1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Weihnachten mitten im Krieg

Augsburger Geschichte

13.12.2017

Weihnachten mitten im Krieg

Copy%20of%20Weihnacht44_3a.tif
4 Bilder
Ersatz-Weihnachtsmarkt am 23. Dezember 1944, veranstaltet von der NS-Frauenschaft.
Bild: Sammlung Häußler

Im zerstörten Augsburg 1944 war niemandem nach Feiern zumute. Es herrschten miserable Lebensbedingungen. Wie die NS-Frauenschaft versuchte, ein Stück Normalität vorzutäuschen.

Zum 55. Mal findet heuer der Christkindlesmarkt auf dem Rathausplatz statt. 1963 wurden auf dem frisch gepflasterten Areal erstmals Buden aufgestellt. Ein Jahr zuvor lag hier noch eine riesige Baugrube. Seit 1963 lässt hier in der Vorweihnachtszeit ein üppiges Warensortiment auf dem Christkindlesmarkt kaum Wünsche offen. Getränkestände sind oftmals dicht umlagert, und zahlreiche Besucher genießen das kulinarische Angebot in stimmungsvoller Kulisse: Die Budenstadt wird im Osten von der Rathausfassade überragt, ein mit vielen Lichtern bestückter Christbaum zieht die Blicke auf sich. Es herrscht vorweihnachtliche Wohlfühlatmosphäre.

Rathausplatz war großteils bebaut

Dass auf demselben Areal ab Februar 1944 eine Ruinenlandschaft lag, ist jüngeren Generationen kaum geläufig. Nur noch wenige Augsburger „Ureinwohner“ kennen die Situation nach dem Bombenkrieg, als Rathaus und Perlachturm ausgebrannt waren. Den riesigen Rathausplatz gab es ursprünglich sowieso nicht. Das Areal war großteils bebaut. Hier standen die Börse und andere Großbauten. Ab 1944 ragten sie als Ruinen zum Himmel. In der Vorweihnachtszeit 1944 sah es im Bereich des jetzigen Christkindlesmarktes trostlos aus.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Eine Rückblende in die Adventszeit vor 73 Jahren: 1944 war die sechste Kriegsweihnacht. In den Erinnerungen von Zeitzeugen war der Alltag im Winter 1944 katastrophal. Die in Archiven greifbaren offiziellen Nachrichten vermitteln ein im Sinne der NS-Ideologie verfälschtes Bild. Der Gipfel des Zynismus: Krieg, Tod, Not, Zerstörung, Ängste wurden mit dem christlichen Weihnachten verbrämt.

Nebulöse Formulierungen und Lügen

Als einzige Zeitung erschien Ende 1944 noch die Augsburger Nationalzeitung. Alle anderen Tageszeitungen waren eingestellt. Lediglich für vier Seiten reichte meist das Papier. Zuvorderst wurden darauf das Kriegsgeschehen und die Weltpolitik im Stil der NS-Propaganda vermittelt. Aus nebulösen Formulierungen und Lügen war die Wahrheit schwierig herauszufiltern. Dass die Rückzugskämpfe auf Reichsgebiet stattfanden, geht aus Berichten von der „Eifel-Front“ hervor, von Kämpfen im Raum Aachen und in „östlichen Kriegsgebieten“. Von „Abwehrschlachten“, „lebhafter Kampftätigkeit“ und ständigem „Druck der Bolschewisten“ war zu lesen.

Die Augsburger hatten den Krieg durch Bombenangriffe längst direkt erlebt. Die Stadt war teilweise zerstört und entvölkert. Die Versorgung der noch in Augsburg Lebenden funktionierte nur notdürftig. Um den „erhöhten Materialbedarf zu decken“, habe die Rüstungsindustrie ihre Produktion nochmals gesteigert, berichtete das NS-Blatt im Dezember 1944. „Seit kurzem ist die 60-Stunden-Woche eingeführt.“

Bilder vermittelten heile Welt

Am 19. Dezember erfuhren die Augsburger aus der Zeitung eine weitere Einschränkung: „Zwei Tage jeder Woche ohne Gas.“ Ein Foto vom Christbaumverkauf sollte Weihnachtsstimmung vermitteln. Es durfte mit Bildern nur heile Welt vermittelt werden: Die Veröffentlichung von Zerstörungsfotos war verboten. „HJ bastelt für Kinder gefallener Soldaten“, lautete eine Überschrift.

Erhöhte Weihnachtsrationen wurden angekündigt: 375g Zucker oder 750g Marmelade gebe es, Rasierseife sei auf die Raucherkarte erhältlich, und die Marken für 125g Käse und 125g Quark seien in der 70. Periode einlösbar. Separate Todesanzeigen gab es nicht mehr, stattdessen die tägliche Rubrik „Für Führer, Volk und Reich fielen“. Bis zu 15 Namen von Gefallenen waren jeweils aufgelistet. „Deutsche Frauen und Mädel, tretet an zur Wehrhilfe für die kämpfende Front durch Eintritt in das Wehrmacht-Helferinnenkorps!“ wurde aufgefordert. Für jede weibliche „Wehrhilfe“ werde ein Soldat für die Front frei. Ein Bericht über die Ausbildung des Volkssturms trug die Überschrift „Alte Soldaten – junge Herzen“.

Die Weihnachtsausgabe von Front und Heimat, Soldatenzeitung des Gaues Schwaben wurde von Augsburg aus an alle Fronten geliefert. Das Blatt war als Verbindung zwischen der Heimat und den schwäbischen Frontsoldaten gedacht. Zu Weihnachten 1944 appellierte Gauleiter Wahl bei seinen „lieben schwäbischen Frontsoldaten“ an ihr Durchhaltevermögen bei den „oft überschweren und drückenden Lasten des harten Kriegstagewerks“ und versicherte sie des „Segens des Allmächtigen“.

Kein Bläserquartett auf dem Perlachturm

Im „Soldatenbrief“ aus Augsburg wird die Stimmung in der Heimat nur angedeutet. Man sei traurig, dass an Weihnachten 1944 kein Bläserquartett mehr vom Perlachturm spielen könne, weil er eine Ruine ist, und dass der Christbaum auf dem Rathausbalkon und der Augustus auf dem Sockel vermisst würden. „Wir haben viel ertragen und viel übersehen gelernt in diesem Jahr“, und in vielen Familien fehle an Heiligabend die Weihnachtsstimmung, da das Haus in Trümmern liege, der Sohn, Bruder oder Vater gefallen sei. Am 23. Dezember veranstaltete die NS-Frauenschaft an einigen Buden einen Pseudo-Weihnachtsmarkt mit überflüssig gewordenem Krimskrams und Selbstgebackenem. Eine Fotoserie überliefert diesen propagandistischen Versuch, Weihnachtsnormalität vorzutäuschen.

Bei uns im Internet

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie im Online- Angebot unserer Zeitung unter

www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
_DSC1666.JPG
Arbeitsmarkt

Zu viele freie Stellen

ad__starterpaket@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Die schnellsten Lokalnachrichten - live,aktuell und multimedial.
Alle Online-Inhalte auf allen Endgeräten zu jeder Zeit, mtl. kündbar.
Damit sind Sie daheim und im Büro immer auf dem Laufenden.

Zum Web & Mobil Starterpaket