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Neusäß

06.11.2019

Vergewaltigung einer 16-Jährigen: Verdächtiger sieht sich selbst als Zeuge

Fahndungsplakat am Bahnhof in Neusäß: Nach der Vergewaltigung einer 16-Jährigen im September 2018 in Augsburg suchte die Polizei auch mit einem Phantombild nach dem Täter.
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Plus Monatelang blieb die Vergewaltigung einer 16-Jährigen in Neusäß ungeklärt, dann gab es doch eine heiße Spur. Jetzt wurde ein 37-Jähriger angeklagt.

Es gab in dem Fall monatelang keine heiße Spur. Fast schien es so, als ob die nächtliche Vergewaltigung einer 16-jährgen Jugendlichen in Neusäß (Kreis Augsburg) nicht aufgeklärt werden kann. Ein Täter hatte die Schülerin, die auf dem Nachhauseweg war, von hinten attackiert und vergewaltigt. Er hatte offenbar keine Spuren hinterlassen. Doch rund acht Monate nach der Tat meldete die Kriminalpolizei dann doch noch einen Erfolg: die Festnahme eines 37-jährigen Tatverdächtigen. Die Ermittler sind überzeugt, dass sie den Richtigen haben. Die Staatsanwaltschaft hat nun auch Anklage erhoben. Ein Geständnis haben die Ermittler bisher aber nicht. Der 37-Jährige macht ziemlich verwirrende Angaben.

Vergewaltigung in Neusäß: Opfer wurde wohl zufällig ausgewählt

Die Ermittler gehen nach Informationen unserer Redaktion davon aus, dass die 16-Jährige ein Zufallsopfer gewesen ist. Die Tat spielte sich im September vorigen Jahres ab. Die Jugendliche hatte auf dem Herbstplärrer in Augsburg gefeiert. Gegen Mitternacht kam sie mit einem Zug am Bahnhof in Neusäß an. Auf dem folgenden Fußweg nach Hause hatte sie bereits das Gefühl, verfolgt zu werden. Dann, so schilderte sie es den Ermittlern, sei sie plötzlich von hinten gepackt und zu Boden gestoßen worden. Der Täter habe sie nach hinten gedrückt und sie vergewaltigt. Näher beschreiben konnte sie den Vergewaltiger nicht.

Die Polizei fahndete nach der Tat auch mit einem Phantombild. Eine Zeugin hatte zur mutmaßlichen Tatzeit einen Mann in der Nähe gesehen und ihn den Ermittlern beschrieben. Dieses Bild brachte aber keinen Durchbruch. Der entscheidende Hinweis kam von einer Frau, die im Umfeld des Vaters des Tatverdächtigen wohnt. Die Nachbarin hatte mitbekommen, dass der 37-Jährige offenbar etwas über die Vergewaltigung in Neusäß wusste und davon erzählt hatte. Die Zeugin wandte sich bereits im Februar dieses Jahres an die Polizei. Nach weiteren Ermittlungen kam der 37-Jährige im Mai in Untersuchungshaft.

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Ermittler verdächtigen einen 37-Jährigen - der soll an "Schuldwahn" leiden

Nun läuft alles auf einen Indizienprozess hinaus. Denn es gibt bislang offensichtlich keinen Beweis, der den Mann ganz eindeutig überführt. Trotz intensiver Nachforschungen konnten die Ermittler keine Spuren finden, die konkret auf den 37-Jährigen hindeuten. So ließen sich bis jetzt keine DNA-Spuren des Verdächtigen finden. Die Frage, wie der Mann von seiner Wohnadresse in Augsburg-Hochzoll an den rund zehn Kilometer entfernten Tatort gelangt war, blieb unklar. Auch die Zeugin, nach deren Beschreibung das Phantombild erstellt wurde, erkannte ihn nicht wieder. Sein Handy war nicht am Ort des Überfalls ins Netz eingeloggt. Es kann aber auch gut sein, dass er es nicht dabeihatte.

Was den 37-Jährigen aber belastet: Nach Einschätzung der Ermittler hat er in seinen Aussagen immer wieder Täterwissen preisgegeben – also Einzelheiten zum Ablauf der Tat und zum Aussehen des Opfers, die in der Öffentlichkeit nicht bekannt gewesen sind. Die Aussagen des 37-Jährigen sind nach Informationen unserer Redaktion ziemlich wirr. So berichtete er unter anderem davon, eine ganze Gruppe von Männern habe die 16-Jährige vergewaltigt. Er sei zufällig dazugekommen. Ein anderes Mal soll er geschildert haben, dass er selbst von den anderen Männern auch vergewaltigt worden sei. Rechtsanwalt Florian Engert verteidigt den 37-Jährigen, der eine doppelte Staatsbürgerschaft für Deutschland und Österreich besitzt. Engert sagt, sein Mandant leide an einem sogenannten Schuldwahn. Immer, wenn in den Medien über ein aufsehenerregendes Ereignis berichtet werde, beschäftige sich der 37-Jährige intensiv mit der Frage, ob er womöglich beteiligt gewesen sein könnte – oder zumindest als Zeuge dabei. So sei es auch im Fall der Vergewaltigung von Neusäß gewesen, sagt der Anwalt.

Anklage gegen den 37-Jährigen liegt beim Landgericht

Beim Landgericht bestätigt man, dass die Anklage inzwischen vorliegt. Die Jugendkammer muss die Anklage nun prüfen und entscheiden, ob es zu einem Prozess kommt. Im Fall einer Verurteilung droht dem Mann eine längere Haftstrafe. Die Mindeststrafe liegt bei zwei Jahren. Eine Psychiaterin, die den Verdächtigen untersucht hat, geht nicht davon aus, dass er an einer psychischen Einschränkung leidet, die seine Schuld- und Einsichtsfähigkeit einschränkt. Das Opfer wiederum hat Verletzungen erlitten, die nach Einschätzung von Fachleuten zu der von ihr beschriebenen Vergewaltigung passen.

Die Stadt Neusäß hatte wegen der zunächst ungeklärten Tat die Sicherheitsvorkehrungen bei ihrem eigenen Volksfest verschärft und mehr Sicherheitsleute eingesetzt. Die Kripo hatte eine eigene Ermittlungsgruppe mit vier Beamten eingerichtet. In solchen Fällen besteht immer das Risiko, dass ein Täter noch einmal zuschlägt. Dazu kam es aber nicht, obwohl der Verdächtige noch einige Zeit auf freiem Fuß war.

Lesen Sie dazu auch aus unserem Archiv: Vergewaltigungen: Können sich Frauen bei uns noch sicher fühlen?

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