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11.06.2017

Welchen Wert hat die Kraft der Gedanken?

Urheberrecht Internet-Nutzer wollen am liebsten alles kostenlos. Und Plattformen wie Amazon und Google erfüllen diesen Wunsch. Was aber heißt das für all diejenigen, die schöpferische Leistungen erst einmal erschaffen?

In Sachen Urheberrecht scheint es derzeit an allen Ecken zu brennen. Der Hauptgrund: Digitale US-Plattformen wie Google und Amazon, aber auch Plattformen deutscher Bibliotheken sind weiterhin beziehungsweise vorausschauend daran interessiert, geistige Produkte ins Netz zu stellen – kostenlos für jedermann. Das aber missachtet grob den Einfluss und die Rechte und die Wertschöpfung der Produzenten dieser geistigen Werke, insbesondere bei den komponierenden Künstlern und bei der schreibenden Zunft: Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten. In welchen Bereichen lodert es lichterloh?

Eva Leipprand: Die Literaturlandschaft und der Buchmarkt verändern sich gerade rasant. Ursache sind die Digitalisierung und die Entwicklung eines europäischen digitalen Binnenmarkts. Die Umwälzung ist tief greifend und hat enorme Auswirkungen auf Kultur und Gesellschaft, vergleichbar mit der Medienrevolution, die der Buchdruck in der Zeit der Reformation ausgelöst hat. Für die Kulturschaffenden ergeben sich daraus großartige neue Möglichkeiten, die viele Autoren gerne wahrnehmen: Self-Publishing, E-Books, Book-on-Demand, Bloggen. Sie gewinnen einen eigenen Zugang zu ihrer Leserschaft jenseits der Verlage – und gelegentlich bessere Einnahmen.

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Leipprand: Andererseits stellt die Idee, das gesamte Wissen müsse im Internet jedermann frei und kostenlos zur Verfügung stehen, das Urheberrecht und damit die Einkommensgrundlage der Autoren infrage. Deshalb wird jetzt so heftig um das Urheberrecht gestritten – früher war das ein Thema für Spezialisten. Und bei der Vereinheitlichung des Urheberrechts auf europäischer Ebene trifft das angloamerikanische Konzept des Copyrights auf das kontinental europäische Urheberrecht, das den Urhebern eine viel stärkere Kontrolle über ihr Werk sichert. International operierende Konzerne wie Facebook, Google, Amazon und Apple kümmern sich grundsätzlich wenig um die deutsche Rechtslage. Es gibt derzeit also enorme Rechtsunsicherheiten und die Gefahr der Abhängigkeit von Monopolstrukturen.

Was würde Ihrer Meinung nach die Folge sein, wenn das bislang gültige Autoren-Urheberrecht zugunsten von digitalen Plattformen wie Google, Amazon oder auch öffentlichen Bibliotheken (weiter) aufgeweicht beziehungsweise verschoben wird?

Leipprand: Die Folgen sind bereits sichtbar und gravierend. Kreativität ist weltweit in aller Munde, die Nachfrage nach kreativen Werken steigt. Und doch sinken schon jetzt die Einkommen derjenigen, die diese Werke erschaffen. Das hat mit dem sogenannten Wertetransfer zu tun. In der digitalen Welt schiebt sich die Technologie zunehmend vor den geistigen Inhalt des Textes; der Gewinn aus der Wertschöpfungskette verlagert sich von den Kreativen auf die sogenannten „Intermediären“.

Und das bedeutet?

Leipprand: Digitalmächte wie Amazon und Google verdienen mit der Leistung der Kreativen viel Geld. Sie handeln mit den Daten der Nutzer, gefährden das Recht auf informationelle Selbstbestimmung; verletzen durch ihre Bezahlmethoden systematisch die Privatsphäre und nehmen Einfluss auf Lese- und Schreibverhalten, auf die Literatur. Durch den „Plattformkapitalismus“ wird nicht nur die Existenzgrundlage der Autoren gefährdet; er bedroht auch Privatsphäre und demokratische Rechte im Kern. Wir reden über ein Thema, das die gesamte Gesellschaft angeht. Die neuen Technologien lassen monopolähnliche Machtzentren entstehen. Diese diktieren zunehmend die Bedingungen des Buchmarkts und die kulturellen Narrative.

Heißt das, für die Zukunft ist zu befürchten, dass in den Bereichen Belletristik, Wissenschaft und Journalismus deutlich weniger an Bedeutsamem publiziert wird, weil es sich für die Urheber schlicht nicht mehr lohnt?

