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Brechtfestival

23.02.2019

Wenn Helmut Haller Eingang in ein Gedicht findet

Bild: Christian Menkel

Eine Matinee im XXL-Format präsentiert sechs Dichter. Sie nehmen Stellung zu Brecht und präsentieren eigene Werke, auch extra für Augsburg entstandene.

Sonnenschein draußen: Samstagvormittag, Einkaufswetter eigentlich, doch dann kommen doch mehr als 70 Zuhörer zu der Lyrik-Matinee im XXL-Format. Drei renommierte Dichter und drei renommierte Dichterinnen sind in der Neuen Stadtbücherei im Rahmen des Brechtfestivals unter dem Titel „Neue Lyrik für Städtebewohner*Innen“ zu erleben. Sie tragen eigene Werke und werden gleichzeitig zum Lyriker Brecht befragt. Denn jeder von ihnen musste vorab ein Gedicht aus Brechts mit Stadtbezug auswählen.

Es ist bemerkenswert, wie vielfältig dieser Morgen ist: Zum einen Brecht mit seinen klaren, pointierten Gedichten, vorgetragen von Klaus Müller. Das ist eine Position, die nicht verrätselt sein will, dafür welthaltig, heute würden wir auch noch nachhaltig sagen, weil Brecht diese Lyrik zum Gebrauch geschrieben hat. Allerdings stößt genau das Ulf Stolterfoht auf. Zu viel Zweckbindung, Didaktik, also ein Käfig für die Lyrik. Das ist seine Sache nicht.

Oberhausen liegt neben der Kapp

Wohin es den Dichter mit Worten treiben kann, erleben die Zuschauer, wenn Stolterfoht sein eigens für Augsburg und Brecht geschriebenes Werk hören. Bertolt Brecht, Helmut Haller und die Heilige Afra finden darin Erwähnung, dazu Hallers Modegeschäft, Augsburgs Stadtteile, da liegt Oberhausen auf dem Dichterschreibtisch gleich neben der Kapp. Wunderbar aber auch, wie sich da plötzlich der FCA-Verteidiger Jan-Ingwer Callsen-Bracker wiederfindet.

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Die ersten drei Strophen des Gedichts "ziemlich kleiner baedeker" von Ulf Stolterfoht:

"okay. du erhebst dich mitten im vers, ungefähr jetzt, und sagst:/ wo immer mein schreibtisch steht, da ungefähr ist augsburg./ und wo die kapp am haken hängt, fängt oberhausen an. die kapp/ ist eigentlich ein schieber und stammt aus der herrenboutique/ "il biondo" in der ludwigstraße. ich sagte, glaub ich: eigentlich!// okay, okay. zu beginn der zweiten strophe hockst du dich nie-/der – dir wird es fast schon zuviel. dann: ein schurke erkennt/ den anderen durch griff an die gurke. das hast du sagen hören,/ stimmts? das hast du bestimmt schon gehört. für ihn gebe es/ jetzt nur noch experimentelle sätze, so helmut haller 1962 in// lecce. er verschiebt die nomen nach seinem geschmack, dem/ "augsburger geschmack". und weil er heikel ist, wäscht er die/ innenhose von hand. das war in einem gasthof in mailand. den/ schapf aber schwenkt er im zuber. fersengeld und hackenfleisch./ dann heimsuchung mariens. dann: drusus knackt die zirbelnuss. "

Ulrich Koch zeigt sich bei Brecht fasziniert von dessen alttestamentarischen Bezügen, das „Lesebuch für Städtebewohner“ kommt ihm wie eine apokalyptische Gedichtsammlung vor. Im Gegensatz zum Städtebewohner Brecht hat Koch sein Domizil in einem Dorf gefunden. Er pendelt jeden Tag zur Arbeit nach Hamburg, in diesem Zwischenreich von Nicht-mehr-Zuhause und Noch-nicht-im-Geschäft entstehen seine Werke.

Lust und Last in einem

Daniela Seel, nicht nur Lyrikerin, sondern gleichzeitig auch Verlagsleiterin, zeigt sich ebenfalls fasziniert von Brechts biblischen Bezügen. Sie stellt dem ihre Gedichte gegenüber, in denen sie den Schöpfungsbericht um eine selbstbewusste und selbstbestimmte Eva bereichert, die genau weiß, was sie will: einen freien Willen und Endlichkeit.

Einen großen Aufwand im Vorfeld für diese Augsburger Lesung hat Nancy Hünger betrieben. Sie antwortet Brecht als Dichterin, darin taucht dann zum Beispiel ein Schlafsilo von Shenzhen auf. Sie setzt dem Kosmopoliten die Kleinstadt entgegen. Im Gespräch mit Moderator Michael Schreiner, Leiter der Kulturredaktion der Augsburger Allgemeinen, erzählt Hünger dann, dass ihr dieser konkrete Brechtbezug Schreiblast und -lust in einem gewesen sei. Lust schon auch, „aber die Plage ist immer vorhanden“.

Der Schweizer Lyriker Raphael Urweider führt die Zuhörer dann zu konkreten Orten: an die Grand Central Station in New York und nach Kinshahasa in den Kongo. In diesen Gedichten fließen die Orte in die Sprache ein und bringen dort etwas zu schwingen, in Kinshahasa das Petrol und der Fisch, die immer gleichzeitig vorkommen und sich überlagern. Später erzählt Urweider, dass ihn an Kinshahasa am meisten beeindruckt habe, dass der Prozess der Verbesserung der Lebensumstände umkehrbar sei. Dort sei er in Wohnungen gestanden, die zwar noch ein Bad, aber kein fließend Wasser mehr hatten, in denen auch noch ein Telefonschränkchen samt Telefon stand, nur funktionierte die Leitung nicht mehr. Die Stadt sei in den 1960er und 70er eine moderne Großstadt gewesen, aber heute hole sich die Natur dort immer mehr Straßen wieder zurück.

Wissensverwalter der Diktatur

Einen anderen Ton schlägt die Lyrikerin Kathrin Schmidt an. Sie hat Brecht im Schulunterricht der DDR kennengelernt. Und sie staunt selbst über sich, wie heftig sie Brecht deshalb Vorwürfe macht, etwa als ein Wissensverwalter der Diktatur in den frühen 1950er Jahren. Folgerichtig hat sie nicht Gedichte ausgewählt, die dort anknüpfen sollen. Schmidt trägt neue Werke vor. Immer wieder tauchen Verse auf, in denen zu spüren ist, dass sich da jemand mit seinem Älterwerden auf produktive Weise auseinandersetzt.

Die Zuschauer versetzt dieser Lyrik-Marathon in einen eigentümlichen Zustand. Stand anfangs noch jeder Vers und Gedanke im Vordergrund, verlagert sich die Aufmerksamkeit zusehends auf den Vortrag. Lyrik gesprochen macht es schwer, den Inhalt mit all seinen Verästelungen und Andeutungen ganz zu ergründen, dafür führt die Stimme der Autoren in ganz andere Bereiche, öffnet neue Räume, in denen einzelne Verse oder Bilder immer weiter nachklingen. Applaus nach dreieinhalb kurzweiligen Stunden.

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