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Schicksal

07.05.2011

Tamaras Leben nach dem Feuer

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4 Bilder
Gefährliches Spiel mit dem Feuer: Diese Szenen stammen aus Amateurvideos, die in verschiedenen Filialen der „Sausalitos“-Kette aufgenommen wurden. Inzwischen seien Feuershows untersagt, versichert das Unternehmen.

Ein schöner Abend endet im Unglück: Im September erleidet eine 18-jährige Aichacherin bei einer Show im „Sausalitos“-Lokal schwerste Verbrennungen. Die Wunden sind längst nicht verheilt, die Eltern kämpfen mit der Bürokratie

Tamara E. kann sich nicht freuen, dass der Winter vorbei ist. „Wenn die Sonne scheint, bekomme ich schlechte Laune“, sagt die 18-Jährige. Ihre Haut muss sie vor der Strahlung schützen. Und sie will nicht, dass jeder ihre Narben anstarrt. Acht Monate sind vergangen, seit Tamara bei einer Feuershow im Augsburger Partylokal „Sausalitos“ schwerste Verbrennungen erlitt. Sie schwebte in Lebensgefahr, lag tagelang im künstlichen Koma. „Mein Leben“, sagt sie, „das ist an diesem Tag einfach stehen geblieben.“

Familie E. lebt in einem ruhigen Wohngebiet am Stadtrand von Aichach. Wegen der Kinder ist die Familie in die Straße gezogen, sie sollten ohne Gefahr draußen vor dem Haus spielen können. Tamara sitzt im hellen Wohnzimmer auf dem Sofa, auch Vater und Mutter sind da. Es wirkt wie in einer heilen Welt. Dabei ist die Welt der Familie E. alles andere als heil, seit jener schlimmen Nacht zum Sonntag, den 5. September 2010.

Mutter Hülya erinnert sich noch genau an den Anruf, der alles verändert. Tamara hat einige Tage zuvor ihren 18. Geburtstag gefeiert. Sie zieht mit ihren Freundinnen los, um das Nachtleben in der Maxstraße zu erkunden. Es ist nach Mitternacht, als das Telefon klingelt. Eine Freundin ist dran. Sie sagt einen Satz, der die Mutter in Panik versetzt: „Tamara brennt am ganzen Körper.“ Die Eltern stürzen zum Auto, ein Verwandter fährt sie nach Augsburg. Als sie am Lokal ankommen, liegt Tamara im Rettungswagen. Zu ihrem Kind dürfen sie nicht. Ein Sanitäter sagt, die Lage sei ernst.

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Es dauert noch Stunden, bis die Eltern zu Tamara durchgelassen werden. Die Verbrennungen sind schwer, das Leben der jungen Frau hängt am seidenen Faden. Die Retter bringen die Verletzte zuerst ins Augsburger Klinikum, von dort aus wird sie kurz darauf in eine Münchner Spezialklinik geflogen. Am frühen Morgen darf die Mutter dann zum ersten Mal ins Zimmer ihrer Tochter. Der Körper der 18-Jährigen ist überall verbunden, auch der Kopf ist in einen Verband eingewickelt. Über einen Schlauch wird Tamara beamtet. Sie liegt im künstlichen Koma, weil der Körper die Schmerzen nicht aushalten würde. „Was man in diesem Moment fühlt, das kann man nicht mit Worten beschreiben“, sagt Mutter Hülya. „Es ist schlimm.“

Als Tamara nach acht Tagen aus dem künstlichen Tiefschlaf geweckt wird, hat sie zuerst Halluzinationen. Doch sie kann sich daran erinnern, was ihr in dem Lokal passiert ist. Die Bilder hat sie genau vor Augen. „Ich stand an der Theke, auf der Bar brannte Feuer“, erzählt sie. Einer der Barkeeper hatte eine Flüssigkeit im Mund, er wollte offenbar Feuer spucken. „Ich glaube, er ist erschrocken und hat plötzlich alles ausgespuckt. Dann habe ich gebrannt.“ Tamara geht zu Boden, sie will mit ihren Händen das Gesicht schützen. Endlich ersticken Umstehende die Flammen mit Jacken. Ein Sanitäter, der zufällig im Lokal zu Gast ist, eilt herbei. Er spricht mit ihr, damit sie nicht das Bewusstsein verliert. In den ersten Sekunden spürt die junge Frau nichts, doch dann setzt plötzlich der Schmerz ein.

