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Kino

14.02.2019

Warum der Brecht-Film nicht in Augsburg gedreht wurde

„Sie laufen am schmalen Spazierweg am Lech entlang“: Ersichtlich ist die Filmkulisse mit Paula Banholzer (Mala Emde) und Bert Brecht (Tom Schilling) nicht authentisch – am Augsburger Lech hat es keine Hügel.

Im Porträtfilm von Heinrich Breloer bewegt sich der Schriftsteller B. B. in Prag. Beim Filmdreh an authentischen Schauplätzen hätte es Probleme gegeben.

Darf das sein: Ein Dokudrama über Bertolt Brechts bewegtes Leben, das nicht auch in Augsburg spielt? Hier befinden sich schließlich die originalen Schauplätze vom Geburtshaus Auf dem Rain über die Kahnfahrt bis zum Perlachturm und Rathaus. In Heinrich Breloers Fernseh-Zweiteiler, der jetzt auch eine Woche im Kino läuft, kommen sie nicht vor. Gedreht wurde nämlich in Prag. „Wenn der Film wirklich einen dokumentarischen Anspruch hat, halte ich das für ein Problem“, sagt Prof. Jürgen Hillesheim, Leiter der Augsburger Brechtforschungsstelle.

Rein finanzielle Gründe hätten dafür den Ausschlag gegeben, sagte Regisseur Breloer im Interview mit unserer Zeitung. „Ich bin froh, dass ich die zwei Teile machen konnte – in der Situation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das ja sparen will und soll.“ Hart hat er mit der ARD ums Budget gerungen. Die Schauplätze in Augsburg kannte er seit Jahren wie seine Westentasche. Mit Gerhard Gross, dem Sohn von Berts Jugendliebe Paula „Bi“ Banholzer, ist er durch die Stadt gezogen, um alle Ecken, wo Brechts Augsburger Leben sich abspielte, in Augenschein zu nehmen und zu fotografieren. Sogar im Roten Hahn, der Kneipe in der berüchtigten Hasengasse, kehrten die beiden auf ihrer Erkundungstour ein. „Breloer wollte prüfen, ob die Häuser für den Film taugten. Das gefiel den dort tätigen Damen gar nicht. Eine schrie wütend von oben herab: Haut ab, ihr Schweine!“, gibt Gerhard Gross als Anekdote zum Besten.

Der Regisseur hätte den Film gerne in Augsburg gedreht

Seine Produzentin Corinna Eich von der Bavaria Fiction in München bestätigt, dass Heinrich Breloer den Anspruch hatte, grundsätzlich alles an den Originalschauplätzen zu drehen. „In Augsburg hat er alles angeschaut. Aber vieles war nicht mehr im Originalzustand von damals vorhanden. Die Fenster, die Dächer haben sich verändert“, erklärt sie auf unsere Nachfrage. Der Szenenbildner werfe ein strenges Auge auf das alles, muss er doch entscheiden, ob er den Drehort wieder wie einst umgestalten kann – und mit welchem Aufwand. Denn im Filmteam stand immer die Frage im Hintergrund: Können wir uns das leisten?

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In Prag habe Regisseur Breloer schließlich passende Straßen und Häuser gefunden, die ein Augsburger Gefühl vermitteln. Die Innenräume wurden sowieso nach alten Fotografien im Filmstudio möglichst exakt nachgebaut. Natürlich hätte das vielköpfige Drehteam für einzelne Szenen nach Augsburg reisen können, räumt Corinna Eich ein. Dasselbe hätte aber auch für die anderen Schauplätze gegolten, also vor allem für Berlin – das heute auch anders aussieht als in den fünfziger Jahren. „Wir erzählen eine Geschichte über vier Jahrzehnte hinweg“, gibt die Produzentin zu bedenken. Je nach Szene wäre ein Wechsel des Drehorts ein enormer Aufwand gewesen – womöglich nur für jeweils wenige Filmminuten oder gar nur Sekunden. „Wir müssen mit unserem Geld ordentlich umgehen“, sagt sie.

Prag war als Kulisse günstiger als Augsburg

Einen festen Preis pro Drehtag kann Corinna Eich gar nicht benennen. „Es gibt Drehtage, die extrem teuer sind, etwa weil die Szene für die Schauspieler schwierig ist.“ Eins steht aber fest: Ein Drittel mehr als in Prag hätte die Bavaria Fiction für einen Dreh in Deutschland hinblättern müssen. Über die Höhe des Budgets für den Brecht-Zweiteiler äußert sich Corinna Eich nur vage: „Es war ausreichend.“ Und fügt an: „Die teuerste Lösung ist nicht immer künstlerisch die beste. Wesentlich kommt es auf den Moment an, den die Schauspieler erschaffen. Das braucht dann einen Rahmen, der die Illusion unterstützt.

Der ortskundige Augsburger erkennt gewisse Kompromisse, die Heinrich Breloer eingegangen ist. So erhebt sich im Film am Lechufer, wo Brecht mit Bi lustwandelt, eine hügelige Landschaft – anstelle der weiten Lechebene. „Wenn man Authentizität sucht, sollte man versuchen, originale Orte einzubringen. Sonst kann ich gleich einen Hollywood-Film drehen“, merkt Brechtforscher Jürgen Hillesheim süffisant an. Doch anerkennt er letztlich auch die Grenzen, die Budget und Zeitenwandel hervorbringen.

„Brecht“ (beide Teile mit Pause) läuft ab heute eine Woche im Augsburger Mephisto zu unterschiedlichen Zeiten. Am Samstag um 18 Uhr ist Heinrich Breloer zu Gast.

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