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Augsburger Geschichte

21.02.2019

Theater-Ruine erhielt modernes Innenleben

Auf dem Baufoto von 1955 stehen Schiller und Goethe noch in ihren Nischen. 1956 wurde die Fassade des Theaters vereinfacht.
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Auf dem Baufoto von 1955 stehen Schiller und Goethe noch in ihren Nischen. 1956 wurde die Fassade des Theaters vereinfacht.
Bild: Sammlung Häußler

Stadtbaurat Schmidt setzte 1953 eine hochwertige Ausstattung des Theaters durch, er wollte keinen „Tinnef“. Warum der Wiederaufbau dennoch nicht ohne Fehler verlief.

Eine steinerne „Geschichtstafel“ im Eingangsbereich des Theaters endet mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg: „Nach vorbereitenden Baumaßnahmen fasste der Stadtrat der Wahlperiode von 1952 bis 1956, als Dr. Klaus Müller Oberbürgermeister war, den Beschluss, das Haus nach den Plänen von Stadtbaurat Walther Schmidt in neuer Gestalt wiedererstehen zu lassen.“ So problemlos, wie der Text es scheinen lässt, gestaltete sich der Wiederaufbau keineswegs.

Es ist kein Komplett-Neubau. Erhalten waren Außenmauern, tragende Innenwände, die Drehbühne, die hydraulische Druckstation für die Bühne, das Kellergeschoss mit Heizungs- und Klimaanlage sowie die elektrische Zentrale. Baufachleute maßen der Ruine einen Wert zu, der keinen Abbruch und völligen Neubau verantworten ließ. Es kamen nur ein Ausbau des verbliebenen Gemäuers und die Instandsetzung der technischen Anlagen in Frage. 1946 wurde das Theater-Innere „enttrümmert“. 1948 kam ein Teil der Ruine unter Dach.

Den eigentlichen Wiederaufbau leitete der Architekt Georg Werner (1894-1964) in die Wege. Er war von 1948 bis 1951 Stadtbaurat. Er schlug ein „Mehrrangtheater“ statt des früheren „Logentheaters“ vor. Georg Werner wurde 1951 als Stadtbaurat durch den Architekten Walther Schmidt abgelöst. Dieser legte noch 1951 konkrete Pläne vor. Er hatte für seine Entwürfe ganz offensichtlich ein Vorbild: Das 1938 eröffnete „Gautheater Saarpfalz“ in Saarbrücken. Fotos, Pläne und Beschreibungen verdeutlichen dies, Theaterexperten zweifeln nicht daran.

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Die Ränge und die Ausstattung des Zuschauerraums in Augsburg gleichen dem „Gautheater Saarpfalz“. Die geschwungenen Ränge und die muschelförmige Decke mit schräg gestellter Leuchter-Rosette aus Muranoglas gelangen in Augsburg jedoch entschieden eleganter als beim Vorbild aus der NS-Zeit. Zuschauerränge über dem Parkett führten 1938 in Saarbrücken zu den Bezeichnungen „Einklassentheater“ und „Volkstheater für Bergleute und Stahlarbeiter“. Walther Schmidt argumentierte 1953: „Ränge bedeuten keine gebaute soziale Abstufung.“

Heftige Zweifel an der Kompetenz des Stadtbaurats

1952 war das hohe Bühnenhaus errichtet worden. Im August 1953 wurde der Kostenvoranschlag für den Wiederaufbau nach oben korrigiert. Daraufhin musste sich Stadtbaurat Walther Schmidt heftiger Zweifel an seiner Kompetenz als „Theater-Baumeister“ erwehren. Dieses Misstrauensvotum schmetterte er mit einer 13-seitigen Stellungnahme ab. Darin verteidigte Walther Schmidt eine qualitätvolle Ausstattung „bei Vermeidung alles entbehrlichen luxuriösen Aufwandes“. Er wolle den Augsburgern keine „Tinnef“-Ausstattung vorsetzen. „Festlich und beschwingt“ werde der Publikumsbereich sein, zweckmäßig würde es hinter den Kulissen aussehen. Der Stadtrat akzeptierte im Sommer 1954 Walther Schmidts Konzept und gab ihm freie Hand. Im November 1954 begannen die Bauarbeiten.

Der Stadtbaurat musste keine Abstriche an der hochwertigen Ausstattung machen: Er durfte die Wände des Saals mit Mahagoni-Holz (wie in Saarbrücken) verkleiden. Bei den mit Leder bezogenen, goldverzierten Rangbrüstungen orientierte er sich ebenfalls an Saarbrücken – laut Beschreibung „elfeneinfarbig mit Gold“.

Die 1938/39 neu gestaltete Theater-Fassade musste Walther Schmidt wiederverwenden. Er tat dies allerdings nicht ohne massive Eingriffe. Er ließ steinernen Zierrat wie Medaillons, Musenköpfe, Dichter- und Komponistenporträts abgeschlagen. 2017 bargen die Archäologen Steinfragmente aus der Baugrube am Theater. Sie waren dort entsorgt worden. Die Nischen, in denen die Figuren von Schiller und Goethe standen, sind seit 1955 leer. Die Statuen stehen in Lechhausen an der Schillerschule beziehungsweise an der Goetheschule.

Millionen für das modernisierte Theater

„Purifizierung“ nannte Walther Schmidt die Entfernung des plastischen Fassadenschmucks. Seine Begründung: „Wurde der alte Bau von übermäßigen dekorativen Formen befreit, so konnten seine guten harmonischen Proportionen um so besser zur Geltung kommen und das Alte und das Neue ließen sich besser verbinden.“ Das Innere sei in modernem Stil erneuert worden, dem habe sich das Äußere anzugleichen.

Die 1938/39 erneuerte technisch-mechanische Ausrüstung der Bühne blieb großteils erhalten. Selbst die Drehbühne war wieder instand zu setzen. Das sparte Kosten. „Ihren Theater-Neubau haben die Augsburger restlos selbst bezahlt“, war zur Eröffnung am 10. November 1956 zu lesen. Über acht Millionen D-Mark betrug die Endsumme für das Theater. Der Staat unterstützte Augsburg bei den Folgekosten: Er übernahm zwei Drittel der Zinsen für das Wiederaufbau-Darlehen. Zu den Kosten für das Theater kamen rund 500.000 DM für ein Betriebsgebäude sowie etwa 300.000 DM für das Kulissenmagazin. Eine halbe Million Mark hatte eine Theater-Tombola erbracht. Damit wurde das Hauptfoyer ausgestattet: Die Schwanenfeder-Lüster aus Murano-Glas, Wandbilder und Bildteppiche konnten aus dem Tombola-Erlös bezahlt werden.

Der Wiederaufbau verlief bautechnisch nicht ohne Fehler. Bei fünf Prozent der 1030 Plätze gab es keine Vollsicht auf die Bühne. Ein typischer „Nachkriegsfehler“ war die Verwendung von Asbest. Der gesundheitsgefährdende Dämmstoff musste entfernt werden. Die 1939 eingebaute, 1956 wieder aktivierte Heizungsanlage war veraltet. 1989/90 war eine Sanierungsaktion fällig. 28 Millionen D-Mark waren dafür veranschlagt. Die derzeit laufende Theater-Erneuerung wird ein Vielfaches kosten.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie in unserem Special.

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