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Animal Hoarding

09.10.2009

Wenn Haustiere zur Sucht werden

Für manche Menschen werden Tiere zur Sucht.

100 Katzen in einer Wohnung oder 1000 Wellensittiche auf engstem Raum: Animal Hoarding ist eine Krankheit, weiß der Augsburger Veterinär Dr. Peter Condric. Von Stephanie Knauer

Die Nase bemerkt den Übelstand meistens zuerst. Doch dann ist es oft schon fast zu spät. So wurden in einer Berliner Zweizimmerwohnung über 1000 Wellensittiche gefunden.

Die Nachbarn hatten sich wegen des Lärms und des Geruchs beschwert. In einem anderen Fall entdeckte man auf engstem Raum 82 lebende und 108 tote Katzen. Derart eingepfercht, fangen die Stubentiger an, sich gegenseitig zu zerfleischen, erklärt Dr. Peter Condric.

Dem Augsburger Veterinär ist dieses Phänomen des krankhaften Tierhortens, das Ende der 90er zuerst in den USA bemerkt wurde, gut bekannt.

Wenn Haustiere zur Sucht werden

Auch in der Fuggerstadt gab es Fälle von "Animal Hoarding". So entdeckten Dorothea Petri, die Vorsitzende und Mitbegründerin der "Aktionsgemeinschaft der Tierversuchsgegner und Tierfreunde in Schwaben e.V." (ATTiS) und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter auf wenigen Quadratmetern sechs Katzen, vier Wellensittiche und einen Hund. Die Besitzerin war "verreist", die Wohnung in einem fürchterlichen Zustand, die Tiere krank und verfloht. Trotzdem dauerte es mehrere Monate, bis ein Tierhalteverbot verhängt wurde.

Das werde nur erteilt, wenn es nicht anders möglich ist, sagt Dr. Felicitas Wiater vom Veterinäramt. Schließlich bedeute das Verbot, ein Tier zu halten, einen massiven Einschnitt. Auch lasse sich die Einhaltung nur schwer kontrollieren.

Oft sind Tiere Partnerersatz: Umso problematischer ist es, wenn der Vierbeiner weggenommen wird. Deswegen arbeitet das Veterinäramt eng mit dem Gesundheitsamt zusammen.

"Tierschutz schließt den Menschenschutz nicht aus", sagt auch Dorothea Petri. Fest steht: Die "Animal Hoarders" brauchen professionelle Hilfe. Doch die Tiere auch. Denn sie können sich nicht wehren. Es werden nicht nur massenweise Kleintiere gehortet, sondern auch Pferde oder Minischweine. Die Tiere verwahrlosen, leben in ihrem eigenen Kot, werden trächtig, hungern, sterben.

Um sie wieder aufzupäppeln, braucht es viel Liebe und oft auch hohe Tierarztkosten. Das ist für den Verein ATTiS, der von Spenden und Mitgliedsbeiträgen zehrt und sich am morgigen Tierschutztag vor der City-Galerie vorstellt (siehe Info-Kasten), nicht leicht zu stemmen.

Hinter dem unersättlichen Sammeltrieb der "Besitzer" steckt eine psychische Störung, die denen der "Messies", den krankhaft Sammelnden ähnelt.

Oft ist Einsamkeit ein Grund, verschmähte Liebe, aber auch die Persönlichkeitsstörung "Border- line". 75 Prozent der "Animal Horders" sind Frauen, fast die Hälfte sind über 60 Jahre und über 50 Prozent leben allein.

Schon bald muss wieder ein neues Tier her

Auch seien es "eher sozial schwache Leute", die maßlos Tiere horten, wissen die Experten. In der Regel haben diese Menschen ein regelrechtes "Sendungsbewusstsein": Sie glauben, sie tun den Tieren etwas Gutes, wenn sie sie von der Straße holen - und wenn's sein muss, sogar stehlen. Hauptsache, die innere Leere wird kurzzeitig gefüllt. Doch bald macht sie sich wieder bemerkbar, ein neues Tier muss her.

"Es ist eine Sucht", sagt Condric. Und plädiert für mehr Aufmerksamkeit. Wem etwas auffalle, der solle ruhig den Tierarzt anrufen und davon erzählen, rät er.

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