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Augsburg

12.04.2015

Vollmacht missbraucht: Frau betrügt 90-Jährige um 120.000 Euro

Banken akzeptieren nicht immer eine allgemeine Vorsorgevollmacht für den Zugriff auf das Konto.
Bild:  Franziska Gabbert (dpa)

Eine 90-Jährige hatte eine Bankvollmacht an eine Bekannte übertragen. Doch die Frau missbrauchte das Vertrauen. Sie räumte die Konten leer. Nun wurde sie zu einer Haftstrafe verurteilt.

Weil sie das Vertrauen einer 90-jährigen Bekannten missbraucht und deren Konten komplett leer geräumt hat, hat das Amtsgericht gestern eine 39-jährige Frau zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt. Die Seniorin, die in einem Pflegeheim lebt, hatte der 39-Jährigen und deren Mutter eine Vorsorge- und eine Kontovollmacht ausgestellt. Dies ist ein Weg, um seine Angelegenheiten für den Fall zu regeln, dass man sich selbst nicht mehr kümmern kann. Voraussetzung: blindes Vertrauen. Doch das wurde in dem Fall missbraucht. Von den 120.000 Euro, die die alte Frau einst auf dem Konto hatte, war nach zwei Jahren nichts mehr übrig.

Soweit es sich nachvollziehen lässt, hatte die 90-Jährige einer mittlerweile verstorbenen Bekannten und deren Tochter, 39, Ende 2011 eine Vollmacht über ihr Konto erteilt. „Ich hatte vollstes Vertrauen zu ihr“, sagte die alte Frau, die alleinstehend und kinderlos ist, nun als Zeugin vor Gericht. Nie sei ihr gesagt worden, dass Geld abgehoben wurde. Doch das Gegenteil war der Fall. Die 39-Jährige bediente sich munter. Wohin das Geld genau geflossen ist, kam auch im Verfahren nicht ganz schlüssig heraus. Staatsanwalt Markus Eberhard verlas im Prozess minutenlang Daten von Abhebungen und Überweisungen. Manchmal waren es mehre Abhebungen an einem Tag, manchmal Einkäufe bei Tchibo oder Ikea. Luxusgüter waren keine dabei – eher mal eine offene Stromrechnung.

Die Angeklagte gestand, das Geld veruntreut zu haben und erzählte eine tragische Geschichte. Sie habe sich erst gemeinsam mit ihrer Mutter um die 90-Jährige gekümmert. Doch dann starb die Mutter, parallel ging das Geschäft des Bruders bankrott. Und der Vater und der Ehemann der vierfachen Mutter waren krank. So sei die Situation entgleist. „Ich hab nicht mehr gewusst, welche Rechnung ich zuerst zahlen sollte.“ Teils sind ihre Bankunterlagen verschwunden, sodass sich nicht mehr alles nachvollziehen lässt. „Ich bin chaotisch mit meinen Rechnungen“, so die Angeklagte. Allerdings übernehme sie die Verantwortung.

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Opfer verlor beinahe seinen Heimplatz

Für die Seniorin, eine frühere Postbeamtin, die sich das Geld zusammengespart hatte, hatte das Treiben der Angeklagten massive Folgen. Die im Heim beliebte Frau bekam Kleider von verstorbenen Bewohnern, weil sie selbst keine neue Kleidung hatte. Irgendwann musste die Frau, die klar im Kopf ist, beinahe aus dem Heim ausziehen, weil die Kosten nicht mehr bezahlt wurden, obwohl die Frau monatlich aus Rente und anderen Bezügen mehr Geld bekommt, als das Heim kostet. Doch auch dieses Geld verschwand bei der Angeklagten.

Als die Lage außer Kontrolle geriet, ging die 39-Jährige selbst zur Betreuungsstelle und bat um Hilfe, weil ihr alles über den Kopf wachse. Eine Rechtsanwältin, die als Betreuerin eingesetzt wurde, stieß auf Schulden und darauf, dass statt 120000 Euro nur noch 90 Euro auf dem Konto waren. Die Sterbeversicherung war aufgelöst, das Geld ausgezahlt. Die Betreuerin erstattete Strafanzeige.

Vor Gericht ging es um die Frage, wie die Tat zu bewerten ist. Die Angeklagte habe die Frau „komplett ausgenommen“, so die Staatsanwaltschaft. Verteidiger Hermann Christoph Kühn sah bei seiner Mandantin eher einen „Strudel des Chaos“. Sie habe begonnen, finanzielle Löcher bei sich mit dem Geld der Seniorin zu stopfen in der Absicht, die Beträge zurückzuzahlen. Dann sei eine Spirale in Gang gekommen. Er forderte eine Bewährungsstrafe.

Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Elke Bethge folgte dem aber nicht. Das Gericht sprach nach zweitägigem Prozess von einer „in höchstem Grad verwerflichen Tat“. Letztlich wurde die 39-Jährige wegen Veruntreuung von „nur“ 95000 Euro verurteilt, weil nicht ausschließbar war, dass die 2012 gestorbene Mutter der Angeklagten Geld abgehoben hatte. Rechtskräftig ist das Urteil nicht.

Im Gerichtssaal kam es zu einer rührenden Szene, als die 90-Jährige nach ihrer Zeugenvernehmung die 39-jährige Angeklagte umarmte. „Ich habe ihr selbstverständlich verziehen, sonst hätte ich keinen Frieden.“ Die 90-Jährige ist im Glauben verankert, die beiden Frauen kennen sich aus der Kirchengemeinde. Die Jüngere, die mit den Tränen kämpfte, entschuldigte sich und versprach, alles gut zu machen. Fürs Erste bekommt sie 7000 Euro von Verwandten, die sie der Rentnerin überweisen will.

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