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Augsburg

28.01.2021

Unternehmer fordern einen "Augsburger Weg" aus dem Lockdown

Das Unternehmerbündnis "Zukunft in Not" hat am Donnerstag auf dem Rathausplatz in Augsburg protestiert.
Foto: Silvio Wyszengrad

Plus Weil die Existenz ihrer Betriebe gefährdet ist, fordern rund 340 Augsburger Firmenchefs ein Ende der Geschäftsschließungen. Sie haben eine Idee, wie das gehen könnte.

"Eins, zwei drei!", schallt es am Donnerstagvormittag punkt zehn Uhr über den Augsbuger Rathausplatz, dann folgt einiges Knacken und Klicken. Vertreter des Bündnisses "Unternehmerkreis Zukunft in Not" zogen mannshohe Plakate auf, um damit auf ihre Nöte, ausgelöst durch den erneuten Corona-Lockdown, aufmerksam zu machen. Unter anderem stand dort in dicken Buchstaben: "Wer zahlt die Zeche?"

Die Corona-Pandemie stürzt viele Unternehmer in die Krise.
Foto: Bernhard Weizenegger (Symbolfoto)

Hinter dem Bündnis stehen rund 340 Unternehmen aus Augsburg und der Region - vom Soloselbstständigen bis zum 500-Mann-Betrieb, vom Gründer bis zum namhaften Traditionsbetrieb und quer durch alle Branchen. Sie alle eint das Schicksal der Krise: "Viele haben bereits ihr Privatvermögen aufgebraucht, um das Unternehmen zu stützen. Diese Unternehmer stehen vor dem beruflichen und privaten Ruin", sagt Stefan Ehle, einer der beiden Sprecher von "Unternehmerkreis Zukunft in Not". Es sei daher „dringend nötig“, das kommunale Krisenmanagement zu hinterfragen. Zuletzt habe es unter den Mitgliedern immer häufiger Unverständnis bezüglich der Maßnahmen und der teilweise nicht mehr nachvollziehbaren Entscheidungen seitens der Politik gegeben.

Augsburger Unternehmerbündnis fordert Exit-Strategie

Die Aktion der Firmeninhaber hat großes Medieninteresse ausgelöst. Bei der Pressekonferenz, die wegen des starken Regens in ein nahe gelegenes Café verlegt wurde, mussten die Organisatoren immer wieder auf die Einhaltung der Abstände hinweisen. Doch die Redner ließen sich davon nicht beeindrucken - zu groß schienen ihre Nöte und der Wunsch, gehört zu werden.

So berichtet Robert Höck, Obermeister der Augsburger Metall-Innung, stellvertretend für das Handwerk vom Schicksal einer Frisörin. Sie habe wegen der beiden Lockdowns ihre kompletten Ersparnisse der letzten zehn Jahre aufgebraucht. Ihren Laden musste sie schließen, jetzt sei sie in psychologischer Behandlung. Und das, obwohl Frisörsalons nachweislich keine Infektionsherde seien. Ähnlich geht es auch Christine Bemm. Sie hat im September 2019 ein Studio für Figur und Fitness in Göggingen eröffnet und berät Kunden in Sachen Sport und Ernährung. Schon kurze Zeit später kam der Lockdown, sie musste schließen und interessierte Kunden abweisen. "Dabei hätte für mich als Existenzgründerin jeder Neukunde gezählt." Verstehen konnte sie die strengen Regeln in ihrem Fall nicht. Immerhin betreue sie stets nur einen einzigen Kunden auf 80 Quadratmetern Fläche. "Seit einem Jahr kann ich kaum mehr eine Nacht schlafen", erzählt Bremm. Noch würde ihr Mann sie finanziell unterstützen, aber auch dessen Budget sei endlich.

Tanzlehrer Rudolf Trautz bangt um die Zukunft seines Unternehmens

Es sind an diesem Vormittag noch weitere Beispiele zu hören, die die wirtschaftlichen Konsequenzen des Lockdowns für Augsburgs Unternehmen zeigen. Unter anderem berichtet Rudolf Trautz, dass die Tanzschule Trautz & Salmen, deren Mitinhaber er ist, nach 111 Jahren vor dem Aus stehe. Daher sind sich die Vertreter des Unternehmerbündnisses, zu dem unter anderen auch die Bäckerei Balletshofer oder das Hotel Maximilians gehören, einig. Es kann nur eine Lösung geben: "Wir brauchen eine Exit-Strategie aus dem Lockdown", fasst Sprecher Stefan Ehle sie zusammen.