Schmerzen muss Tamara E. viele erleiden in den folgenden Wochen und Monaten. Vor allem am Hals, am Oberkörper und an den Armen ist ihre Haut zerstört. Die Ärzte entnehmen Haut von ihrem Oberschenkel und setzen sie am Hals wieder ein. Auch das Gesicht wird verbrannt, doch zum Glück nicht ganz so schwer. In ihrem Gesicht kann sich die Haut weitgehend wieder regenerieren.

Es dauert Wochen, bis sich Tamara überhaupt wieder bewegen kann. Erst nur die Finger, dann Schritt für Schritt mehr. Anfangs muss sie beim Gehen vor Schmerzen weinen. Erst Mitte Januar wird die 18-Jährige aus der Reha entlassen und kann wieder zurück nach Hause. Noch immer muss sie täglich eine Brandwundentherapie machen. Die Haut wird dabei gedehnt.

Weitere Operationen stehen an. Denn ihr Hals ist tief vernarbt, an beiden Armen muss sie Kompressen tragen, damit die Wunden nicht wuchern. Jetzt geht es darum, so viel wie möglich zu „rekonstruieren“. Die Familie hofft, dass ein Arzt in Istanbul mit einer neuartigen Behandlungsmethode Tamara helfen kann. Der Mediziner hat auch schon eine britische TV-Moderatorin behandelt, die von ihrem Freund mit Säure überschüttet wurde.

Bald will die 18-Jährige mit ihrem Vater an den Bosporus fliegen. Der Flug ist gebucht, das Hotel auch. Doch wer für die Kosten aufkommt, ist unklar. Die Haftpflichtversicherung der „Sausalitos“-Kette sträubt sich. Sie hat bisher zwar schon Tausende Euro für die Behandlung bezahlt. Doch Familie E. muss die Kosten auf den Cent genau nachweisen. Immer wieder stellt der Versicherer Ausgaben infrage. Für die Eltern ist das eine Belastung. „Diese ganze Bürokratie, dieser viele Papierkram, das treibt einen fast zur Verzweiflung“, sagt Mutter Hülya. Vater Cüneyt meint: „Wir tragen keine Schuld, wir müssen aber um alles kämpfen.“

Zwei Mal hat der Chef der „Sausalitos“-Kette, Thomas Hirschberger, die 18-Jährige besucht. Zuletzt vor einigen Wochen. Er hat sich entschuldigt, Blumen mitgebracht und bei der Versicherung Druck gemacht. Dass dem „Sausalitos“-Chef die ganze Sache leidtut, glauben Tamara und ihre Eltern. Doch zufrieden sind die E.s nicht. Sie hätten sich zum Beispiel eine freiwillige Finanzspritze für die Reise nach Istanbul gewünscht.

Es gibt zwar einen Fortschritt. Vorige Woche hat das Unternehmen schriftlich zugesagt, für Schäden aufzukommen, die direkt mit dem Unfall zusammenhängen und die nicht der Versicherer übernimmt. „Doch damit ist keinerlei konkrete Zusage verbunden“, sagt Oliver Negele, der Anwalt der Familie. Alleine aus der Rehabehandlung seien Kosten von rund 20000 Euro offen.

Kurz nach dem Unfall hatte ein „Sausalitos“-Sprecher noch versichert: „Wir bieten dem Mädchen und ihrer Familie jegliche Hilfe an.“ Gegen den Barkeeper und den Chef des Augsburger Filiale ermittelte nach dem Unfall die Kripo. Das strafrechtliche Verfahren steht, wie es heißt, kurz vor dem Abschluss. Vermutlich werden sie wegen fahrlässiger Körperverletzung bestraft.

Tamara hat ihr Lächeln nicht verloren. Mit dem Schicksal hadern will sie nicht. „Ich frage nicht jeden Tag: warum ausgerechnet ich?“, sagt sie. Trotzdem gibt es Tage, an denen es der 18-Jährigen schwerfällt, zuversichtlich zu bleiben. Sie hat vor dem Unfall das Gymnasium besucht und ein ganzes Schuljahr verloren. Ihren Sport, Volleyball, hat sie vorerst an den Nagel gehängt. Es ist ihr zu gefährlich. Mit Ballett will sie es jetzt versuchen.

Traurig wird Tamara, wenn sich die Freundinnen zum Baden verabreden. Oder wenn sie, wie neulich, in einem Café angesprochen wird. Die Kellnerin fragte, warum sie bei so schönem Wetter noch mit einem Schal herumlaufe. Das schmerzt.

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