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Oberbayern

11.09.2016

Warum es so viele Araber nach Garmisch zieht

Verschleierte Frauen in Garmisch-Partenkirchen gehen den Rundweg um den Eibsee. Das Örtchen boomt bei Urlaubern aus den Golfstaaten. Inzwischen kommen mehr Araber als US-Touristen.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Das malerische Garmisch-Partenkirchen am Fuß der Zugspitze ist Destination Nummer eins für Besucher aus Golfstaaten. Sie lieben den Regen und die Deutschen. Und umgekehrt?

Schnee und Regen haben es den arabischen Touristen in Garmisch-Partenkirchen angetan, denn Niederschlag ist in deren vom Wüstenklima geprägten Heimat so selten wie hierzulande Sahara-Sand auf den Berggipfeln. Während sich Besucher aus den USA oder Großbritannien in Restaurants oder ihr Hotel zurückziehen, wenn erste Regentropfen fallen, machen es sich die arabischen Touristen trotzdem oft in Tretbooten auf dem Eibsee bequem. Der Anblick ist ihm bekannt: „Das sind Touristen, die freuen sich über Regen“, sagt Wolfgang Bauer, Zweiter Bürgermeister des Alpendorfes, in seinem Amtszimmer im Rathaus, das zwischen den beiden Ortsteilen Garmisch und Partenkirchen liegt.

Er sieht die arabischen Touristen bereits seit gut 40 Jahren durch die Marktgemeinde flanieren. Und doch hat sich seit vergangenem Jahr etwas deutlich verändert: 2015 zählte Garmisch-Partenkirchen rund 53000 Übernachtungen arabischer Gäste, 43,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Amerikaner, wie im Tourismusbericht aufgelistet, belegen Rang zwei mit knapp 49000 Übernachtungen.

Ausländische Gäste gehören in Garmisch zum Alltag

Ein Stück arabische Welt in Garmisch? Die Einheimischen wehren sich gegen solche Aussagen. „Die ausländischen Gäste sind Alltag im Ortsbild“, sagt Bürgermeister Bauer, schon immer. Selbst der Ortsteil Garmisch, in dem sich die meisten arabischen Touristen aufhalten, vermittelt kein arabisches Flair, zumindest auf den ersten Blick. Vereinzelt findet sich, wie im Schaufenster einer Parfümerie, ein arabischer Schriftzug. Restaurants reagieren auf die steigende Zahl arabischer Touristen mit speziell nach islamischen Gepflogenheiten zubereiteten Gerichten. Dennoch stehen Speisen in den Restaurants nur vereinzelt auf arabisch in der Karte.

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Ein Parkplatzlotse am Eibsee wird deutlich: „Wer sagt, dass die arabischen Gäste in Garmisch nichts zu suchen haben, der hat sie nicht alle.“ Nur das Problem mit dem Müll, das sei schon etwas größer geworden, ergänzt er. Doch den hinterließen auch Besucher aus anderen Ländern. Die arabischen Gäste geben gut 4500 Euro im Schnitt für die Reise aus.

Ein paar Meter vom Parkplatz entfernt sitzt eine junge Familie aus Kuwait am Eibsee. Die Frauen haben ihren schwarzen Gesichtsschleier neben sich auf die Decke gelegt. Nur das Gesicht ist nicht bedeckt, der Rest des Körpers ist in feine Stoffe gehüllt. Die Tochter gießt aus einer goldschimmernden Kanne arabischen Kaffee, wie aus 1001 Nacht. In einer silbernen Box bewahren sie Datteln auf. „Beautiful“, mit diesem Wort beschreibt sie Deutschland mehrmals hintereinander. Garmisch, Stuttgart oder München, alles sei „wunderschön“. Doch was zieht die Familie nun genau ins Alpendorf?

Zugspitzbahn schaltet Anzeigen in den Golfstaaten

Es sind die Seen, die Berge, die frische Luft und der Regen. Alles soll mit einem Besuch angefangen haben. Bürgermeister Bauer erzählt vom Sultan von Oman, der vor gut 40 Jahren eine Alm in Garmisch-Partenkirchen gekauft hat. Der Sultan schätzt genau das, was inzwischen jährlich gut 1,5 Millionen Touristen aus aller Welt am Alpendorf und der Umgebung schätzen: das milde Klima im Sommer, das satte Grün der Wälder, die schroffen Gipfel und im Winter Schnee und Eis. Viele Urlauber sind Medizintouristen. Diese ließen sich nicht nur in München, sondern auch in der Unfallklinik in Murnau oder eben im Klinikum Garmisch-Partenkirchen behandeln, weiß Bauer. Während der Tourismusverband Garmisch-Partenkirchen nicht in den Golfstaaten wirbt, hat die Bayerische Zugspitzbahn Social-Media-Kampagnen geschaltet.

Marketingleiter Klaus Schanda erklärt, was dahinter steckt. Stars und Sternchen vor allem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten lassen demnach Bilder von sich auf der Zugspitze machen. Die Zugspitzbahn kaufe die Bilder und verwende sie im Internet, unter anderem bei Facebook oder Twitter, für die Kampagnen in den Golfstaaten. „In den letzten Jahren hat sich der Anteil arabischer Gäste, die mit der Bahn auf die Zugspitze fahren, verzehnfacht“, sagt Schanda. Er geht davon aus, dass in diesem Jahr zwischen 30000 und 40000 Besucher aus diesen Ländern den Gipfel von Deutschlands höchstem Berg besucht haben. Geworben werde seit 15 Jahren.

Vollverschleierte Frauen stören die Einheimischen

Die Freude gegenüber arabischer Touristen ist nicht ausnahmslos. Gerade die Frauen in Niqabs oder Burkas stören so manchen Einheimischen. In einem Souvenirladen sagt ein Verkäufer, dass ein Verschleierungsverbot wie im Schweizer Tessin nötig wäre. Es sei oft nicht mit anzusehen, wie die Frauen versuchten, im Restaurant am Gesichtsschleier vorbei zu essen. Zudem drückten die Schleier seiner Ansicht nach eine frauenverachtende Einstellung aus.

Im Rathaus und im Landratsamt ist von einem Verbot jedoch keine Rede. Toleranz gegenüber Touristen sei wichtig.

Irene Kässer betreibt die Chocolaterie Amelie und hat Filialen sowohl in Garmisch als auch in Partenkirchen. Garmisch sei bei den Touristen beliebter, sagt sie, auch bei den Gästen aus Kuwait oder dem Oman. Das liege vor allem an der Fußgängerzone. Kässer gefällt die Freundlichkeit der arabischen Gäste. Diese kaufen die Pralinen häufig nicht nur wegen des Geschmacks, sondern weil Kässer versichert, dass kein Alkohol darin enthalten ist.

Allerdings macht auch sie Abstriche. Ab und an würden sich vor allem die arabischen Herren in ihrem Geschäft wie Könige benehmen. Hinten anstellen sei ihnen fremd.

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