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01.02.2018

Wie Menschen mit Handicap selbstständig leben können

Die Fritz-Felsenstein-Schule feiert ihr 50-jähriges Jubiläum. Leiter Gregor Beck (Bildmitte) kann Kinder und junge Erwachsene mit Behinderung heute ganz anders fördern. Unser Bild zeigt ihn mit Sina, Larissa, Marcel und Jan (von links).
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Die Fritz-Felsenstein-Schule feiert ihr 50-jähriges Jubiläum. Leiter Gregor Beck (Bildmitte) kann Kinder und junge Erwachsene mit Behinderung heute ganz anders fördern. Unser Bild zeigt ihn mit Sina, Larissa, Marcel und Jan (von links).
Bild: Ulrich Wagner

Vor über 50 Jahren begann Fritz Felsenstein mit „Krüppelsprechstunden“ in Schwaben behinderte Kinder und ihre Eltern zu unterstützen. Was heute nötig ist.

Die Arme und Beine von Matthias Foryschowski sind gelähmt. Von Geburt an. Er kam zehn Wochen zu früh auf die Welt und erlitt einen Sauerstoffmangel. Die Folge: Tetraparese. Er sitzt im Rollstuhl. Dennoch lebt der 30-Jährige selbstbestimmt in einer eigenen Wohnung in Augsburg und arbeitet im Büro der Ulrichswerkstätten. Die Technik, aber auch Menschen, die als persönliche Assistenten dem jungen Mann zur Seite stehen, machen dies möglich. Genau das ist seit 50 Jahren das Ziel des Fritz-Felsenstein-Hauses in Königsbrunn bei Augsburg: die Förderung körperlich behinderter Menschen mit dem Ziel, ihnen dabei zu helfen, sich ein selbstständiges Leben aufzubauen.

Wie sich Behindertenarbeit verändert hat

Am Ziel ist Gregor Beck damit noch lange nicht. Der Leiter des Fritz-Felsenstein-Hauses sieht viel Nachholbedarf, damit Menschen mit und ohne Handicap gleichberechtigt zusammenleben. Seine größte Sorge ist der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Trotz anhaltend starker Konjunktur tun sich behinderte Menschen dort sehr schwer. „Die meisten sind in einer Behindertenwerkstatt beschäftigt.“

Zwar tritt nun das Teilhabegesetz in Kraft. Damit können Bayerns Unternehmen künftig mehr Geld vom Freistaat bekommen, wenn sie Arbeitnehmer mit Handicap einstellen. Doch Beck fürchtet, dass höhere Zuschüsse nicht reichen. „Die Einstellung eines behinderten Menschen darf ein Unternehmen gar nicht mehr kosten als die Einstellung eines nicht behinderten Menschen.“ Erst dann bekommen seiner Ansicht nach mehr eine Chance.

Beck hat aber noch ein anderes großes Anliegen. Um seinem Ziel, das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen, wünscht er sich, seine Schule für nicht behinderte Kinder öffnen zu können. Ihm reicht es nicht, dass Menschen „trotz Behinderung“ oder „obwohl behindert“ an vielen Stellen nun mitmachen dürfen. „Wir brauchen kein ,obwohl‘ oder ,trotz‘ mehr, sondern ein selbstverständliches Miteinander.“

Medizinische Fortschritte haben viel geholfen

Dennoch betont Beck, dass für die Gleichstellung viel erreicht wurde. Gerade in den vergangenen 50 Jahren. Seit der Gründung des Fritz-Felsenstein-Hauses. Gunhild Baur kann das nur bestätigen. Bereits 1970 begann die gelernte Kinderkrankenschwester und Heilpädagogin als Internatsleiterin in der Fritz-Felsenstein-Schule. Damals noch nicht in Königsbrunn, sondern in einem Haus in Augsburg. Sehr beengt sei alles gewesen.

Ohne Aufzug galt es, viele der Kinder über die Treppen zu tragen. Oft hatten sie nicht einmal genügend Rollstühle. Nicht vergessen darf man ihrer Ansicht nach, wie früh viele behinderte Kinder damals gestorben sind. Daher hebt die 76-Jährige die medizinischen Fortschritte hervor, wenn man sie nach den großen Veränderungen fragt. Auch gab es damals noch viele junge Patienten mit Kinderlähmung. Mitentscheidend für die Gründung des Fritz-Felsenstein-Hauses sei auch der Contergan-Skandal gewesen, in dessen Folge auch in der Region viele behinderte Kinder zur Welt kamen.

Skeptisch ist Gunhild Baur, wenn es um die gesellschaftliche Anerkennung von behinderten Menschen geht. Sie kann sich gut an Situationen erinnern, als sie damals mit ihren Kindern unterwegs war und Passanten laut sagten: „Unter Hitler hätte es das nicht gegeben.“ Heute würde natürlich keiner mehr wagen, das laut zu sagen, „aber ob es nicht noch viele denken“?

Was körperlich behinderte Kinder brauchen

Heute können viele behinderte Menschen selbstbestimmt leben. Sie sind dank der technischen Entwicklung mobiler. Und kommunikativer. So ermöglichen etwa Computer, die mittels Augenkontakt gesteuert werden können, längst einen Austausch mit Menschen, die mehrfach schwerstbehindert sind und nur noch die Augen bewegen können. Mit der Technik wachsen die Möglichkeiten, selbstständig zu wohnen. Zu viele behinderte Menschen leben nach Ansicht des Leiters des Fritz-Felsenstein-Hauses noch in ihren Familien. Für Beck sind Wohngruppen in der Stadt die Zukunft.

Und im besten Fall leben Menschen mit Handicap wie Matthias Foryschowski so, wie sie es selbst möchten. Für ihn ist das Leben mit persönlichen Assistenten „das Beste, was mir passieren kann“. Doch so gut es ihm in seinen vier Wänden geht, so mühsam sei oft außerhalb. So sieht der 30-Jährige nicht nur bei den öffentlichen Nahverkehr in Augsburg massiven Nachholbedarf, schließlich lassen ihn, wie er erzählt, Bus- und Straßenbahnfahrer immer wieder einfach stehen. Auch so manche Bar ist mit einem Rollstuhl leider nicht zugänglich.

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