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Augsburger Geschichte

27.03.2019

Wie Richard Hohenner das Augsburger Siedlungswesen in Gang brachte

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Die Bärenkeller-Siedlung in den 1930er-Jahren. Richard Hohenner war an ihrer Gründung maßgeblich beteiligt.
Bild: Sammlung Häußler

Hohenner verhalf sozial Schwachen zu einem Zuhause und zeigte kämpferisches Engagement für ein soziales Bodenrecht. Warum der Stadtrat der NSDAP beitrat.

Richard-Hohenner-Platz heißt seit 1983 eine kleine Grünanlage in Bärenkeller-Nord. Sie liegt in der Gabelung Täfertinger Weg und Am Gerstenacker. Seit 1983 trägt der Platz diesen Namen. Der Grund für die Benennung: 1983 wurde dort eine Stele mit dem Bronzerelief des „Siedlervaters“, Richard Hohenner, aufgestellt. Der Geehrte war am 29. Oktober 1981 im Alter von 85 Jahren verstorben.

Die „Ur-Siedler“ im Bärenkeller hatten Richard Hohenner den Titel „Siedlervater“ und die Ehrenmitgliedschaft in der Siedler- und Eigenheimer-Gemeinschaft Bärenkeller-Nord verliehen. Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums ergriffen sie die Initiative für das bescheidene Denkmal in ihrer Siedlung. Das Bronzerelief mit dem Porträt fertigte der Bildhauer Theo Bechteler. Oberbürgermeister Hans Breuer würdigte bei der Enthüllung das Wirken von Richard Hohenner. Er bezeichnete ihn als „Kämpfer für Gerechtigkeit und Humanität“, dessen Herz den sozial Schwachen, nicht mit Glücksgütern gesegneten Mitmenschen gehörte. Ihnen wollte er ein menschengerechtes Zuhause ermöglichen.

Hohenner kam in Kontakt mit dem Bodenreformer Damaschke

Der Lebensweg des am 2. Januar 1896 in Vohenstrauß geborenen Eisenbahnersohns: 1905 wurde sein Vater Betriebsleiter der Lokalbahn Mertingen-Wertingen mit Dienstwohnung im Bahnhof Mertingen. Im nahen Donauwörth besuchte er das Progymnasium. 1912 begann Richard Hohenner bei der Stadt Augsburg seine Ausbildung im Verwaltungsdienst. Als 17-Jähriger besuchte er einen Vortrag zum Thema „Bodenreform“. Das sei die Initialzündung für sein Eintreten für ein soziales Bodenrecht als Voraussetzung für ein gesichertes Wohnen gewesen, schrieb er in seinen Lebenserinnerungen. Heil aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, kam er in Kontakt mit dem Bodenreformer Adolf Damaschke. 1922, im Alter von 26 Jahren, übernahm Richard Hohenner den Vorsitz der Augsburger Ortsgruppe des Bundes Deutscher Bodenreformer. „Das Ringen um ein besseres Bodenrecht, um vor Wucher und Willkür gesicherte Heimstätten und Wohnungen war meine Lebensaufgabe geworden“, schrieb er später.

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Initiator von Siedlerprojekten in mehreren Stadtteilen

1924 und 1929 wurde er in den Stadtrat gewählt. Bis 1933 setzte er sich dort kämpferisch für die Förderung des Kleingartenwesens in Augsburg, für den Bau von Wohnungen, Eigenheimen und Kleinsiedlungen ein. Mit seiner Durchsetzungskraft verhalf er Hunderten Familien mit bescheidenem Einkommen zu einem Haus auf einem Erbbau-Grundstück, das in der Größe zur Selbstversorgung mit Grünzeug, Obst, Kaninchen und Ziegen ausreichte. Richard Hohenner war selbst kein Siedler, aber maßgeblicher Initiator von Siedlungsprojekten in der Hammerschmiede, in Hochzoll, an der Leitershofer Straße sowie an der Kleestraße in Lechhausen.

Die Siedler im Bärenkeller gedachten seiner nicht von ungefähr in besonderer Weise. Richard Hohenner war in einer Periode schlimmster Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot die treibende Kraft bei der Gründung der Bärenkeller-Siedlung als typisches Selbsthilfe-Projekt. Siedlungswillige bekamen per Los Grundstücke, mussten aber selbst Brunnen schlagen und Wege anlegen, ehe sie mit dem Aushub beginnen und bauen konnten. Im Sommer 1933 waren die ersten sechs Häuser beziehbar. Zu diesem Zeitpunkt war Richard Hohenner nicht mehr Stadtrat: Er gehörte nicht jener Partei an, die ab April 1933 das Sagen hatte.

Hohenner musste deutsche Mieter ausquartieren

1938 trat er zwar in die NSDAP ein, doch nicht aus ideologischen Gründen. Nur als Parteimitglied konnte er als Bezirksvorsitzender der Mietervereine in Schwaben weiterarbeiten. Der Wehrdienst unterbrach diese Tätigkeit. 1944 war seine Kompetenz in Augsburg gefragt: Er wurde Leiter des Wohnungs- und Quartieramtes. Richard Hohenner hatte nach der Besetzung Augsburgs die äußerst unangenehme Aufgabe, Hunderte beschlagnahmte Wohnungen und Diensträume für Amerikaner bereitzustellen. Das hieß: Er musste deutsche Hausbesitzer und Mieter unter Zurücklassung der Einrichtung ausquartieren.

Wegen seiner Parteimitgliedschaft befahl am 1. August 1945 die Militärverwaltung seine Entlassung aus städtischen Diensten. Nach der Entlastung durch die Spruchkammer wurde Richard Hohenner im Januar 1948 wieder eingestellt. Bis zum Ruhestand 1961 hatte er Führungspositionen im Wirtschafts- und Wohnungsamt sowie im Grundverwaltungs- und Siedlungsamt. 1961 bekam er das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen. Es war ihm eine Genugtuung, als 1967 das Bundesverfassungsgericht die soziale Komponente von Grund und Boden anerkannte. Dies verbiete es, Besitz und Nutzung vollständig „dem unübersehbaren Spiel der Kräfte“ zu überlassen.

Von 1952 bis 1972 im Stadtrat, habe Hohenner 20 Jahre lang kommunalpolitisch seinen Einfluss „als Vertreter der Mieter, Siedler und Verbraucher und als Kämpfer für ein gesundes Wohnen in grüner Umgebung“ geltend gemacht, erinnerte sich Oberbürgermeister Hans Breuer an seinen Stadtratskollegen. Er habe sich leidenschaftlich gegen die Zerstörung der Natur engagiert, „seine überragende Leistung aber war die Förderung des Siedlungswesens in unserer Stadt“.

Siedlervater wurde Ehrenbürger

Dieses Engagement war Anlass für zahlreiche Ehrungen. 1972 würdigte die Stadt Augsburg seine Verdienste mit der höchsten Auszeichnung, die sie zu vergeben hat: mit der Ehrenbürgerschaft. Am 29. Oktober 1981 verstarb Richard Hohenner. In seinem an das Stadtarchiv übergebenen Nachlass befinden sich Urkunden von Siedler- und Mietervereinigungen sowie Dank- und Glückwunschschreiben dreier Augsburger Oberbürgermeister.

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