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Augsburg

21.01.2021

"Ungerecht ohne Ende": Stehlen Drogerie- und Supermärkte Händlern die Kunden?

Der Drogeriemarkt Müller in der Augsburger Annastraße hat weiterhin mit seinem kompletten Sortiment geöffnet.
Foto: Silvio Wyszengrad

Plus Fachhändler müssen schließen, während Supermärkte und Drogerien auch Kleidung, Elektrogeräte und Schreibwaren anbieten. Das sorgt in Augsburg zunehmend für Frust.

Der Lockdown zwingt viele Geschäftsleute dazu, ihren Laden zu schließen. Einkaufen ist nur überall dort weiter möglich, wo es um Dinge der täglichen Versorgung geht. Dass unter anderem die Drogeriemarkt-Kette Müller oder große Supermärkte wie Real, Kaufland oder Marktkauf weiter ihr komplettes Sortiment inklusive Spielwaren, Mode oder Elektroartikel anbieten können, stößt bei der Konkurrenz daher schon länger auf Ärger und zumindest bei einem Teil von Kunden auf Verwunderung. Die Stadt Augsburg ist, anders als einige Behörden im Allgäu, bisher nicht so konsequent dagegen vorgegangen.

Bei Sport Förg ist man über die Situation nicht glücklich. "Das ist für mich eine klare Wettbewerbsverzerrung", sagt Christoph Schmid, geschäftsführender Gesellschafter des Sporthauses. Als "ungerecht ohne Ende" bezeichnet Markus Dirr, der in Hochzoll ein kleines Sportgeschäft betreibt, die Lage. Kunden, die jetzt einen neuen Laufschuh brauchen oder sich Wanderschuhe zulegen wollen, müssten nicht bei ihm per Click&Collect ordern, zu Hause probieren und dann unter Umständen wieder kommen, sondern bekommen auch in jedem gut sortierten großen Supermarkt ein passendes Angebot. Teils auch zu guten Preisen. "Ich kann dagegen schauen, wie ich durch die Krise komme", ärgert sich Dirr.

Augsburger Geschäfte halten ihre Angestellten in Kurzarbeit

Ähnlich sieht es auch Kurt Ludwig, Prokurist beim Schreibwarenfachhändler Kutscher & Gehr. "Unsere Filialen sind alle geschlossen. Nur in der Eichleitnerstraße dürfen wir mit Nachweis Gewerbetreibende, Schüler und Studenten einlassen, während direkt gegenüber der Drogeriemarkt das volle Schreibwaren-Sortiment anbietet." Die Folgen seien klar: Die Kunden wählen den einfacheren Weg über den Drogeriemarkt und die Kutscher&Gehr-Mitarbeiter blieben in Kurzarbeit.

Elektrohändler treibt noch etwas ganz anderes um: "Die Kunden kaufen die Geräte jetzt im Supermarkt oder Online, aber wenn es dann um Fragen zur Bedienung geht, rufen sie wieder bei uns an", erzählt Thomas Kalchschmid, Inhaber von "Media@Home Baumann". Dabei stünden er und seine Mitarbeiter jederzeit per Telefon für Beratung zur Verfügung und würden Geräte auch nach Hause liefern. Bei Augsburger Modehändlern stapeln sich unterdessen die Kleidungsstücke, während im Supermarkt teils sogar Markenkleidung angeboten wird.

Freistaats sieht für Müller und Co. Schließung von Abteilungen vor

Dabei gibt es seitens des Freistaats eigentlich eine konkrete Regelung für diese Fälle: Mischbetriebe des Einzelhandels können öffnen, wenn der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit (mehr als 50 Prozent) im erlaubten Bereich - beispielsweise dem Verkauf von Lebensmitteln oder Zeitungen - liegt. "Sie können dann auch die übrigen Sortimente verkaufen, um die betrieblichen Abläufe nicht zu belasten", heißt es in einem Frage-Antwort-Stück auf der Internetseite des Gesundheitsministeriums. Allerdings gibt es eine Ausnahme: Kann der Bereich mit den eigentlich nicht-erlaubten Sortimenten in eigenen, gut abgrenzbaren Abteilungen des Betriebs angeboten werden, "sind diese Abteilungen zu schließen". Sogenannte Non-Food-Artikel aus diesen Regalen dürften damit nicht verkauft werden.