Die Infektionszahlen müssen genau analysiert werden

Wie diese aussehen kann, schildert Husain Mahmoud. Er selbst hat eine Versicherungsagentur und ist neben Stefan Ehle der zweite Sprecher von "Unternehmerkreis Zukunft in Not". "Wir plädieren für einen Augsburger Weg", sagt er. Dahinter steckt folgende Idee: Mithilfe einer genauen Analyse von Infektionszahlen und Ansteckungswegen soll ermittelt werden, welche Bereiche sich als Corona-Hotspots erweisen und welche nicht. "Alle Bereiche, in denen es kein oder nur ein sehr geringes Infektionsgeschehen gibt, könnten, möglicherweise auch mit entsprechenden Hygienekonzepten, wieder öffnen oder mehr zulassen", so Mahmoud. Dies sei dann auch nicht mehr willkürlich, wie manche Regelung jetzt, sondern gerecht und nachvollziehbar.

Die Daten müssten Behörden wie den Gesundheitsämtern vorliegen, ist er überzeugt. Die Tatsache, dass die Ämter zuletzt aber kaum noch nachvollziehen konnten, wo sich erkrankte Menschen überhaupt angesteckt haben, lässt er nicht gelten. "Zwischen den beiden Lockdowns lagen mehrere Monate, in denen Infektionsketten nachvollzogen werden konnten. Mit diesen Daten könnte man arbeiten." Auch Stefan Ehle sieht da so: "Es muss eine Risikobewertung geben, aus der Lösungswege abgeleitet werden können." So könne man ein auf die Augsburger Bedürfnisse zugeschnittenes Konzept erarbeiten.

Unternehmerkreis will mit Lokalpolitik ins Gespräch kommen

Die Bündnisvertreter haben sich diesbezüglich auch an Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) sowie die beiden Landräte Klaus Metzger (Landkreis Aichach-Friedberg) und Martin Sailer (Landkreis Augsburg) gewandt.

Volker Ullrich will das Unternehmerbündnis unterstützen.
Foto: Ulrich Wagner (Symbolfoto)

Mittlerweile haben die drei Politiker ihre Bereitschaft für ein Treffen signalisiert. Die Tatsache, dass sich Städte und Kommunen dennoch nicht über Vorgaben aus Land und Bund hinwegsetzen können, kontert Mahmoud mit den Worten: "Augsburg hat auch den Religionsfrieden schließen können. Da hätte vorher auch jeder gesagt, das ist unmöglich." Unterdessen hat auch der Augsburger CSU-Bundestagsabgeordnete Volker Ullrich Kontakt mit dem Unternehmer-Bündnis aufgenommen und fordert, man müsse deren Wortmeldung ernst nehmen. Den aktuellen Lockdown verteidigt Ullrich allerdings. Dazu gebe es wegen der Infektionslage keine Alternative. Stattdessen müssten andere Perspektiven geschaffen werden.

Facebook-Einträge von Mitliedern sorgten anfangs für Unruhe

Die Organisatoren von "Unternehmerkreis Zukunft in Not" wollen nun weitere Reaktionen auf ihre Aktion auf dem Rathausplatz abwarten und dann überlegen, wie sie weiter vorgehen werden. Zudem will sich das Bündnis noch weiter bekannt machen. Denn anfangs war nicht ganz klar, wer hinter der Initiative steckt. Auch Mitglieder, die auf ihren privaten Facebook-Seiten Beiträge von verschwörungstheoretischen und rechtspopulistischen Seiten teilen, sorgten für Irritationen. Die Leitung des Bündnisses betont jedoch, dass man Corona nicht leugne, sondern Wege für einen sinnvollen Umgang suche. Dazu seien manche Mitglieder wegen verschiedener Formulierungen in sozialen Netzwerken inzwischen auch nicht mehr dabei.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Lockdown: Von Augsburg kann nur ein Impuls ausgehen

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Die Diskussion ist geschlossen.

29.01.2021

Ich wäre für ein Tempolimit von 30 km/h auf allen Straßen Deutschlands, einschließlich Autobahnen. Dann sind praktisch keine Unfalltoten mehr zu beklagen.
Genau so kommt mir die derzeitige Corona- Politik vor. Der Nutzen steht in keinem Verhältnis zum Schaden, mit dem er erkauft wird.

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