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Augsburger Geschichte

25.08.2020

Wie aus einem Kloster das Wohnquartier im Ulrichsviertel wurde

Die jetzige Bebauung des einstigen Stall- und Reithofs: Hier stehen große Wohngebäude. Das „Haus St. Ulrich“ löste die Abteigebäude ab.
Bild: Thomas Hosemann

Plus Wo Benediktinermönche im Ulrichsviertel einst geistliches Leben praktizierten, stehen heute moderne Häuser. Was Archäologen auf dem Gelände fanden.

Die Benediktinerabtei St. Ulrich ist verschwunden. Nur die einstige Klosterkirche, die Basilika St. Ulrich und Afra, erinnert noch daran. Darin wird auf vielfache Weise das Andenken an das Kloster bewahrt: Ein mittelalterlicher Reliquienschatz in der „Heiltumskammer“ zeugt von der Geschichte und Bedeutung der Kirche und der Abtei, die ab 1012 Benediktinermönche mit geistlichem Leben erfüllten. Grabmale erinnern an Äbte. Ihr Kloster schloss sich südlich an die Kirche an. Auf dem Grund der Abtei um einen großen Kreuzgang steht das Haus St. Ulrich, ein 1975 fertiggestelltes Tagungshotel der Diözese Augsburg.

Nur die Mönche durften in den Klostergarten

Der Eingang und die Tiefgaragen-Zufahrt zum Haus St. Ulrich liegen am Kappelberg. Dieses Bergsträßchen zwischen Kitzenmarkt und Ulrichsviertel trennte die Klosteranlage vom Klostergarten, dem sogenannten Großen Garten. Er reichte bis zu den Zwingerhäuschen (einstigen Soldatenwohnungen) entlang der Stadtmauer zwischen Eserwall und Rotem Tor. Der Klostergarten war nur den Mönchen zugänglich, von einer Mauer umgeben und mit Obstbäumen bepflanzt.

Wie aus einem Kloster das Wohnquartier im Ulrichsviertel wurde

Am 12. Dezember 1802 wurde dem Abt und dem damals 29-köpfigen Konvent die Aufhebung und Enteignung der Abtei verkündet. Ein kurfürstlich-bayerisches Militärkontingent zog ins Kloster ein. Das war der Beginn der Entrechtung der Reichsstadt Augsburg. 1806 wurde sie zur königlich-bayerischen Provinz- und Garnisonsstadt: Die Abtei wandelte sich zur „Ulrichskaserne“, belegt von „Chevaulegers“ (leichte Reiter).

Ställe für 600 Pferde am Rande der Augsburger Innenstadt

Die Kavalleristen benötigten große Pferdeställe und einen Reithof. Dazu bot sich der Klostergarten südlich der als Kaserne zweckentfremdeten Abtei an. Ein großes Geviert mit Stallungen für bis zu 600 Pferden wurde errichtet. 1925 durfte sich entlang der Mauer um die Militärstallung am Eserwall – der Straßenzug verläuft auf dem verfüllten Stadtgraben – das Autohaus Edgar Meyer ansiedeln.

1944 fielen nicht nur einstige Klostertrakte und der Kreuzgang Bomben zum Opfer, auch die alten Stallungen waren zerstört. Nach 1945 durfte die Autofirma den einstigen Stallbereich vereinnahmen und dort Werkstätten, Ausstellungsräume und Büros bauen. Ab 1968 begann die Neubebauung der teilzerstörten einstigen Klosteranlage zwischen Kappelberg und Ulrichsbasilika. Noch stehende einstige Abteigebäude und die Reste des Kreuzgangs wurden beseitigt, um auf dem Klosterareal das Haus St. Ulrich zu errichten.

1999: Die Archäologen untersuchen den Untergrund des Klostergartens.
Bild: Franz Häußler

1990 gab das Autohaus seinen innerstädtischen Standort südlich des Hauses St. Ulrich auf. Der einstmalige Klostergarten konnte neu genutzt werden. Dafür wurde ein Bebauungsplan gefertigt. Er sah vier- bis fünfstöckige Gebäude für Büros, Wohnungen, Appartements sowie ein Senioren- und Sozialzentrum vor. 1997/98 wurden die Firmengebäude abgebrochen. Nun konnten die Archäologen mit der Erforschung des Baugrundstücks beginnen. Sie gruben sich bis 1999 durch etliche Kulturschichten. Dabei kam viel Überraschendes zutage.

Tausende Fundstücke aus dem Klostergarten

Historische Stadtpläne zeigen auf dem Areal ein paar Gebäude, darunter eine Kapelle. Die Archäologen entdeckten sehr viel mehr, als bildlich oder schriftlich überliefert ist. Das belegte die Stadtarchäologie im Oktober 1999 in einer Ausstellung in einer Seitenkapelle der Ulrichsbasilika.

Über 100 steinerne Kanonenkugeln aus dem 15. Jahrhundert lagen in einem Erddepot im einstigen Klostergarten.
Bild: Maximilianmuseum

Die Archäologen präsentierten eine Auswahl aus den tausenden Fundstücken der unterschiedlichsten Art, die sie wenige Meter entfernt im einstigen Klostergarten geborgen hatten. Dazu zählten rund 1500 Fragmente von Tonfigürchen und Gussmodeln. In einer großen Grube hatten vor fast 500 Jahren Handwerker Produktionsabfälle entsorgt. Sie reichten von Tonwaren über Fensterglas-Fragmente bis zu bearbeiteten Knochen.

Die Abtei St. Ulrich mit dem kunstvoll gestalteten Hof um 1780.
Bild: Sammlung Häußler

Die Archäologen konnten einen Ziegelbrennofen und einen Bronzegussofen nachweisen. Über 100 steinerne Kanonenkugeln mit 14 bis 17 Zentimeter Durchmesser fanden sie unweit der um 1870 abgebrochenen Stadtmauer und der Eserwallbastion. Die Archäologen schnitten auch einen gegen Ende des 12. Jahrhunderts angelegten Spitzgraben samt Tor an. Diese frühe Verteidigungsanlage gilt als Beweis, dass der Klosterbereich von St. Ulrich spätestens um 1180 in die Stadtbefestigung einbezogen war. Nach dem Jahr 1350 wurde der Graben verfüllt. Er war überflüssig geworden, da zwischen Eserwall und Rotem Tor eine Stadtmauer gebaut worden war.

Jahrhundertelange Baugeschichte des Ulrichsviertels ist nachvollziehbar

Bilder und Pläne lassen die Baugeschichte südlich der Basilika St. Ulrich und Afra seit 500 Jahren bis in die Gegenwart nachvollziehen. Aufschlussreich sind Stiche aus der Vogelperspektive und Luftaufnahmen. Sie ermöglichen die Orientierung auf dem jetzt völlig überbauten Areal der einstigen Klosteranlage und im Garten der vor über 1000 Jahren gegründeten Abtei.

Weitere Ausflüge von Franz Häußler in Augsburgs Vergangenheit finden Sie hier.

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