Der Drogeriemarkt Müller in der Annastraße müsste etwa seine Spielwarenabteilung im Untergeschoss schließen, ebenso wie große Supermärkte ihre Flächen für Elektrogeräte oder Mode absperren müssten. In Kempten und Füssen wird das seit knapp zwei Wochen auf Druck von Händlern und Verbrauchern bereits von den Behörden durchgesetzt.

Das sagt Augsburgs Einzelhandelsverband zur umstrittenen Situation

Andreas Gärtner vom Einzelhandelsverband weiß um die Problematik und die Sorgen der betroffenen Händler: "Der lang anhaltende Lockdown bedroht zunehmend die Existenz vieler geschlossener Betriebe. Fehlende Planungssicherheit und Öffnungsperspektiven befeuern oftmals den Unmut gegen die Regelungen." Die geltenden Vorgaben in Bayern sind aus Sicht des Verbands klar definiert: "Für einen Händler der nicht verkaufen darf, ist es jedoch oftmals unverständlich und kaum zu akzeptieren, warum in geöffneten Betrieben 'seine Sortimente' teils, mangels Alternativen, sogar verstärkt verkauft werden und er selbst gleichzeitig mit allen Mitteln ums Überleben kämpfen muss".

Während reine Spielwarenhändler geschlossen haben müssen, hat die Müller-Filiale in der Augsburger Annastraße ihr Angebot weiter geöffnet.
Foto: Silvio Wyszengrad

Kontrolliert werden müssen die Regelungen des Freistaats in Augsburg durch die Stadt. Den jeweiligen Unternehmen müssten die geltenden Vorgaben bekannt sein, sagt der zuständige Referent Reiner Erben (Grüne). Zudem finden laut Ordnungsreferent Frank Pintsch (CSU) auch regelmäßig Kontrollen statt. Dabei habe man in der Vergangenheit auch einzelne Verstöße entdeckt und entsprechend reagiert. Geschäftsinhabern drohe ein Bußgeld von bis zu 5.000 Euro. Beschwerden von Einzelhändlern über nach wie vor geöffnete Abteilungen in Drogerie- oder Supermärkten habe es bislang nicht gegeben, lässt die Stadt wissen.

Trotz der Kontrollen sind in vielen Super- und Drogeriemärkten in der Stadt die entsprechenden Abteilungen, die laut Verordnung geschlossen werden müssten, aber weiter geöffnet. Das Problem: Würde die Stadt streng gegen die Händler vorgehen, liefe es wohl auf einen Rechtsstreit hinaus - mit offenem Ausgang. Denn es handelt sich um eine rechtliche Grauzone. Ein Frage etwa ist: Wann gilt ein Bereich als gut abgrenzbar, so dass man einem Händler die Schließung einer Abteilung vorschreiben kann?

Handelsverband plädiert für eine Öffnung des Handels

Wegen dieser Grauzonen könnte sich Andreas Gärtner vom Handelsverband eine andere Lösung vorstellen: „Die einzig zufriedenstellende Lösung unter Berücksichtigung der Pandemieentwicklung wäre eine schnellstmögliche, wenn nötig auch stark eingeschränkte Öffnung aller Handelsbetriebe.“ Gärtner betont: „Der Handel hat während der gesamten Pandemie bewiesen, dass er in der Lage ist, Hygienemaßnahmen ständig nachzuschärfen und konsequent umzusetzen, um Kunden und Mitarbeiter zu schützen.“

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Ärger im Handel: Das Nervenkostüm wird dünner

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Die Diskussion ist geschlossen.

