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12.11.2018

Wenn aus Flüchtlingen Steuerzahler werden

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Seit zehn Jahren arbeitet Angelika Christl mit minderjährigen Flüchtlingen. Sie berichtet von mühsamer Kleinarbeit und Problemen. Aber auch von großer Dankbarkeit und Erfolgsgeschichten

Sie sind jung. Und nach unseren, europäischen Maßstäben, noch nicht einmal erwachsen. Doch sie haben schon Dinge erleben müssen, mit denen viele andere ihr Leben lang nicht konfrontiert werden. In der Arbeit mit jungen Flüchtlingen beim SOS-Kinderdorf in Augsburg hat Angelika Christl viel erlebt. Sie lernte Flüchtlinge von Afghanistan bis Mali kennen, die weder schreiben noch lesen konnten. Andere sahen hier in Augsburg zum ersten Mal Schnee und trauten sich vor Schreck gar nicht mehr aus der Wohnung. Und dann gibt es jene Jugendliche, etwa aus dem Irak und Somalia, die von Krieg und Flucht so traumatisiert sind, dass sie erst wieder lernen mussten, jemand anderen zu vertrauen.

Vertrauen ist wichtig für Angelika Christl und ihr Team. Nur so gelingt es, die jungen Flüchtlinge zu erreichen – und sie auf ein selbstständiges Leben in Deutschland vorzubereiten. Die Betreuer sind quasi der verlängerte Arm des Jugendamtes. Es bewilligt, dass die Jugendlichen bei SOS im Hochfeld oder in anderen ähnlichen Einrichtungen in Augsburg betreut werden. Drei Flüchtlinge leben in einer Mietwohnung und versorgen sich selbst. Jeder hat ein Zimmer, Küche und Bad werden geteilt. Sie erhalten Geld für Essen, Bekleidung und ein Taschengeld.

Den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen – kurz UMF genannt – bleibt eine Unterbringung in Sammelunterkünften erspart. Dort gibt es immer wieder Konflikte. Auch Drogen sind ein Thema. Minderjährige will man da unbedingt raushalten. Sie genießen einen besonderen Schutz und können auch nicht abgeschoben werden. In Augsburg leben nach Auskunft des städtischen Sozialreferats aktuell 135 unbegleitete Flüchtlinge, die jünger als 18 sind. Sie stammen vor allem aus Afghanistan, Eritrea, Somalia und Guinea und sind vorwiegend männlich. Die Zahlen sind zuletzt deutlich zurückgegangen.

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Zu Jahresbeginn waren es noch 200 Jugendliche; vor zwei Jahren lag ihre Zahl sogar noch deutlich über 300. Weil sie minderjährig sind, werden sie vom Jugendamt betreut und leben dann in verschiedenen Jugendhilfeeinrichtungen, Wohngemeinschaften und dezentralen Unterkünften. Das kann bis zu 4000 Euro im Monat kosten und wird vom Staat bezahlt.

Zahlreiche Organisationen engagieren sich, zum Beispiel das evangelische Kinder- und Jugendhilfezentrum in Hochzoll, das Frère-Roger-Kinderzentrum oder eben SOS. „Wir haben einen pädagogischen Auftrag“, sagt Angelika Christl. Und eine klare Vorgabe: Die anvertrauten Flüchtlinge sollen möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen und einen Platz in der Gesellschaft finden. Das Jugendamt, der Flüchtling und die Betreuer erstellen einen persönlichen Plan, der jedes halbe Jahr überprüft wird.

Die meisten der vom SOS-Kinderdorf betreuten jungen Männer gehen in Integrationsklassen an der Berufsschule, um Deutsch zu lernen und einen Schulabschluss zu erwerben. „Die Jungs sind voll motiviert. Sie wollen vorankommen, was lernen, schnell auf eigenen Füßen stehen“, sagt die Diplom-Pädagogin. Als die Fahrer von Bussen und Straßenbahn streikten, gingen viele über eine Stunde zu Fuß ins Berufsfortbildungszentrum nach Kriegshaber, um keine Deutschstunde zu verpassen.

Drei Mitarbeiter, darunter zwei Frauen, kümmern sich um die neun Flüchtlinge, die vom SOS-Kinderdorf betreut werden. Die Betreuer gehen mit den Jungen zum Einkaufen und sie zeigen ihnen, wie sie mit ihrem Geld haushalten. Sie bringen ihnen Kochen und Pünktlichkeit bei. Und notfalls auch das Radfahren. Mit jedem neuen Flüchtling beginnt die mühsame Kleinarbeit von vorne. Denn alles ist neu und erklärungsbedürftig: Dass der Rasen vor dem Mietshaus nicht einfach als Gemüsebeet genutzt werden darf, dass der Müll zu trennen ist, und auch, dass Hausordnung und Nachtruhe einzuhalten sind. „Natürlich gibt es da auch Probleme“, sagt Angelika Christl. Dann müssen die Betreuer auf die Jugendlichen einwirken und den Kontakt zu den Nachbarn suchen, die davon betroffen sind.

In den vergangen zehn Jahren betreute SOS in Augsburg rund 60 Flüchtlinge. In dieser Zeit hätte es nur mit zweien nennenswerte Vorfälle geben, erinnert sich Angelika Christl; einer war in eine Auseinandersetzung unter Flüchtlingen verwickelt, ein anderer benötigte aufgrund seiner starken psychischen Probleme eine intensivere Betreuung, als sie SOS bietet. „Obwohl die jungen Männer zumeist aus patriarchalischen Gesellschaften stammen, gab es nie Probleme mit den Mitarbeiterinnen.“ Die Erfahrungen des städtischen Jugendamtes sind ganz ähnlich.

Auch wenn die öffentliche Wahrnehmung manchmal ein andere sein mag, sagt der stellvertretende Leiter Sozialdienst im Amt für Kinder, Jugend und Familie, Stefan Lasch: „Der Anteil an problematischen jungen Menschen ist nicht höher als bei der vergleichbaren Gruppe von jungen Menschen, die nicht geflüchtet sind.“ Es gebe natürlich auch Probleme – auf der anderen Seite hätten sich viele der jungen Flüchtlinge sehr gut entwickelt und würden inzwischen ein eigenständiges Leben in Augsburg oder anderswo führen.

Auch Angelika Christl ist nach zehn Jahren Flüchtlingsarbeit immer wieder überrascht, wie schnell sich viele der jungen Männer, die ja meist aus völlig anderen Kulturen stammen, doch recht gut hier zurechtfinden. Ihre Erfahrung sei: „Die Flüchtlinge sind sehr dankbar, da kommt viel zurück.“ Es mache Spaß, mit ihnen zu arbeiten, ihre Entwicklung zu fördern.

Die Arbeit mit den jungen Flüchtlingen trägt Früchte. Mit der Betreuung, die derzeit für ein, maximal eineinhalb Jahre vom Jugendamt bewilligt wird, kommen die Flüchtlinge dem Ziel, auf eigenen Füßen zu stehen, in aller Regel einen großen Schritt näher. Angelika Christl sagt: „Die meisten verlassen uns als Steuerzahler.“ Und dass sei ja auch nicht das schlechteste Zeichen für gelungene Integration.

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