29.07.2015

Übermutter Courage

Mit hoher Sprach- und Gesangskunst brachte Gina Pietsch Brecht-Lieder dar.
Bild: Wolfgang Diekamp

Gina Pietsch interpretiert Brecht

Na, da muss man doch nur einfach klatschen, wenn eine Gina Pietsch mit Haut und Haaren, ausgeklügelter Sprach- und Gesangskunst in Brechts Geburtshaus sich jenen Brecht/Weill/Eisler-Songs so hingibt, dass Brecht-Fans, die diese Lieder schon hundertmal gehört haben, geneigt sind, die Texte neu zu verinnerlichen.

Dabei beherrscht Gina Pietsch, Schülerin von Brechts Schwiegersohn Ekkehard Schall und von Gisela May, nicht unbedingt die ganz leisen Töne, die BB so feinsinnig in seine Gedichte und Lieder hineinzuschreiben gewusst hatte. Aber dafür wird Pietsch zusammen mit ihrer erstklassigen Pianistin Christine Reumschüssel im „Lied von der großen Kapitulation“ zu einer totalen (Über-)Mutter Courage. Und mit dem Wissen von der Überdrüssigkeit eines Hurendaseins vermittelt sie in der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ direkt die geilen Männergefühle. Diese Ballade gehört in die „Dreigroschenoper“ wie der „Barbara-Song“ und das Rachelied „Die Seeräuber-Jenny“ , in der jener stets aufs Neue mit Spannung erwartete Ausruf „Hoppla“ von den Interpreten mal leise, mal beiläufig oder wie bei Gina Pietsch mit eiskalter Freude gesprochen wird.

Zur Höchstform lief die BB-Chanteuse auf, als sie im Sinne Brechts mit dem „Lied des Speichelleckers“ aufdeckte, wie lächerlich sich die machen, die nach oben buckeln und nach unten treten. Das manchmal in Pietsches Vortrag überbordende Pathos, das ein wenig „Zuviel“ an Hineinlegen war vergessen, als die Diseuse in ihrer letzten von vier Zugaben bewusst machte, was für einen wunderbaren Text Bert Brecht mit seiner „Kinderhymne“ 1950 als Gegenentwurf zum „Deutschlandlied“ in der BRD und zur „Becher-Hymne“ in der DDR verfasst hatte. Doch sein mit dem Vers „Anmut sparet nicht noch Mühe“ beginnender Text war zu keiner Zeit kompatibel mit den Vorstellungen der Politikerelite.

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