21.01.2021

Die Einzelhandelsgeschäfte geschlossen zu halten, ist jetzt Unsinn. Man sollte schnellsten durchdachte und effektive Hygienemaßnahmen dafür einführen, wie z.B., soweit möglich, getrennte Ein- und Ausgänge, Temperatur- und Maskenkontrolle und ausreichend Desinfektionsmittel, nicht nur am Eingang, bereitstellen. Wenn dazu extra Personal benötigt würde, könnte man da großzügige Zuschüsse geben. Dies wäre weitaus billiger, als die jetzt angebotenen (und schleppend ausgezahlten!) Hilfen! Aber nein, man denkt lieber darüber nach, den Onlinehandel mit einer "Paket-Steuer" zu belasten.

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21.01.2021

Den Einzelhändlern bleibt nur der Weg zum Online Shop. Warum gründet der regionale Einzelhandel eigentlich keine Alternative Internetplattform zu Amazon? Auf Hilfen warten ist doch kein Unternehmertum!

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21.01.2021

Das gibt es ja durchaus (wenn auch noch zu wenig) siehe beispielsweise: kauf-im-allgäu.de Es ist aber ein langer Weg von der Idee zur Umsetzung. Sie brauchen jemand der das konkret macht, dazu eine Genossenschaft oder so was die juristisch die Haftung übernimmt usw. Auf der anderen Seite brauchen Sie auch Kunden die nach so was gezielt suchen. Wenn Sie einfach Google sagen: "brauche neue Waschmaschine" werden Sie zum billigsten Amazon-Anbieter geleitet. Sie müssen schon sagen: "suche Waschmaschinenhändler im meiner Nähe" Das machen aber dann doch wenige.

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21.01.2021

Viele Große sind nicht in der Lage vernünftige Homepages zu programmieren. Wie soll dann der lokale Einzelhandel das hinbekommen, wobei dann noch alle Einzelhändler unter einen Hut zu bringen sind. Wie soll das gelingen?

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21.01.2021

Den schwarzen Peter jetzt Real und Co zu zu schieben, ist menschlich nachvollziehbar, aber völlig am Problem vorbei. Die Politik hat die Läden geschlossen, nicht die Supermärkte. Es kann nur eine Richtung geben: mit der FFP2-Maskenpflicht die Einzelhändler zu öffnen. Sie müssen möglichst schnell aus ihrer existenziellen Not heraus kommen. Durch das komplette schließen würden die Onlinehändler noch mehr gestärkt werden, die Umsatzsteuer taucht dann irgendwo auf, noch weniger Menschen hätten einen Job - äußerst ungut.

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21.01.2021

Soso, der Stadt sind also keine Beschwerden bekannt? Liest da auch mal jemand die Zeitung? Aber das ist unseren Herren und Damen Politiker und den Mitarbeitern bei der Stadt schlichtweg wurscht............aber Hauptsache, die Stadt kann bei den Gebühren (egal welcher Art) dick abkassieren (siehe Gewerbesteuer, Grundsteuer , Abfall usw)

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21.01.2021

Nach Corona wird es viele Händler nicht mehr geben. Auch andere Selbständige werden die Corona Zeit wirtschaftlich nicht überleben. Das muss uns einfach klar sein. Die lächerlichen "Hilfen" der Regierung kommen meist nicht da an, wo sie wirklich gebraucht werden - bei den Kleinen.

Die Hilfen decken ausschließlich die gewerblichen Kosten ab und dürfen nicht anders verwendet werden. Betroffene haben aber derzeit 0€ Einkommen. Seit Monaten. Sie haben aber auch nicht nur Kosten für das Geschäft, wie etwa Miete und Gehälter der Angestellten.

Die haben auch private Kosten (Miete für die Wohnung oder Tilgung des Darlehen für ein Haus, Krankenversicherung, Essen und Trinken, Kleidung, Kosten für die Kinder, etc.). Das ist alles nicht von der Hilfe gedeckt. Das Geld darf dafür auch nicht verwendet werden. Ist das Ersparte weg, dann ist alles vorbei.

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21.01.2021

"Wo die Gerechtigkeit fehlt, besteht auch kein Staat" Augustinus

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