Newsticker

Bayerns Ministerpräsident Söder sieht Kampf gegen Corona in entscheidender Woche
  1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Vater „entführt“ Sohn aus Psychiatrie

Prozess in Augsburg

29.04.2015

Vater „entführt“ Sohn aus Psychiatrie

Ein Streit zwischen geschiedenen Eltern um die richtige Behandlung ihres Kindes landete in Augsburg vor Gericht.
Bild: Frank Rumpenhorst (dpa)

Wie der Streit zwischen geschiedenen Eltern um die richtige Behandlung ihres Kindes eine bundesweite Fahndung auslöste und schließlich vor Gericht endete.

Wenn Ehen auseinandergehen, werden Kinder oft zur Waffe im „Rosenkrieg“. Dann haben schon Familiengerichte alle Mühe, vernünftige Lösungen zu finden. Manch hoffnungslose Zerwürfnisse enden auch vor dem Strafgericht. Amtsrichterin Ulrike Ebel-Scheufele hatte sich mit einem äußerst schwierigen Rechtsfall zu befassen, der ohne Urteil endete. „Entziehung Minderjähriger“ warf die Anklage einem 59-jährigen Vater aus Hamburg vor. Er hatte Anfang Oktober 2014 seinen psychisch kranken Sohn, 15, aus der geschlossenen Abteilung der Jugendpsychiatrie des Josefinums „entführt“. Vier Tage später übergab er den Buben dann dem Jugendamt in Hamburg.

Die geschiedenen Eltern hatten zu dieser Zeit beide das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihren Sohn. Das Recht, gesundheitliche Maßnahmen zu ergreifen, hatte aber nur die Mutter. Eine schwierig zu handhabende Entscheidung des Familiengerichts, wie sich nun herausstellte. Am 23. September 2014 war bei einem Termin beim Familiengericht einmütig unter den Eltern festgelegt worden, dass der an Autismus leidende Bub zur genauen Diagnose seiner psychischen Krankheit im Josefinum untergebracht wird.

Knapp zwei Wochen später erschien der Vater abends an der Tür der geschlossenen Station mit einer Plastiktüte in der Hand und behauptete, er wolle seinem Sohn „Wäsche bringen“. Er rief den Namen des Buben, der kam aus seinem Zimmer herausgelaufen und stürmte am Erzieher vorbei zu seinem Vater, der sofort mit ihm verschwand.

Bundesweite Fahndung

Nach einer Anzeige des Familiengerichts fahndete die Polizei bundesweit nach Vater und Sohn. Der übergab den Jugendlichen dann Tage später dem Hamburger Jugendamt. Inzwischen befindet er sich in einer Wohngruppe am Bodensee, wo er, so sagte seine Mutter als Zeugin, inzwischen „eine tolle Entwicklung gemacht hat“. Die Fahndungsmaßnahmen der Polizei waren intensiv gewesen, bestand nämlich die Befürchtung, so sagte ein Kripobeamter als Zeuge, dass Vater und Sohn sich eventuell nach Syrien absetzen wollten – ein Verdacht, den die Mutter geäußert hatte. Sie bezeichnete es vor Gericht als „erschreckend, wie der Vater sein Kind aus einer Behandlung geholt hat“. Sie sprach von „Entführung“. Während der Angeklagte im Prozess schwieg, legte sein Verteidiger Tim Burkert dessen Beweggründe dar. Es sei nie von einer Behandlung, sondern lediglich von einer Diagnose im Josefinum die Rede gewesen. Nach einem Telefongespräch mit seinem Sohn sei sein Mandant der Meinung gewesen, die Behandlungsmethoden dort seien falsch. Eine Mitarbeiterin des Hamburger Jugendamtes habe ihm geraten, seinen Sohn dort abzuholen. Dies habe der Angeklagte in Sorge um das Wohl des Kindes dann getan.

Verfahren gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt

Richterin Ebel-Scheufele war am Ende der Ansicht, „diesen schwierigen Fall“ anders als mit einem Urteil aus der Welt zu schaffen. Mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft stellte sie das Verfahren – offenbar sehr zum Unwillen der Ex-Ehefrau und Mutter – gegen eine Geldbuße von 400 Euro ein. (utz)

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren