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Kolumne „Radlerleben“

16.06.2017

Warum Radfahrer Schweine sind

3 Bilder
Bild: Silvio Wyszengrad

Sie fahren auf Wegen, von denen sie mal Autofahrer, mal Fußgänger vertreiben wollen. Wenn einer fragt, warum: Es gibt Antworten.

Zehn vor neun. Das Frühstück mit der Familie hat länger gedauert, dann fand ich den Fahrradschlüssel nicht. Ein Klassiker. Ich habe weniger als zehn Minuten, um vom Thelottviertel zur Arbeit beim Proviantbach zu kommen. Also los: Die Treppe runter, raus, aufsperren, auf’s Rad. Die Rosenau hinunter, Vollgas bei 36 Stundenkilometern. Solange keine Fußgänger in Sicht sind, kein Problem. Sobald ich mir den Rad- und Fußweg teilen muss, sollte ich Abstand halten und langsamer machen.

Es schüttelt uns durch

Während es mein Rad und mich auf den Waschbetonplatten durchschüttelt, bin ich alarmiert: Meine Augen haben all die uneinsehbaren Einfahrten im Blick. Immer zwei Finger an den Bremsen; ich weiß, dass es gefährlich ist, was ich tue. Schuldig fühle ich mich nicht, innerorts gilt auch für Radler Tempo 50 – außer die Verkehrsführung gebietet besondere Vorsicht.

An der Ecke zur Pferseeer Straße kann man sich über mein Abbiegemanöver streiten. Die Ampel für den geradeaus fahrenden Radverkehr ist rot. Aber ich will ja nach rechts in den Tunnel. Ich bremse und schlängle mich mit Schrittgeschwindigkeit zwischen wartenden Fußgängern durch. In mir flucht eine Stimme übers Tiefbauamt. Warum kann man Kreuzungsbereiche nicht so gestalten, dass sich Radfahrer und Fußgänger nicht ins Gehege kommen? Die gleiche Frage stellt sich wahrscheinlich auch der ältere Herr, auf den ich vergeblich aufgepasst habe: Er pöbelt mich an, wie unverschämt ich sei. Während ich mich schuldig fühle, sucht mein Blick nach einer Lücke zwischen den Autos. Mein Hirn fällt die Entscheidung und gibt den Beinen das Kommando: jetzt oder nie! Ich biege ab.

Alle tummeln sich auf dem Fußweg

Im Tunnel tummeln sich Radfahrer und Fußgänger auf dem für Radler freigegebenen Fußweg. Auch eine Frau mit Kinderwagen kann ich erspähen, also bleibe ich auf der Fahrbahn. Sofort bekomme ich dafür von einem Taxifahrer Karma-Punkte abgezogen: Hupend prescht er mit 20 Zentimetern Abstand an mir vorbei. In seinen Augen gehöre ich auf den „Radweg“. Meine Gedanken kreisen um dieses Wort und um die Tatsache, dass im Pferseer Tunnel schlichtweg keiner existiert. Ich passiere die Radler, die auf dem Fußweg wegen des Gewühls von Radlern, Fußgängern, parkenden Drahteseln und Kinderwagen auf Schrittgeschwindigkeit abgebremst wurden. Weil ich schon mal auf der Fahrbahn bin, bleibe ich es auch in der Viktoriastraße. Diesmal illegal, denn da hängt ein Schild, das mich verpflichtet, auf dem Radweg zu fahren. Der endet am Bahnhof im Nirwana und würde mich in das Getümmel eiliger Bahnpendler spucken. Keine Lust. Ich fahre auf der Fahrbahn weiter.

Hier kann man Gas geben

Weiter hinten kommt der neue Radweg der Halderstraße. Hier kann man Gas geben. Der Weg ist breit, die Fußgänger weit weg. Doch meine Fahrt findet ein jähes Ende: Vor dem Ibis-Hotel steht ein Lieferant. Ich bremse scharf, die Problemlösungen überschlagen sich in meinem Kopf: Nach links auf die Fahrbahn? Nach rechts auf den Fußweg? Beides nicht erlaubt. Ich spreche den Lkw-Fahrer an, sage ihm, dass 30 Meter weiter vorn eine Lieferzone ist. Er schleudert mir eine Mischung aus „Fahr’ halt drum rum!“ und „Ihr Radfahrer macht sowieso immer, was ihr wollt!“ zurück. Ich bin verdutzt, gebe aber nach und rolle langsam am Lkw vorbei. Dann nehme ich wieder Fahrt auf. Nachdem ich mich über die Fußgängerfurt Richtung Hallstraße gemogelt habe, kreisen die Gedanken: Wenn ich an die ersten Meter meines Wegs zurückdenke, fühle ich mich schuldig: Ich denke an den alten Herrn an der Kreuzung, den Taxifahrer im Tunnel.

Das Image des Gesetzlosen

Bei beiden habe ich – mal zu Recht, mal zu Unrecht – genau das Image des gesetzlosen Radlers hinterlassen, das dem Lkw-Fahrer seine Rechtfertigung lieferte. Recht hat er: Wir Radfahrer sind Schweine! Wir machen, was wir wollen. Aber auch, was wir können, denn was wir dürfen, ist komplexer zu sehen, als man denkt. Denn da sind die Grauzonen der Verkehrsführung, die zu interpretieren sind. Und da wir Menschen sind, legen wir sie eben zu unseren Gunsten aus.

Die Diskussion ist geschlossen.

17.06.2017

Stimmt - die Radfahrer scheinen in ihrer Gesamtheit die größte, zumindest halbkriminelle, Vereinigung in Deutschland zu sein. Halbkrminell deswegen, weil Verstöße gegen die STVO nur Bußgelder zur Folge haben.

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17.06.2017

Und jetzt denken wir uns dieselben Strecken mit dem Auto und bemerken: Keine Problem. Auf den Fahrbahnen dieser Republik hat man solche Entscheidungsprobleme nicht. Dort sind allenfalls solche Schlaumeier wie der Taxifahrer unterwegs, die aber Ihresgleichen irgendwie nicht ansatzweise so bereitwillig belästigen. So auch gestern in Königsbrunn. Freigegebener Gehweg, lauter Leute drauf. Habe ich keine Lust drauf. Muss ich auch nicht. Noch dazu ist da eh T-30. Sollte also kein Problem sein. Dauert keine 200 m und man wird angehupt und irgend einer schreit einen an, irgendwas mit »Radweg«. Ja welcher denn? Man macht nichts falsch und wird trotzdem drangsaliert. Lustig, denn genau das ist einer der Gründe, warum die Leute so gerne auf Gehwege ausweichen, wo sie sich dann gerne mal genau so beschissen verhalten, wie jener Autofahrer. Weil immer irgendein *zensiert* meint, dass er jetzt hier mal eben das Recht des Stärkeren, notfalls mit der Stoßstange, durchsetzen kann, haut man ab, und weil man ja doch irgendwie immer noch nicht zu Fuß gehen wollte, fährt man halt, wie man fährt. Und wo sind die Herren und Damen Ordnungshüter wenn man sie mal braucht? Vermutlich in der nächsten Fußgängerzone, in der man 2 h länger mit dem LKW fahren darf, als mit dem Rad.

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