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Textilmuseum

22.02.2018

Strumpf-Sammlung mit 25.000 Objekten kommt nach Augsburg

Die Sammlung des nie verwirklichten Deutschen Strumpfmuseums wird künftig in Augsburg zu sehen sein.
Bild: Bernd Hohlen (Archiv)

Das Textilmuseum Augsburg hat eine große Strumpf-Sammlung geerbt. Die Stücke erzählen vom Aufstieg und Niedergang der deutschen Strumpfindustrie – und etwas über die Gesellschaft.

Schon allein die Zahl ist gewaltig: Um mehr als 25.000 Objekte ist die Sammlung des staatlichen Textil- und Industriemuseums gewachsen. Die Sammlung Schödel, aus der das deutsche Strumpfmuseum hätte hervorgehen sollen, ist nach dem frühen Tod des Sammlers Michael Schödel an das Augsburger Museum übergeben worden. Einen solch großen Zuwachs habe es bislang für das Museum noch nicht gegeben, sagte Karl Borromäus Murr bei der Präsentation ausgewählter Stücke am Mittwoch.

Die Sammlung Schödel umfasst mehr als 25.000 Objekte, unter anderem eine Modezeichnung von Antonio Lopez aus dem Jahr 1968.
Bild: Jürgen Branz, Tim

Die Sammlung entstand als ein Gemeinschaftsprojekt der zwölf größten deutschen Strumpfhersteller, unter anderem Bellinda, Kunert und Falke. Die Firmen gründeten einen Förderverein, sie stellten ihre Firmenarchive zur Verfügung und sie beauftragten Michael Schödel als Projektplaner. In mehr als 20 Jahren hat der Reutlinger eine gewaltige Sammlung zur Strumpfgeschichte zusammengetragen, gleichzeitig aber auch zur Textilgeschichte allgemein. Zum eigenen Museum ist es nie gekommen, weil anfangs keine geeigneten Räume gefunden wurden und später immer mehr Traditionsunternehmen vom Markt verschwanden, sodass es an finanzkräftigen Sponsoren fehlte. Der Ethnologe und Kurator Schödel sammelte aber weiter.

Nach seinem überraschenden Tod haben die Erben die Sammlung dem Textil- und Industriemuseum in Augsburg übergeben. Für das Museum, das in den Gebäuden der Augsburger Kammgarnspinnerei eröffnet wurde und erst seit acht Jahren besteht, heißt das, sich mittlerweile nicht nur bayern-, sondern deutschlandweit einen Ruf als bedeutendes und gewichtiges Textilmuseum erarbeitet zu haben. Sicher dürfte auch hilfreich gewesen sein, bereits einmal für eine große Strumpfausstellung vor drei Jahren mit Michael Schödel zusammengearbeitet zu haben. Mag sein, dass es zusätzlich politische Unterstützung gab, jedenfalls waren bei der Präsentation auch Kulturstaatssekretär Bernd Sibler und Sozialstaatssekretär Johannes Hintersberger anwesend und hoben hervor, wie bedeutend und gewichtig sie die Sammlung Schödel einschätzen.

Das älteste Stück ist diese Knabenweste, sie wurde um 1790 geschneidert.
Bild: Jürgen Branz, Tim

Bei den ältesten Stücken handelt es sich um Kinderkleider aus dem 18. Jahrhundert, um Textilien also, die noch nicht industriell hergestellt worden sind. „Um diese Objekte beneidet uns auch das Bayerische Nationalmuseum“, sagt Murr. Kinderkleider aus dieser Zeit sind extrem selten. Den Großteil der Sammlung macht der Teil aus, den Schödel für das nie realisierte deutsche Strumpfmuseum zusammengetragen hat.

Was gehört zu Strumpf-Sammlung in Augsburg?

