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Augsburg

08.01.2021

Vom Lkw überfahren: Eine Frau kämpft seit Jahren um ihr Geld

Der schwere Unfall, unter dessen Folgen Agata Norek heute noch leidet, geschah im November 2013 am Theodor-Heuss-Platz.
Bild: Annette Zoepf (Archivbild)

Plus Vor über sieben Jahren wurde Agata Norek als Radfahrerin in Augsburg von einem Lkw erfasst. Sie trug keine Schuld und wurde schwer verletzt. Dennoch muss sie um ihr Geld kämpfen.

Als Agata Norek am Theodor-Heuss-Platz unter dem Lkw liegt, hört sie Schreie. Sie klingen weit entfernt. "Hören Sie mich?", ruft eine Frau. Norek bringt noch ein "Ja" heraus, dann verliert sie das Bewusstsein. Über sieben Jahre ist es her, dass der Fahrer eines Kieslasters beim Rechtsabbiegen in der Augsburger Innenstadt die Radfahrerin übersehen hatte und überfuhr. Seit jenem verhängnisvollen Tag führt das Unfallopfer eine Auseinandersetzung gegen die Versicherung des Unfallverursachers. Es ist ein Kampf, der sie, wie sie sagt, viel Kraft kostet.

Dabei geht es nicht um Schmerzensgeld. Das hat die Mutter zweier Kinder, die wieder verheiratet ist und mit der Familie in Luzern in der Schweiz lebt, erhalten. Die 42-Jährige kämpft um ihre Verdienstausfallentschädigung. Denn arbeiten kann Norek seit dem Unfall nicht mehr. Zu schwer sind die gesundheitlichen Schäden. "Die Versicherung des Unfallverursachers tut alles, um mir das minimalste Geld beziehungsweise am besten gar nichts auszuzahlen. Sie verzögern das Ganze bis in die Ewigkeit", lautet ihr Vorwurf. Für sie sei das eine klare Zermürbungstaktik. "Versicherungen tragen ihre Politik auf den Rücken der Unfallopfer aus." Mit Hilfe ihres Augsburger Anwalts Felix Egner reichte sie Ende Dezember Klage beim Landgericht Augsburg ein.

Agata Norek kann seit dem Unfall nur noch eingeschränkt sehen. Die 42-Jährige hat unter weiteren gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu leiden.
Bild: Dieter Ruf

Wie der Unfall am Theodor-Heuss-Platz in Augsburg geschah

"Es war der Klassiker", sagt Agata Norek rückblickend über ihren Unfall. Sie stand mit ihrem Fahrrad am Theodor-Heuss-Platz an einer roten Ampel, wollte geradeaus fahren, als diese auf Grün schaltete. Der Lkw neben ihr fuhr auch los, fatalerweise bog er rechts ab. Der Fahrer hatte die Frau nicht gesehen. "Ich versuchte noch auszuweichen, hatte aber keine Chance", berichtet Norek. Sie hat immer noch vor Augen, wie sie unter dem Lkw liegt, Feuchtigkeit auf ihrer Brust spürt. "Ich starrte nach oben, sagte mir immer wieder, kämpfe um deinen Atem." Agata Norek liegt einige Tage im Koma, Ärzte ringen um ihr Leben. "Ich hatte Blut in beiden Lungen, die Schlagader war geplatzt, der Magen gerissen, die Milz kaputt, das Becken auseinandergerissen." Mehr als 14 Operationen habe sie hinter sich, war in psychologischer Behandlung.

Die Folgen, die Norek beschreibt, sind enorm: Posttraumatische Belastungsstörungen, schwere Schlafstörungen, Vernarbungen, die Probleme bereiten, bis hin zum Darmverschluss. Und diese neurologische Verletzung im Kopf, die einen nicht mehr therapierbaren Gesichtsfeldausfall verursacht. Norek kann auf beiden Augen nur noch eingeschränkt sehen. "Wäre die Verletzung am Kopf nur ein paar Zentimeter weiter vorne gewesen, würde ich weder meine Kinder erkennen noch ein Ei kochen können."

