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Prozess in Augsburg

23.05.2019

Waffendeal an A8: Was hat der IS mit dem Kopfschuss zu tun?

Vor Gericht geht es um den Kopfschuss auf einem A8-Parkplatz.
Bild: Jakob Stadler (Symbolbild)

Die Richter versuchen herauszufinden, was an der A8 passiert ist und vor allem: warum. Die Geschichte des Opfers wirft Fragen auf – bis hin zum IS.

Der Münchner Unternehmer will mit seiner Familie nach Brasilien auswandern. Einen Tag, bevor er Deutschland verlässt, hat Alexander L. endlich einen Käufer für seine Pistole gefunden, die er sich als Jäger zugelegt hatte. Um Zeit zu sparen, soll die Übergabe auf einem Parkplatz an der A8 bei Adelzhausen stattfinden. Doch dann passiert etwas, dass das Leben beider Männer schicksalhaft verändern sollte.

Bald zwei Jahre danach steht der Münchner in Augsburg als Angeklagter vor dem Landgericht. Er hat monatelang in U-Haft gesessen. Jetzt ist der 42-Jährige der gefährlichen Körperverletzung angeklagt. Er hat einen jungen Mann, mit dem er sich abends auf dem Parkplatz traf, durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt und zum Pflegefall gemacht. Im bisherigen Prozessverlauf hatte der Angeklagte ausführlich geschildert, wie er aus Notwehr schoss, als Cedric S. mit einer Armbrust auf ihn zielte, schoss, und sich dann auf ihn stürzte.

Waffendeal an der A8: Was ist das Motiv?

Aber wenn es so gewesen ist, wo liegt das Motiv? Was wollte der 19-Jährige mit einer Pistole? Die Richter der 3. Strafkammer haben es an den Verhandlungstagen erkennbar schwer, das herauszufinden. Weil Zeugenaussagen sich widersprechen und das Schussopfer nicht befragt werden kann: Denn Cedric S., der mit seiner Mutter in Göppingen lebt, fehlen große Teile des Gehirns. Er hat ein Auge verloren. Hinzu kommt, wie jetzt im Prozess seine Mutter offenbarte, dass ihr Sohn Autist sei. Er wäre ohnehin sein Leben lang auf Hilfe angewiesen. Schon vor dem Vorfall habe Cedric auf ungewohnte, überraschende Situationen panikartig reagiert. Er gehe noch ein bisschen raus, hatte er seiner Mutter an jenem Julitag zugerufen, ohne ihr zu sagen, dass er mit dem Auto gleich nach Bayern fahren wird.

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Am Abend gegen 22 Uhr treffen sich die Männer auf dem Parkplatz bei der Kapelle St. Salvator. Alexander L. stellt überrascht fest, dass sein Kunde anders heißt, als der Mann, mit dem er über das Internet korrespondiert hatte. Weder hat er einen Waffenschein, noch scheint er am Kauf einer Pistole interessiert, bietet seinerseits eine Armbrust zum Kauf an. Ein böser Streich, denkt der 42-Jährige und fährt wieder weg – bis er per Handy wieder zurückgerufen wird: Cedric S. bittet ihn um Starthilfe, da der Motor nicht mehr anspringe.

Er sei mit einem mulmigen Gefühl zurückgekehrt, deswegen habe er den Revolver geladen und in die Hosentasche gesteckt, berichtete der Unternehmer im Prozess. Man hat sehen können, dass er eine Waffe trug, als er zurück am Parkplatz aus seinem Auto aussteigt. Die Polizei hat das Geschehen am Tatort inzwischen nachgestellt: Der 19-Jährige könnte also beim Anblick des Revolvers in Panik zur Armbrust gegriffen haben, die in seinem Auto lag, und wo der Pfeil schon eingelegt war. Er schoss auch damit, jedoch ohne zu treffen. Der Pfeil wurde später am Tatort gefunden.

Prozess um tödlichen Schuss: Was hat der Islamische Staat damit zu tun?

Doch obwohl er noch jung ist, gibt es in Cedriks Biografie Auffälligkeiten. Auch sein Interesse für Waffen: Er habe sich darin gut ausgekannt, berichtete ein langjähriger Freund dem Gericht. Ihr Sohn habe die Absicht gehabt, dem Schützenverein beizutreten, sagt seine Mutter. Es war denn auch eine Waffe, weswegen Cedrik als Schüler richtig Ärger bekam: Er hatte den Gasrevolver seiner Mutter mit in die Schule genommen und einer Mitschülerin gezeigt. Die Schulleitung erfuhr davon, schaltete das Jugendamt ein und am Ende landete der Jugendliche für mehrere Wochen in der Jugendpsychiatrie. Mit ein Grund dürfte gewesen sein, dass Cedrik Autist ist, sich sozial abkapselt, man schwer an ihn rankommt.

Und dann ist da noch sein Interesse für den Islam. Am Arm trägt Cedrik als Tattoo einen Koranspruch. Das Gericht hörte Zeugen, denen aufgefallen ist, dass sich Cedrik plötzlich anders gekleidet hat, wenn auch nur für kurze Zeit. Er trug einen Kaftan, hatte eine Gebetsmütze auf dem Kopf und einen Vollbart. Und er sympathisierte mit dem IS-Staat, zeigte in der Berufsschule am Handy Videofilme mit IS-Kämpfern, wie sie Menschen den Kopf abschlagen. Jetzt schaltete sich auch der Staatsschutz ein.

Von der Kripo wurde Cedrik vernommen. Am Ende waren die Interviewer aber überzeugt, dass der junge Mann weder ein Islamist noch gefährlich ist. „Er könne keiner Fliege etwas zuleide tun“, gab sich eine junge Frau überzeugt, die mit Cedrik einige Zeit lang eng befreundet war. Und Cedrik hat sich den Ahmadiyya angeschlossen, einer islamischen Reformbewegung, die sich betont friedlich gibt. Die Verhandlung wird fortgesetzt. Offen ist, ob es noch im Mai ein Urteil geben wird.

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