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Augsburger Geschichte

17.10.2018

Warum der Stadtmauerfund am Theater so bedeutend ist

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2 Bilder
Den Alten Einlass mit der langen Holzbrücke über den Stadtgraben, die Stadtmauer und die Dachlandschaft des Heilig-Kreuz-Viertels hielt am 5. Juli 1858 der Oberst Gallus Weber auf einem Aquarell fest.
Bild: Städtische Kunstsammlungen

Archäologen haben beim Stadttheater Reste der einstigen Stadtbefestigung freigelegt. Was an dieser Stelle am Theater einst alles passiert ist.

Archäologen legten beim Stadttheater Reste der einstigen Stadtbefestigung frei. Die Stadtmauer verlief an der Westseite des Theaters. Die Bauphasen der Stadtmauer sind hier bis ins 13. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Im Jahr 1867 war diese Befestigung abgebrochen worden – jedoch nur oberirdisch. Gemäuer, das unter dem Bodenniveau lag, verblieb dort. Es wurde lediglich überdeckt. Diese Stadtmauer-Fundamente sind nun sichtbar. Sie verkörpern auf einmalige Weise Stadtgeschichte. Aus diesem Grund wünschen sich die Archäologen, dass diese baulichen Relikte erhalten bleiben.

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Rückblende braucht historische Bilder

Nur aufgrund der freigelegten Mauerreste ist jedoch heutzutage kaum mehr vorstellbar, wie es an dieser Stelle jahrhundertelang aussah. Ohne historische Bilder ist eine Rückblende unmöglich. Diese Bilder gibt es. Am 5. Juli 1858 dokumentierte der Leiter der Königlichen Kanonengießerei am Katzenstadel, Oberst Gallus Weber, den Alten Einlass, die Stadtmauer und das dahinterliegende Heilig-Kreuz-Viertel auf einem Aquarell. Die Städtischen Kunstsammlungen verwahren diese und viele weitere stadtgeschichtlich kostbare Zeichnungen des begnadeten Amateurmalers Gallus Weber.

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Neun Jahre nach Anfertigung der fotografisch genauen Zeichnung wurde der Alte Einlass, das anno 1514 als Nachttor für Kaiser Maximilian I. gebaute „sonderlich Thörli“ – wie es in einer Chronik heißt –, abgebrochen. Die lange hölzerne Brücke über den Stadtgraben kaufte 1868 ein Lechhauser Bäckermeister und heizte mit dem trockenen Holz jahrelang seine Backöfen.

Die an den Alten Einlass anschließende Stadtmauer in Richtung Klinkertor ließen Bauunternehmer Ziegel für Ziegel abtragen. Das Recycling-Material verwendeten sie für Neubauten, die zu dieser Zeit vor allem an der Fuggerstraße und an der Bahnhofstraße entstanden. Wie marode die auf den derzeit sichtbaren Fundamenten stehende Stadtmauer 1858 war, dokumentierte Gallus Weber.

Kamera auf der Fuggerstraße aufgebaut

Wie der Bereich nach Beseitigung des Alten Einlasses und der Stadtbefestigung aussah, zeigt ein Foto. Der einstige reichsstädtische Salzstadel, dessen hoher Giebel auf der Zeichnung von Gallus Weber im rechten Bildbereich großteils durch die Stadtmauer verdeckt ist, ist nun bildbestimmend. Der Fotograf hatte 1874 seine Plattenkamera auf der Fuggerstraße aufgebaut. Sie verläuft auf dem 1867 verfüllten Stadtgraben.

Dieser Anblick reizte den damaligen Stadtbaurat Ludwig Leybold – er amtierte von 1866 bis 1891 –, den Standort des nicht mehr benötigen Salzstadels für ein neues Stadttheater vorzuschlagen. Ein Theater-Neubau war plötzlich unumgänglich geworden. Der Grund: Am Neujahrstag des Jahres 1876 brannte es in der Bürgermeisterloge des alten Theaters in der Jakobervorstadt. Das rasch gelöschte Kleinfeuer machte klar, wie dringlich ein Ersatz für das 100 Jahre alte Theater bei der Jakobskirche war.

Bereits in den 1840er-Jahren war ein Theater-Neubau im Gespräch. Das kostspielige Projekt wurde oftmals verschoben. Nach dem Brand ging alles unwahrscheinlich schnell. Bereits am 5. und am 8. Februar 1876 beschlossen der Magistrat und das Gemeindekollegium einstimmig: Ein Theater wird gebaut! Standort: das Areal hinter dem 1868 abgetragenen Alten Einlass.

Hier standen bei dem Beschluss Anfang 1876 noch der alte Salzstadel, das städtische Leihhaus und große Kellergebäude. Brach man jedoch diese Altbauten ab, bot sich der ideale Platz für einen im Blickfeld stehenden repräsentativen Theaterneubau. Mit dessen Planung wurde das europaweit im Theaterbau führende Wiener Architekturbüro Fellner & Hellmer beauftragt. Es legte bereits am 22. April 1876 Detailpläne vor, am 2. Mai folgte der Kostenvoranschlag: 900000 Mark für ein 1400-Plätze-Theater. Die Architekten hatten bereits in Wien und Budapest Theater gebaut, konnten also auf Standardpläne zurückgreifen. Umplanungen verteuerten das Augsburger Theaterprojekt jedoch auf 1,35 Millionen Mark.

Brandsicherheit sehr wichtig

Am 1. Mai 1876 begannen die Hausabbrüche, um Platz für das Theater zu schaffen. Am 2. Mai wurden dafür die ersten Aufträge vergeben. Eineinhalb Jahre nach Baubeginn fand am 26. November 1877 die Einweihung statt, obwohl es während der Bauzeit Umplanungen gegeben hatte. Da die Augsburger höchsten Wert auf Brandsicherheit legten, wurde beispielsweise die in Holz vorgesehene Tragekonstruktion der Zuschauerlogen in Eisen ausgeführt. Vier Wasserreservoirs und 19 Hydranten sollten eine effektive Brandbekämpfung gewährleisten.

Eine Heißwasser- und Warmluftheizung – eingerichtet von dem europaweit führenden Augsburger Heizungsbau-Unternehmen Johannes Haag – garantierte Wohlgefühl für die Besucher. Lediglich die Gasbeleuchtung war bis zur Einführung des elektrischen Lichts ein Schwachpunkt in puncto Feuersicherheit.

Die Außengestaltung sorgte für Bewunderung. Das drückt eine Beschreibung von 1880 aus: „Das Theater wurde 1876/77 in modernem Renaissancestil mit luxuriösester Pracht hergestellt. An der Hauptfassade erhebt sich über der Auffahrt ein reich mit Reliefs geschmückter Vorbau, dessen korinthische Säulenstellung im ersten Stockwerk eine prächtig ausgemalte und dekorierte Loggia bildet.“ Fotos zeigen dieses einstmals mit Steinreliefs und Figuren reich dekorierte Stadttheater. Es wurde inzwischen mehrfach umgebaut, von Bomben schwer beschädigt und 1955/56 in purifizierter, nüchterner Nachkriegsarchitektur wiederaufgebaut.

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