Die ehemalige Augsburgerin darf kein Auto mehr fahren, kann nicht lange vor dem Computer sitzen. Sie muss regelmäßig zur Physiotherapie, um beweglich zu bleiben. Trotz allem weiß sie, dass sie Glück im Unglück hatte, nicht tot ist, nicht geistig beeinträchtigt, nicht - mehr - auf einen Rollstuhl angewiesen. Allerdings war der Zeitpunkt des Unfalls, wenn sich das überhaupt so sagen lässt, unglücklich. Denn hier kommt nun die Bemessung des Verdienstausfalles durch die Versicherung ins Spiel.

Agata Norek machte sich als Designerin und Künstlerin einen Namen

Norek hatte nur wenige Monate vor dem Unfall ihre Doktorarbeit abgeschlossen. Die damals 35-Jährige hatte Malerei und Grafikdesign studiert, aufgrund ihrer Leistungen einige Stipendien erhalten. Anschließend promovierte sie - mit Auszeichnung, wie sie betont. Vom Jobcenter erhielt sie in dieser Zeit finanzielle Unterstützung. Für die damals alleinerziehende Mutter zweier Kinder im Alter von sechs und acht Jahren sei das eine Herausforderung gewesen. "Aber ich gab Vollgas mit dem Ziel, auf eigenen, festen Beinen zu stehen."

Im Mai 2013, nur wenige Monate vor dem Unfall, stellte Agata Norek ihre Skulpturen anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Ballonmuseum-Neubaus in Gersthofen aus. (Archivbild)
Bild: Marcus Merk

2008 wurde die Malerin und Grafikdesignerin in den Berufsverband der Bildenden Künstler in Schwaben aufgenommen, 2012 gewann sie den Augsburger Medienpreis, weil sie die Zirbelnuss, das Wahrzeichen der Stadt, mit leuchtenden Plexiglasscheiben als Blume darstellte. Die Zirbelnuss war eine Fortführung eines Konzeptes, das die Künstlerin im Rahmen der Installation "Norek-Jardin" vor dem Europäischen Parlament im Jahr 2011 präsentierte. Wenige Jahre später sollten weitere Werke im Bayerischen Landtag ausgestellt werden. Neben ihrem Leben als Künstlerin und Designerin wollte sich Norek nach der Doktorarbeit als "Creative Director" bei Firmen bewerben. Doch dann wurde sie vom Kieslaster überfahren.

Lkw-Unfall in Augsburg: Für Agata Norek ein Schlag ins Gesicht

Nun geht es um die Frage, was Norek jetzt in ihrem Beruf verdienen könnte, hätte der Unfall nicht ihr Leben auf den Kopf gestellt. Hier gehen die Meinungen des Unfallopfers und der Versicherung des Unfallverursachers auseinander. Nach vielen Befragungen und Gutachten habe die Versicherung sie finanziell auf einer Ebene mit einer Steuerfachgehilfin einordnen wollen, erzählt Norek. Für sie ist das ein Schlag ins Gesicht. "Dafür habe ich sicherlich nicht jahrelang studiert und promoviert." So ist in der Klage gegen die Versicherung zu lesen, dass bei Norek ohne das Unfallereignis von einer herausragenden Karriere auszugehen war. Die Versicherung des Unfallfahrers sieht das anders.

"Da Frau Norek zum Zeitpunkt des Unfalls nichts berufstätig war, ist der Verdienstausfall nicht einfach zu berechnen", räumt eine Sprecherin der R+V Versicherung AG auf Nachfrage ein. Norek sei zum Zeitpunkt des Unfalls beim Jobcenter als arbeitssuchend gemeldet und als alleinerziehende Mutter zeitlich nur bedingt für den Arbeitsmarkt verfügbar gewesen. Die Versicherung bezieht sich auf Mitteilungen des Jobcenters Augsburg, wonach es in Gesprächen bereits Monate vor dem Unfall darum gegangen sei, die Selbstständigkeit aufzugeben und stattdessen eine Umschulung in einen kaufmännischen Beruf in Angriff zu nehmen. Eine Finanzierung zur Ausbildung zur Steuerfachangestellten habe im Raum gestanden. Agata Norek weist dies entschieden von sich, sagt, das Jobcenter muss sie bei dieser Auskunft verwechselt haben.