Selbst bei der kleinen Auswahl an präsentierten Exponaten ist zu spüren, wie viel Alltags-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Kleidungsstücke erzählen. Zum Beispiel gehört zum Bestand das komplett erhaltene Musterarchiv der Firma Elbeo (von 1890 bis 1989). Bis ins 18. Jahrhundert lässt sich die Geschichte des Unternehmens zurückverfolgen. Im sächsischen Oberlungwitz hatte der Strumpfhersteller seinen Sitz. Mit dem Slogan „Schöne Füße und Beine haben schon mancher Frau zu ihrem Glück verholfen“ erreichte die Firma in den späten 1920er Jahre immer größere Bekanntheit. 1937 erhielt Elbeo auf der Weltausstellung in Paris den „Grand-Prix-Strumpf“.

Strümpfe aus dem Musterarchiv der Firma Elbeo.
Bild: Jürgen Branz, Tim

Die dort gezeigten Strümpfe befinden sich im Textil- und Industriemuseum. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einem radikalen Unternehmensumbruch. Als die Sowjets im Osten begannen, Maschinen abzubauen, entschloss sich Firmenchef Bahner, in den Westen überzusiedeln, ein großer Teil seiner Belegschaft kam mit. In Augsburg baute Bahner sein Unternehmen wieder auf. Die Firma war nach dem Krieg übrigens die erste, die Perlonstrümpfe herstellte. Später erfand Elbeo den Stützstrumpf für stark beanspruchte Beine und wurde damit Marktführer. 1989 verkaufte die Familie das Unternehmen der Vatter-Gruppe.

Modegrafiken gehören zur Sammlung fürs TIM

Ebenfalls Teil der Sammlung sind Modegrafiken des US-Werbegrafikers Antonio Lopez, die er für die Strumpfverpackungen der Firma Hudson aus dem Jahr 1968 angefertigt hat. Lopez war ein herausragender Vertreter der Modegrafik und hat zu einer Zeit gearbeitet, als die Fotografie den Modezeichnungen gerade den Rang ablief. Er war also ein letzter großer Vertreter seines Genres, der sich gegen ein neues Medium behaupten musste.

Das Textil- und Industriemuseum Augsburg wird um eine Strumpfsammlung erweitert.
Bild: Bernd Hohlen (Archivfoto)

Die Katalogsammlung der großen Versandhäuser wie Otto, Neckermann, Witt Weiden oder Quelle nimmt einen mit in die Nachkriegsgeschichte und macht anschaulich, wie sich die Warenwelt und die Werbung in den zurückliegenden 70 Jahren gewandelt haben. Im Winterkatalog 1955 lies Quelle auf dem Titel des Katalogs ein Gedicht drucken: „Der Wünsche Flut bricht schnell herein/ Jetzt heißt es wieder hurtig sein./ Bei Tag und Nacht sind am Versenden/ Viel Tausende von flinken Händen“ – so klingt Wirtschaftswunder-Biedermeier. Dem gegenüber steht einer der letzten Quelle-Kataloge, erschienen für den Herbst/Winter 2008/09 kurz vor der Insolvenz.

Ein weiterer Schwerpunkt der neu hinzugewonnenen Sammlung ist Unterwäsche, unter anderem auch Unterwäsche der verschiedenen Armeen des Zweiten Weltkriegs. Schon auf den ersten Blick zeigt sich bei der Soldatenwäsche, welches Gefälle es in der Ausstattung der Truppen gegeben hat. Die langen amerikanischen Unterhosen waren flauschig und warm, sie hatten am Bauch einen Gummibund, der die Unterhose hielt. Das russische Modell am anderen Qualitätsende bot weniger Stoff, der sich auch noch grob anfühlte, außerdem mussten die Soldaten sie zuschnüren.

Es ist erstaunlich, in welche Zeiten und wohin die Stücke der Sammlung führen. Im Augenblick sind sie öffentlich nicht zugänglich. Eine Sonderausstellung mit ausgewählten Stücken kann sich Murr jedoch sehr gut vorstellen, sobald der Bestand ganz erschlossen ist.

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