Leipprand: Es gibt in der Tat bedenkliche Entwicklungen. Neben dem traditionellen Buchmarkt hat sich ein Markt etabliert, der die Zahl der jährlichen Verlags-Neuerscheinungen von rund 80000 Büchern bereits übersteigt. Die Umsätze in diesem neuen Markt betragen bislang nur etwa fünf Prozent des gesamten Marktes. Allerdings führt der Wettbewerb um Aufmerksamkeit und die Preispolitik etwa von Amazon zu Dumpingpreisen, die auf die herkömmliche Verlagswelt übergreifen. Preis und Wert des Buches geraten in eine Abwärtsspirale. Die Folge der niedrigen Preise ist nicht, wie zu erwarten wäre, größere Vielfalt, sondern die Konzentration auf einige wenige Bestseller.

Jetzt sprachen Sie vom Bestseller. Wie sieht es im Bereich Wissenschaft und Medien aus?

Leipprand: Probleme ergeben sich auch bei öffentlichen Bibliotheken, die das Wissen im Interesse des Allgemeinwohls jedermann zugänglich machen sollen. Für Unterricht und Forschung soll der Zugang zu urheberrechtlich geschützten Inhalten erleichtert werden – im sogenannten „Urheberrechts-Wissensgesellschaftsgesetz“, das zurzeit das Parlament durchläuft. Werden die Leistungen der Autoren und Verlage hier nicht angemessen vergütet, ist in der Tat zu befürchten, dass der eine oder andere Text einfach nicht mehr geschrieben wird.

So scheint es insgesamt, als ob der Gesetzgeber bei seinen Neuregelungen das Urheberrecht zum Nachteil der Autoren verändert. Welche Mechanismen haben Ihrer Meinung nach Einfluss?

Leipprand: Selbstverständlich gibt es hier unterschiedliche Interessenten, die bei der Politik vorstellig werden – die Bibliotheken und Hochschulen, die Buch- und Zeitungsverleger, die Autoren, die mächtigen Digitalkonzerne, mit denen sich niemand aus der Politik gerne anlegt. Eine ganz starke Lobby haben auch die Verbraucher, die am liebsten alles umsonst hätten. Das sind viele Wahlberechtigte. Deshalb muss der Gesetzgeber immer wieder daran erinnert werden, dass er nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit dafür sorgen muss, dass Autoren mit einer angemessenen Vergütung für jede Nutzung am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Werke beteiligt werden. Er hat auch eine zentrale kulturpolitische Aufgabe zu erfüllen, wie sie in der Unesco-Konvention zur kulturellen Vielfalt niedergelegt ist. Danach sind kulturelle Aktivitäten, Güter und Dienstleistungen nicht nur Ware, sondern auch Träger von Identitäten, Werten, Sinn. Der Staat hat die Aufgabe, die kulturelle Vielfalt zu erhalten und für den freien Austausch von Meinungen zu sorgen. Das Urheberrecht dient der kulturellen Vielfalt in Europa.

Was wäre grundsätzlich zu leisten für die Interessen von Schriftstellern, Wissenschaft, Verlagswesen, Zeitungshäusern?

Leipprand: Wir brauchen Verkehrsregeln für den digitalen Raum! Er muss ebenso reguliert werden wie der analoge. Alle brauchen Rechtssicherheit, die Akteure des Buchmarkts wie auch die Nutzer und Verbraucher, wir alle. In diesem Prozess der Regulierung vertreten wir als Schriftstellerverband die Mitglieder-Interessen, die aber, wie gesagt, von allgemeingesellschaftlicher Bedeutung sind. Literarische Texte dürfen nicht vom monopolistischen System einiger marktbeherrschender Unternehmen als „content“ aufgesogen werden. Sonst werden sie zur reinen Ware und verlieren ihren Charakter als Kulturgut.

Konkret: Was wird getan?

Leipprand: Wir führen vermehrt Gespräche innerhalb der Branche, mit Verlegern, mit Bibliotheken, mit Verbrauchern. Wir mischen uns in die Gesetzgebungsverfahren ein. In den kommenden Monaten wird es um wesentliche Weichenstellungen auf der EU-Ebene gehen. Die Kommission hat Regelungsvorschläge zum Urheberrecht vorgelegt. Für uns ist wichtig, neben der Absicherung des kontinentalen Urheberrechts die Stellung der Autoren gegenüber den digitalen Plattformen zu stärken und für bessere Gewinnbeteiligung zu sorgen. Es geht um viel. Interview: Rüdiger Heinze

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