Nie im Leben wollte sie von ihrem Berufsziel, für das sie so viel Zeit und Mühe investiert hatte, abweichen. In den damaligen Notizen des Jobcenter-Vertreters sei ihr zufolge kein Wort über eine Umschulung Richtung Büro oder Steuern gestanden. Es sei ausschließlich um die Anerkennung ihres Doktorgrades gegangen, was das Jobcenter finanziert habe. "Kein Mensch investiert Jahre in die Habilitation, verfügt über starke Referenzen, um kurz nach der Promotion den Titel in die Schublade zu stecken. Das wäre psychische Selbstverstümmelung", betont sie. Ihr Anwalt Felix Egner weiß, dass in derartigen Vorfällen Versicherungen generell am längeren Hebel sitzen.

Unterstützung von der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland

"Bei solch gravierenden Unfällen geht es oft um viel Geld. Versicherer sind meistens nicht bereit, außergerichtlich diese Summen zu bezahlen", sagt Egner. Für die Haftpflichtversicherungen eines Schädigers spiele Zeit keine Rolle. "Diese langen Verhandlungszeiten gehen auf die Psyche der Opfer, die nicht nur körperlich, sondern auch seelisch stark beeinträchtigt sind. Erst werden sie schuldlos angefahren, dann fühlen sie sich auch noch verraten und sollen jahrelang für ihr Geld kämpfen." Viele Opfer würden irgendwann aufgeben und Entschädigungen, obwohl sie nicht angemessen sind, annehmen. Seiner Mandantin bescheinigt der Anwalt eine hohe mentale Stärke, "auch wenn das Ganze an ihr nicht spurlos vorbeigeht".

Unterstützung erhält Agata Norek auch von der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland. Der Vorsitzende des Vereins Wilfried Echterhoff sagt, Versicherungen können gar nicht alle Auszahlungen solcher Gelder leisten. "Deshalb müssen sie so viele Fälle wie möglich abwimmeln oder klein halten. Da gibt es extra Abteilungen dafür." Als Verband begrüße man den Kampfeswille von Agata Norek und stehe ihr beratend zur Seite. Die 42-Jährige selbst sagt, sie denke dabei auch an alle anderen Verkehrsunfallopfer, die nicht mehr für sich kämpfen können.

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10.01.2021

Dass sich diese Person ins Leben zurück gekämpft hat, das ich schon mal beeindruckend und zeigt wie willensstark sie ist. Dass sich Versicherungen bei solchen Angelegenheit drücken und nur ihr maximales Ziel erreichen wollen liest man ja auch oft genug. Ich wünsche ihr auf alle Fälle weiterhin alles Gute und dass sie ihre Willen Stärke beibehält und an ihr Ziel kommt.

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09.01.2021

Versicherungen sind keine Helfer in der Not. Wer mal selber einen Schaden reguliert hat, kennt die Strategie der Versicherungen. Spitzfindigkeiten, Aussitzen, Leugnen, in Zweifel ziehen und zur Not den versicherten Kunden unglaubwürdig machen. Hier ist dringen eine Gesetzesänderung notwendig. Die Versicherung hat den Schaden vollumfassend zu regulieren und muss auf dem Klageweg das Geld zurückfordern, wenn es nach ihrer Auffassung zu unrecht bezahlt wurde. Dann fällt der Druck von Unfallopfern, Berufsunfähigen und Hinterbliebenen erst mal weg und die Existenzsicherung gesichert.

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09.01.2021

Da stimme ich Ihnen gerne zu. Nur dass es in diesem Fall eben darum geht, erst mal festzustellen, welche Verdienstausfallentschädigung angemessen ist. Aber auch dabei müsste es natürlich so sein, die Versicherung schon mal einen angemessenen Betrag zu erstatten hätte, bis das abschließend geklärt ist... und dann könnte man den Betroffenen auch noch eine Hilfsorganisation zur Seite stellen, die den Kampf für sie führt.

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08.01.2021

Da hilft nur eins.

Die zahlungsunwilligen Versicherungen sollte man einfach boykottieren. Keine Verträge abschließen, bestehende Verträge woanders hin umziehen.

Je mehr das machen, desto besser. Es gibt neben den redlichen Versicherern leider auch welche, die verzögern wo es geht.

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