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Gesundheit

18.06.2019

Wenn das Baby schreit. Und schreit. Und schreit

Wie damit umgehen, wenn Säuglinge exzessiv schreien? In Augsburg gibt es eine spezielle Anlaufstelle, die „Miniambulanz“ am Josefinum.
Bild: dpa (Symbolbild)

Wenn das Kind exzessiv schreit, bringt das die Eltern zur Verzweiflung. Eine Mutter erzählt, was das emotional in ihr auslöste und wie sie die Zeit durchstand.

Sie wollte nur noch weg. Ihre Koffer packen und gehen, raus aus dieser Situation. Gleichzeitig haben Julia Meier (Name geändert) diese Gedanken leidgetan. Weil ihr Kind mehr schreit als andere, liebt sie es ja nicht weniger. Neun Monate lang hatte sie sich darauf gefreut, ihr Kind in den Armen zu halten. Dann kam Leon und schrie. Und schrie. Und schrie. Und ließ sich nicht beruhigen. Jetzt, da er zwei Jahre alt ist, kann Meier dieser Phase sogar etwas Positives abgewinnen. Doch damals begann für die heute 33-jährige Mutter die „schlimmste Zeit ihres Lebens“.

Denn ihr Sohn hat nicht nur geschrien. Er habe gebrüllt aus Leibeskräften, sagt die zierliche brünette Frau mit ruhiger Stimme. Sie habe überlegt, welches Problem Leon haben könnte: Hunger? Bauchweh? Müde? Sie nahm ihn auf den Arm, trug ihn herum.

Mutter mit Schreibaby: "Die Leute verstehen das Problem nicht"

Nichts half. Julia Meier suchte einen Kinderarzt auf. Das ist wichtig, um bei anhaltendem Schreien körperliche Ursachen wie Entzündungen und Infektionen oder Unverträglichkeiten auszuschließen. Schreit das Baby trotzdem an drei Tagen pro Woche mehr als drei Stunden und das mindestens drei Wochen lang, spricht man laut Oberärztin Andrea Strohl-Westerkamp von „exzessivem Schreien“. Aber auch kürzeres Schreien genügt, um Eltern zu belasten, weiß die 45-Jährige und rät, früh Hilfe zu suchen. Sie leitet in Augsburg die „Miniambulanz“ für Säuglinge und Kleinkinder am Josefinum.

Andrea Strohl-Westerkamp leitet die Fachstelle am Josefinum.
Bild: Annette Zoepf

Dorthin hat der Kinderarzt auch Julia Meier verwiesen. Von den Ratschlägen aus ihrem Umfeld ist sie zu dem Zeitpunkt schon völlig genervt. „Lass ihn halt mal schreien“, sagten viele. Fremde beugten sich über den Kinderwagen: „Ja, hat er denn Hunger?“ Man tue alles für sein Kind, sagt Meier, und ständig müsse man sich rechtfertigen. „Die Leute verstehen das Problem nicht.“ Dabei ist Meier längst nicht alleine damit.

Bis zu 20 Prozent aller Kinder schreien im Säuglings- und Kleinkindalter übermäßig viel, informiert das Bayerische Familienministerium. Als Mutter könne man das Schreien am Anfang oft nicht zuordnen, müsse Signale des Kindes erst lesen und dessen Temperament kennenlernen, sagt Strohl-Westerkamp. Eine Zeit, in der es Julia Meier schmerzte, andere Mütter „im Normalzustand“ zu sehen. Sie wusste, dass ein Baby nur durch Schreien auf seine Bedürfnisse aufmerksam machen kann: Hunger, Durst, Kuscheln, volle Windel. Doch schreit das Baby unaufhörlich, wird es schwierig. Dann ist es oft überreizt, isst nicht, schläft nicht und die Mutter wird hilflos, unsicher und leidet unter Schlafmangel. Die Nervosität überträgt sich auf das Kind. Julia Meier hatte Selbstzweifel. „Es gibt so viele Mütter, wieso ich kriege ich das nicht hin?“, fragte sie sich. Es sei schwierig, sich von diesem Druck zu befreien. Mütter litten unter körperlicher und psychischer Belastung, manche gar unter Depressionen, sagt Oberärztin Strohl-Westerkamp.

Schreibabys: Es wird besser, wenn Kinder zunehmend lernen, sich selbst zu beschäftigen

Julia Meier und ihr Mann suchten nach vier Monaten Hilfe. Eigentlich zu spät. Doch sie hielten sich an die Faustregel, nach der Kinder im Alter von etwa zwei Wochen zu schreien beginnen, was nach etwa drei Monaten wieder abflacht. „Man denkt immer, das halte ich jetzt durch“, sagt sie. Es hat die 33-Jährige Überwindung gekostet, sich einzugestehen, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt und sich im Josefinum in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu melden, zu der die „Miniambulanz“ gehört.

Dahinter steckt ein Team, dem Psychologinnen, Ärztinnen und Therapeutinnen angehören. Sie behandeln Kinder bis zum Alter von etwa drei Jahren, zum Beispiel wegen schwerer Beruhigbarkeit, Belastungen in der Eltern-Kind-Beziehung oder Schlaf- und Fütterproblemen. Sie leiten Familien an, besuchen manche zu Hause und zeigen ihnen zum Beispiel Beruhigungsstrategien, Einschlafhilfen und geeignete Tragepositionen.

Das Schreien wird besser, wenn Kinder zunehmend lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. In den ersten Monaten beruhigt Körperkontakt Säuglinge. Ebenso ein strukturierter Tagesablauf: Wann wird gegessen, wann geschlafen?

Angehörige können Eltern mit Schreibabys helfen

Julia Meier half es zu verstehen, dass es okay ist, wenn Leon schreit. Sie lernte, ruhig zu bleiben und Signale zu erkennen, wie Augenreiben bei Müdigkeit. Wurde es zu anstrengend, legte sie ihr Kind ins Bett, ging auf den Balkon, schnaufte durch und kam wieder zurück. Entlasten können auch Angehörige, indem sie einkaufen, waschen oder kochen. Verschnaufpausen seien am Anfang das A und O, sagt Strohl-Westerkamp. Immerhin seien schreiende Babys lauter als ein Rasenmäher. Für die Meiers bedeutete die Phase auch eine gewisse Isolation; ein Jahr lang haben sie Familie und Freunde gemieden, um Leon nicht zu vielen Reizen auszusetzen. „Erntemomente“ haben geholfen, die Zeit durchzustehen, sagt die Mutter. Ein Lächeln zum Beispiel. „Auch wenn es nur eine Sekunde dauert, entschädigt das für eine Stunde schreien.“

Heute sei Leon ein liebenswerter, emotionaler, sensibler Junge, der viel lache. Und manchmal trotzig sei. Das ist nicht ungewöhnlich: Babys, die viel schreien, sind laut Oberärztin Andrea Strohl-Westerkamp später oft trotzig, haben Essens- oder Schlafprobleme. Ein Risiko für Spätfolgen bestehe nicht. Julia Meier sagt, durch das, was sie durchgemacht hätten, sei die Bindung zwischen ihr und Leon sehr stark. „Es geht vorbei und danach ist man noch dankbarer“, sagt sie und lächelt. „Jetzt ist die Zeit so schön.“ Und jetzt denken die Meiers auch langsam über ein Geschwisterchen nach.

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