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Augsburg

06.07.2019

Wie Kim und Jadranka im Kinderheim leben

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2 Bilder
Die neunjährige Kim (links) tanzt im Wohnzimmer der Wohngruppe Villa Kunterbunt des Heims der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Hochzoll, während ihre Freundin Jadranka am Klavier spielt.
Bild: Oliver Wolff

Seit 111 Jahren werden in der Hochzoller Grüntenstraße junge Menschen betreut. Wie die Mitarbeiter an ihre verantwortungsvolle Aufgabe herangehen.

Die beiden Freundinnen Jadranka, 10, und Kim, 9, wohnen seit fast zwei Jahren im Heim der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Hochzoll. „Wir leben gerne hier“, sagt Kim. Die beiden Mädchen zeigen ihr Zimmer in der Wohngruppe Villa Kunterbunt: Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer samt Schreibtisch und Waschbecken. Ihr persönliches Reich dürfen sie selbst einrichten, an den Wänden hängen Poster ihrer Idole – und Familienfotos. „Es ist wichtig, dass die Kinder eine Privatsphäre haben“, sagt Betreuerin Stephanie Förster. Die 37-Jährige lebt im Wechsel mit drei Kollegen mit den Kindern zusammen und übernachtet in der Wohngruppe. Zehn Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren sind in der Villa Kunterbunt – Buben und Mädchen gemischt. „Hier essen wir jeden Tag zusammen um 18 Uhr“, erklärt Jadranka, während sie ins Esszimmer führt.

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In der Hochzoller Wohngemeinschaft wird auch gekocht

Die Kinder kochen sogar in ihrer Wohngemeinschaft. Das ist vor allem am Wochenende der Fall, wenn die Großküche geschlossen ist. Im Wohnzimmer halten sich die Mädchen besonders gerne auf. Während Jadranka am Klavier sitzt, tanzt Kim. Eine Spielekonsole ist auch vorhanden. Der Tag beginnt während der Schulzeit um Viertel vor sieben Uhr, um den Aufenthalt im Bad, Frühstück und Küchendienst unter einen Hut zu bringen.

Nach der Schule ist Freizeit angesagt, aber auch die Hausaufgaben sind zu machen. Dabei werden die Kinder – wenn notwendig – von ihren Betreuern unterstützt. Wenn alles erledigt ist, treffen sich Jadranka und Kim mit Schulfreunden. Diese dürfen sogar im Kinderheim übernachten. Die Nachruhe muss strikt eingehalten werden und ist je nach Alter unterschiedlich. „Wer sich nicht danach hält, bekommt Handyverbot“, weiß Jadranka. Das Kinderheim in der Grüntenstraße 25 hat eine lange Tradition. Im Jahr 1908 als „Kinderbewahranstalt“ von Stadtpfarrer Josef Wassermann gegründet, zählt es heute zu den großen sozialen Einrichtungen in der Stadt. Das Kinderheim ist auf mehrere Gebäude in Hochzoll und Friedberg verteilt. 75 Kinder leben stationär in den Wohngruppen, insgesamt betreut die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Hochzoll 750 Kinder in ihren Einrichtungen.

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Im Kinderheim gibt es viele Schicksalsschläge

Leiter Ulrich Lorenz erklärt: „Das Kinderheim finanziert sich ausschließlich über Pflegesätze, die zu betreuenden Kinder kommen übers Jugendamt. Oft haben sie eine schwere Zeit hinter sich. „Bei uns sind alle Schicksalsschläge vertreten, die das Leben zu bieten hat“, sagt Erzieherin Ingrid Müller.

Sucht, psychische Erkrankung oder finanzielle Not – die Kinder und Jugendlichen finden im Heim Schutz vor problematischen Familienverhältnissen. „Wir versuchen immer, die Eltern mit ins Boot zu holen“, sagt Lorenz. Nur das Kind zu betreuen, funktioniere nicht, man müsse auch das Familiensystem stärken. Hauptziel sei die Rückführung der Kinder in geregelte familiäre Verhältnisse. Ein Mittel dazu sollen beispielsweise gemeinsame Reisen mit den Eltern sein. Die Idee dazu sei, schöne Erlebnisse zu schaffen, an die sich die Kinder und Eltern gerne erinnern. So soll ein Fundament für einen Neuanfang geschaffen werden.

Damit ein gemeinsames Zusammenleben funktioniert, haben die jungen Heimbewohner selbst einen Katalog erarbeitet, welche Rechte die Kinder haben, erklärt Lorenz. Demnach habe jedes Kind ein Recht auf Taschengeld oder das Recht, dass jemand zuhört.

Kim hat Sehnsucht nach ihrer Mama

Die sogenannten Bezugserzieher – jedes Kind wählt einen aus – sind die ersten Ansprechpartner, falls die Kinder Schwierigkeiten haben. Ihnen können sie sich anvertrauen, wenn sie beispielsweise Liebeskummer haben. „Wir gehen mit den Kindern auch zum Arzt oder in die Schulen, wenn sie dort Probleme haben“, erklärt Lorenz. Auch wenn sich die jungen Bewohner wohlfühlen, kann das Kinderheim nicht dauerhaft die Familie ersetzen. „Am liebsten würde ich wieder nach Hause zu meiner Mama gehen“, gibt Kim zu.

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