand – arbeitet aber politisch weiter.
Bild: Silvio Wyszengrad

Windräder, Asylverfahren und Nachbarschaftsstreit: Beate Schabert-Zeidler arbeitete seit 1979 am Gericht. Dabei hat sie viel über die Menschen in der Region gelernt.

Ihr beruflicher Alltag war immer mit den Geschehnissen in Schwaben verbunden. Wenn Beate Schabert-Zeidler sagt, dass sie jedes Windrad in der Region kenne und mit einem Augenzwinkern hinzufügt, dass sie auch jedes kenne, das nicht gebaut wurde, zeigt es die ganze Bandbreite. Als Vorsitzende Richterin am Augsburger Verwaltungsgericht war sie nah dran an den Entscheidungen, die die Menschen bewegen. Ihr Job habe ihr stets Spaß gemacht. Als sich vor zwei Jahren die Akten mit Asylverfahren auf ihrem Schreibtisch türmten, brachte es die damals 65-Jährige auch nicht fertig, sich einfach in den Ruhestand zu verabschieden.

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2017 verlängerte sie um zwei Jahre und brachte noch einmal ihr Fachwissen in die aktuellen Fälle mit ein. „Asyl begleitet mich schon mein ganzes berufliches Leben. Dabei muss man das emotionale Gefühl von der rechtlichen Grundlage trennen. Asyl gibt es in Deutschland für aus religiösen, politischen oder sexuellen Gründen verfolgte Menschen und nicht aus wirtschaftlichen Aspekten“, erklärt sie. Gerade nach dem Kosovo-Konflikt und der Flüchtlingswelle 2015 gab es am Augsburger Verwaltungsgericht viele Fälle, die geklärt werden mussten. Auch in diesem Bereich habe sich im Verlauf der Jahrzehnten viel verändert.

Vor Gericht gab es auch Tränen

„Früher war man sehr streng. Wenn jemand den Pass weggeworfen hatte, galt die Person schon als unglaubwürdig“, sagt sie. In den vergangenen Jahren entschied sie über die Zukunft von vornehmlich Syrern, Pakistani und Nigerianern. Nicht selten gab es vor Gericht auch Tränen. Etwa wenn ein Flüchtlingsstatus sehnlichst gewünscht war, aber nur ein subsidiärer Schutz anerkannt werden konnte.

Streit um Windräder und unter Nachbarn: Eine Richterin erzählt

Beate Schabert-Zeidler: „Gerade junge Menschen kommen mit großen Erwartungen und wollen etwa ihre Familie nachholen“, erklärt sie. Dieser Status könne aber nicht in jedem Fall gewährt werden. Durch ihren Beruf war Beate Schabert-Zeidler immer am Puls der Zeit und erlebt auch, wie sich die Gesellschaft innerhalb weniger Jahrzehnte grundlegend änderte. In der Zeit der großen Volkszählung von 1987 hätten Tausende Bundesbürger gegen den Staat geklagt, weil sie ihre privaten Daten nicht rausrücken wollten. „Heutzutage schreibt jeder alles auf Facebook.“

Bei Streits suchte sie nach einvernehmlichen Lösungen

Genau diese Veränderungen sind es, die Beate Schabert-Zeidler immer an ihrem Beruf und an ihrer Kammer bei Gericht gereizt haben. Die 67-Jährige studierte Jura in Augsburg. Nach ihrem Abschluss 1979 schlug sie am Verwaltungsgericht ihre Laufbahn ein – abgesehen von einer rund zehnjährigen Unterbrechung aufgrund von Elternzeiten und einer Tätigkeit bei der Regierung von Schwaben – war Beate Schabert-Zeidler ausschließlich am Verwaltungsgericht beschäftigt. Dort setzte sie sich früh für ihre Rechte ein. Inzwischen ist die Mutter von vier Kindern sechsfache Großmutter.

Als sie sich 1989 gemeinsam mit einer weiteren Juristin für eine Richterstelle bewarb, wurde dieses Modell erst zweimal abgelehnt, bevor sie 1990 die Stelle antreten konnte. „Das war damals total unüblich. Später habe ich mir sieben Jahre mit einem Mann die Stelle geteilt“, sagt sie. Abschütteln ließ sich Beate Schabert-Zeidler nie, auch nicht bei Gericht, wo sie gerne auch in zivil und vor Ort das Gespräch mit den Menschen gesucht hat – etwa bei Nachbarschaftsstreitereien. „Da hat sich vieles einfacher klären lassen. Ich war immer für eine einvernehmliche Lösung, denn da gab es dann keinen Gewinner und keinen Verlierer“, sagt sie. Das Pflanzen einer Hecke sei oft die einfachste und beste Lösung gewesen, so die ehemalige Richterin. Alle Seiten anhören und nicht sofort Position beziehen – das hat sie im Verlauf ihres Arbeitslebens gelernt. „Mit der Zeit bin ich auch viel ruhiger geworden und war nicht so impulsiv“, sagt sie und lacht.

Lust auf Entschleunigung und auf neue Herausforderungen

Auch wenn ihr der Ruhestand nun wörtlich weitaus mehr „Ruhe“ verspreche, habe sie den Spagat zwischen Loslassen und Engagement bislang gut bewältigt. „Ich bin froh, dass ich nun nicht mehr diesen Terminstress habe und da etwas entschleunigen kann“, sagt sie. Von Freunden wurde sie gewarnt, sich nun erst einmal nicht weitere Engagements aufzuhalsen, um die vermeintliche Freizeit zu füllen.

 „Ruhig“ wird es tatsächlich bei Beate Schabert-Zeidler ohnehin nie: Seit 1996 ist sie als Stadträtin aktiv. Bei der anstehenden Kommunalwahl wird die Bergheimerin wieder auf der Stadtratsliste der Bürgervereinigung Pro Augsburg kandidieren. Sie engagiert sich im Obst- und Gartenbauverein Bergheim und wurde gerade erst zum dritten Mal in die Landessynode der Evangelischen Kirche gewählt. Sie habe nun in den ersten Wochen in ihrem Ruhestand gemeinsam E-Bike-Ausflüge mit ihrem Mann Karl-Heinz Zeidler genossen, zuletzt auch eine Woche Urlaub im Erzgebirge und in Dresden. „Alles hat seine Zeit. Ich freue mich nun auf den Ruhestand und auf alles, was mich dort erwartet.“

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