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Augsburger Geschichte

01.06.2017

Was hinter der Geschichte des Stadtmarktes steckt

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3 Bilder
1949 war im Stadtmarkt das Angebot auf den Freiflächen oftmals üppig. Der Markt erfüllte eine wichtige Funktion in der Versorgung der Städter.
Bild: Sammlung Häußler

Heute vor 90 Jahren kaufte die Stadt das Areal der Lotzbeck’schen Schnupf- und Tabakwarenfabrik. Seit 1930 ist dort der Stadtmarkt angesiedelt.

Der einstige Zentralmarkt von Paris mit seinen zwölf Hallen auf einem Gelände von über zehn Hektar ging als „Bauch von Paris“ durch ein 1873 erschienenes Buch von Emile Zola in die Weltliteratur ein. Dieser riesige Markt beflügelte in Augsburg das Bestreben, einen solchen „Bauch“ in bescheidenerem Maßstab einzurichten. Augsburg verfügte zu dieser Zeit nur über einen Fleischmarkt unter Dach. Es war die Stadtmetzg am Fuß des Perlachbergs. Andere aus der Region in die Stadt gebrachte Lebensmittel wurden auf Straßenmärkten angeboten. Der Platz um den Augustusbrunnen hieß im Volksmund nicht von ungefähr „Eiermarkt“, vom Obstmarkt ist der Straßenname geblieben, ebenso vom Fischmarkt zwischen Rathaus und St.-Peter-Kirche.

Marktgelände mit Hallen

Schon die Römerstadt Augusta Vindelicum verfügte über eine 45 mal 72 Meter große, vierschiffige Markthalle um einen Innenhof. Dieser Markt wurde über 250 Jahre genutzt. Daran konnte die spätere Reichsstadt Augsburg nicht anknüpfen. Sie brachte es nie zu einem Zentralmarkt. In der stark wachsenden Industriestadt wurden ab etwa 1875 die Forderungen nach einem Marktgelände mit Hallen drängender. „Ein derartiges Unternehmen hat aber seine Schwierigkeiten in der Platzfrage und in wirtschaftlichen Rücksichten; so dass wohl noch Jahre vergehen werden, bis sich ein diesbezügliches Projekt verwirklicht“, schrieb der Augsburger Stadtbaurat Friedrich Steinhäußer noch im Jahre 1902.

Es sollte recht behalten. Erst 1925 bot sich überraschend dazu die Gelegenheit, als die „Rauch-, Kau-, Schnupftabak- u. Zigarrenfabriken Lotzbeck & Cie.“ ihr Firmengelände zwischen Annastraße und Fuggerstraße der Stadt zum Kauf anboten. Ein mitten in der Stadt gelegenes, 11244 Quadratmeter großes Areal stand plötzlich zur Verfügung. Ein mächtiges intaktes Gebäude mittendrin war zu einer Markthalle samt Marktgaststätte umzubauen. Außerdem stand viel Freifläche zur Verfügung. Die Stadt verhandelte lange, ehe am 20. Mai 1927 der Stadtrat den Kauf beschloss.

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37 Fleischverkaufsstellen

Heute vor 90 Jahren, am 1. Juni 1927, wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Für 1,45 Millionen Mark kam die Stadt in den Besitz der 1820 errichteten Fabrikanlage. Diese Jahreszahl befindet sich noch über einer Eisentüre der Fleischhalle. Für den Umbau war ein Kredit von 2,64 Millionen Reichsmark nötig. Nach etlichen Planänderungen begann 1929 der Um- und Neubau der „neuen Markthallen“. Unter dieser Bezeichnung lief das Projekt. Im Parterre des bestehenden Mittelbaus wurden 37 Fleischverkaufsstände eingebaut. An der Südgrenze des Areals erstand eine neue unterkellerte Viktualienmarkthalle mit 1240 Quadratmeter Grundfläche und 122 Verkaufsboxen. 5000 Quadratmeter Hofflächen wurden zum „offenen Markt“.

Am 8. Oktober 1930 zogen die Obsthändler ein. Ihnen folgen am 10. Oktober die Metzger aus der Stadtmetzg. An diesem Freitag fand der letzte große Straßenwochenmarkt statt. An der Theaterstraße standen letztmals Wagen mit Kraut, Kartoffeln und Gemüse. Auf der Karolinenstraße, in der Karl- und Ludwigstraße sowie am Kesselmarkt sorgten Gemüse- und Blumengärtner zum letztem Mal für ein buntes Bild. Auch in der Fisch- und Wildbrethalle neben der Stadtmetzg war der 10. Oktober letzter Verkaufstag.

Vorteile einhellig gewürdigt

Ab Samstag, 11. Oktober 1930, durften zuvor auf Straßenmärkten verkaufte Viktualien nur noch im „Zentralmarkt“ angeboten werden. Einige Ausnahmen gab es: „Für den Heu-, Stroh-, Holz-, Kartoffel- und Krautmarkt, soweit die Waren aus größeren, im ehemaligen Lotzbeck-Anwesen nicht zugelassenen Fahrzeugen feilgehalten werden, gilt der bisherige Verkaufsplatz in der Umgebung des Stadttheaters“, hieß es im Amtsblatt. Ein Jahr nach der Eröffnung des Stadtmarkts zogen die Händler Bilanz. Trotz anfänglicher Unzulänglichkeiten wurden die Vorteile des „Bauchs von Augsburg“ einhellig gewürdigt.

Dem Stadtmarkt kam in der 1939 beginnenden Mangel- und Markenzeit eine wichtige Funktion bei der Versorgung der Stadtbevölkerung mit frischen Lebensmitteln zu – bis zur Bombennacht 25./26. Februar 1944. Da schlugen schwerste Kaliber ein. Das zentrale Marktgebäude brannte bis auf die Keller und das Erdgeschoss aus. Das ausgebombte Marktamt und die Marktgaststätte konnten im heil gebliebenen Stadtarchiv an der Markt-Westseite unterkommen. Der Stadtmarkt wurde rasch von Schutt geräumt, um ihn weiterhin nutzen zu können. Man behalf sich jahrelang mit Provisorien inmitten von Ruinen. Der Wiederaufbau kam erst 1948 in Gang. Im September 1948 konnte zwar im 60 Meter langen Dachstuhl des ein Stockwerk niedriger als zuvor aufgebauten Hauptgebäudes gefeiert werden, doch es dauerte bis Juli 1950, ehe 19 Verkaufsstände in der Fleischmarkthalle erneuert waren. Am 8. September 1952 fand die Wiedereinweihung der 1929 erbauten Viktualienhalle statt.

Traditionelles Marktleben

Der Kauf der Tabakfabrik vor 90 Jahren und der Umbau zum Stadtmarkt erwiesen sich als weise städtische Investitionen mit Langzeitwirkung: Der Stadtmarkt hat dank oftmaliger Modernisierungen, Ausweitung der Produkte und ein heute ungeheuer vielfältiges internationales gastronomisches Angebot seine Attraktivität gesteigert. Der „Bauch von Paris“ wurde 1969 geschlossen. Die historischen Markthallen wurden abgebrochen und ein Tiefbahnhof gebaut. Darüber steht jetzt das architektonisch aufsehenerregende Event- und Einkaufszentrum Forum Les Halles. In dem einst durch die Pariser „Hallen“ angeregten Augsburger Stadtmarkt pulsiert nach wie vor das traditionelle Marktleben.

Wer frühere Folgen des Augsburg-Albums nachlesen will, kann das unter www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album tun.

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