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Festakt

04.11.2011

„Türkische Innenpolitik im Augsburger Rathaus“

Die Stadt distanziert sich nach umstrittenen Reden vom Vorsitzenden des Integrationsbeirats. Statt um die Würdigung von Gastarbeitern ging es im Goldenen Saal plötzlich um Nationalstolz und die PKK

Während bundesweit mal wieder Aufregung über Äußerungen des türkischen Premierministers Recep Erdogan herrscht, gibt es auch in Augsburg Ärger wegen Reden türkischer Politiker: Die Ansprachen dreier Vertreter von Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) im Rathaus anlässlich des Festaktes zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens stießen, wie berichtet, besonders türkeistämmige ethnische und religiöse Minderheiten vor den Kopf.

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Die Stadt und eine Runde mit Vertretern aller türkischen Gruppierungen hatten beschlossen, dass eine Parlamentsabgeordnete ein Grußwort spricht. Doch im Goldenen Saal traten vor 700 Gästen drei Politiker nacheinander ans Mikrofon. Sie appellierten unter anderem an den Nationalstolz der Deutschtürken, betonten die seit 650 Jahren praktizierte „Friedfertigkeit“ des Osmanischen Reiches und der Türkei und warben vehement für Unterstützung im Kampf gegen den Terror der PKK. Die Reden dauerten 25 Minuten und blieben deutschen Zuhörern mangels ausreichender Übersetzung fast unverständlich.

Absprachen gebrochen

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„Die Absprachen wurden während des Festaktes in mehreren Punkten nicht eingehalten“, kritisiert Timo Köster vom städtischen Friedensbüro. „Durch diese Instrumentalisierung für andere Zwecke trat unsere Absicht, Migranten der ersten Generation zu würdigen, leider in den Hintergrund.“

Der Unmut konzentriert sich auf den Vorsitzenden des Integrationsbeirats, Ahmet Akcay. Matthias Garte, städtischer Integrationsbeauftragter, erklärt: „Die zum Teil rüde Vorgehensweise des Vorsitzenden des Integrationsbeirates erschwert die notwendige vertrauensvolle und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Zuvor muss der ganze Vorgang zu unserer Zufriedenheit aufgearbeitet und geklärt werden. Natürlich ist vor allem der Beirat selber aufgefordert, das Verhalten seines Vorsitzenden zu bewerten und zu entscheiden, ob dieser hier im Sinn des gesamten Beirates gehandelt hat.“

Düzgün Polat vom Internationalen Kulturzentrum kritisiert, dass die Abgeordneten überhaupt ein Forum bekamen: „Solche nationalistischen Hassreden und Aufrufe an die Deutschtürken, weiterhin reine Türken zu bleiben, haben im Goldenen Saal nichts verloren. Akcay hat unsere gemeinsamen Beschlüsse missachtet.“ Auch Sait Icboyun, Sprecher des Fachforums Migration der SPD, ist empört. „Akcay und sein Vorstand trugen türkische Innenpolitik ins Augsburger Rathaus. Großtürkische Gesten provozieren die ethnischen und religiösen Minderheiten sowohl in der Türkei als auch hier. Dem gesellschaftlichen Frieden dient das nicht.“

Akcay bedauert, dass die Kritik an den Reden die Würdigung der Einwanderer überschatte. Die Abgeordneten hätten um ein kurzes Grußwort gebeten. Den historischen Ausflug zur osmanisch-türkischen Friedfertigkeit empfand er nicht als Verherrlichung. „Der Abgeordnete hat auf das Osmanische Reich hingewiesen, wo viele ethnische und religiöse Gruppen in Frieden zusammengelebt haben.“

Missglückte Übersetzung

Weiterhin erklärt er: „Leider dauerte es mit der Übersetzung länger als vorgesehen. Dem Dolmetscher gelang auch nicht immer die korrekte Übersetzung. Von türkisch-nationalistischen Parolen kann keine Rede sein.“

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