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04.09.2007

Tödlicher Schuss vor dem Stadtwerke-Haus

Im Dezember 1971 mietet eine junge, blonde Frau bei einem AugsburgerImmobilienmakler unter falschem Namen eine Wohnung in einem Haus in derGeorgenstraße im Georgsviertel. Die Miete für zweieinhalb Monate zahltsie in bar im voraus. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass dasAppartement Nr. 10 im dritten Stock dieses anonymen Mietshauses fortanMitgliedern der Baader-Meinhof-Bande als geheimer Unterschlupf imsüddeutschen Raum dienen sollte.

Im Dezember 1971 mietet eine junge, blonde Frau bei einem Augsburger
Immobilienmakler unter falschem Namen eine Wohnung in einem Haus in der Georgenstraße im Georgsviertel. Die Miete für zweieinhalb Monate zahlt sie in bar im voraus. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass das Appartement Nr. 10 im dritten Stock dieses anonymen Mietshauses fortan Mitgliedern der Baader-Meinhof-Bande als geheimer Unterschlupf im süddeutschen Raum dienen sollte.

13 BKA-Fahnder observieren Wohnung im Georgsviertel. Bald steht die Wohnung im Visier der Terrorfahnder. Ab Mitte Februar 1972 observieren Beamte des Verfassungsschutzes, des Bundeskriminalamtes und des Bayerischen Landeskriminalamtes von der gegenüberliegenden Sakristei einer Kirche aus rund um die Uhr das Appartement.

Allein 13 BKA-Fahnder haben sich in einem nahe gelegenen Hotel eingemietet. Sie hoffen, namhafte Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande festnehmen zu können.

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Am 2. März 1972 schließlich beobachten die Beamten ein junges Paar, das gegen 12.30 Uhr aus dem Appartement kommt und in einen Audi 100 LS mit dem gefälschten Kennzeichen WEL ¿ JU 44 steigt. Es handelt sich, wie sich erst später herausstellen wird, um den 23-jährigen Linksextremisten Thomas Weisbecker, der in Berlin Soziologie studiert, und die Studentin Carmen Roll, die dem ¿Sozialistischen Patientenkollektiv¿ angehört, einer Gruppierung, der sich später viele Mitglieder der Baader-Meinhof- Bande anschließen.

Sowohl Weisbecker als auch Roll werden per Haftbefehl gesucht. Beide werden dem Umfeld der Terrorgruppe zugerechnet. Das Paar parkt das Auto unmittelbar vor dem Stadtwerkehaus am Hohen Weg und geht dann in ein Hotel am Obstmarkt, wo es zu Mittag isst. Gegen 13.30 Uhr verlassen Weisbecker und Roll das Hotel. Das Paar trennt sich. Weil die Terrorfahnder glauben, die Observation könnte bemerkt worden sein, wollen sie zugreifen.

Als Thomas Weisbecker zum Auto zurückkehrt, um ein Parkzehnerl einzuwerfen, kommt es zu dem dramatischen Festnahmeversuch, der tödlich endet. Zwei Beamte gehen auf Weisbecker zu, fordern ihn auf, die Hände hochzunehmen. Doch der Student, so später die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, greift zu seiner durchgeladenen und entsicherten Neun-Millimeter-Pistole, die er in einem Holster an der linken Hüfte trägt.

In diesem Augenblick gibt einer der beiden Terrorfahnder aus etwa zwei Metern Entfernung einen Schuss aus seiner Dienstwaffe ab. Weisbecker bricht, tödlich getroffen, unmittelbar vor dem Portal der Stadtwerke zusammen. Binnen Sekunden wimmelt es am Hohen Weg von Polizisten.

Mannschaftswagen der Polizei rasen heran, mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte springen heraus. Es wimmelt nur so von zivilen und uniformierten Polizisten. Nur rund 100 Meter entfernt ist inzwischen auch die zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Begleiterin Weisbeckers festgenommen worden, die ebenfalls bewaffnet ist. Erst vier Tage später kann sie im Frauengefängnis Aichach als Carmen Roll identifiziert werden.

Unter den Passanten, die Zeugendes hochdramatischen Ereignisse werden, ist auch der Augsburger Hobbyfotograf Heribert Riehle, der seine Kamera dabei hat und sofort auf den Auslöser drückt. Ihm gelingt das ¿Foto des Jahres¿: Es zeigt den toten Weisbecker auf der Straße,vor ihm einen breitbeinig dastehenden Polizisten. Das Foto wird später bundesweit als Dokument des Todesschusses veröffentlicht. Die Eltern Weisbeckers erstatten Strafanzeige gegen den Sonderfahnder, der ihren Sohn erschoss. Ein halbes Jahr danach werden die Ermittlungen gegen den Polizisten aber eingestellt.

Der Beamte, so die Justiz, habe klar in Notwehr gehandelt. Carmen Roll wird später wegen verschiedener Delikte zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und 1976 aus der Haft entlassen. Sie geht nach Italien. Ihr Name stand auch auf der Liste von 26 inhaftierten Gesinnungsgenossen, die bei dem Überfall des ¿Kommandos Holger Meins¿ auf die deutsche Botschaft in Stockholm am 24. April 1975 freigepresst werden sollten. Bei der Terroraktion waren zwei Diplomaten erschossen worden.

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