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Augsburg

27.08.2020

Wie ein Wasserwerk die Cholera in Augsburg auszurotten half

Bestes Trinkwasser lieferte ab Oktober 1879 das neue Wasserwerk am Hochablass. Die restaurierte Anlage ist ein technisches Denkmal von europäischem Rang.
Bild: Sammlung Häußler

Plus In vergangenen Jahrhunderten starben in Augsburg viele Tausend Menschen an den Infektionskrankheiten Pest und Cholera. Mangelnde Hygiene war einer der Hauptgründe.

In aller Welt hofft man, dass die Corona-Pandemie endet und in die Geschichte eingeht wie Epidemien vergangener Jahrhunderte. Augsburgs Chronisten berichten von einer Vielzahl. Pest und Cholera verursachten den Tod Tausender. Historiker haben sich damit tiefgründig beschäftigt. Ihren Forschungen zufolge trat die „Pestilenz“, der „Schwarze Tod“ oder das „große Sterben“, wie die Pest genannt wurde, 1347 bis 1351 erstmals in Europa auf. 1379 erreichte sie Augsburg.

1420 und 1438/39 waren weitere Pestjahre. Die Pest-Epidemie von 1462/63 kostete in Augsburg 9000 Menschen das Leben. Zu dieser Zeit wurde die Pest als Strafe Gottes angesehen, die man durch Gebet, Buße und Bittprozessionen mildern oder abwenden könne. Als 1494 wiederum die Pest ausbrach, reagierte der Augsburger Rat mit zahlreichen Verordnungen. Die Stadtführung orientierte sich dabei am medizinischen Wissen der Zeit. Es sah als wichtigste Maßnahme die Isolierung Pestkranker und Verstorbener vor.

In Augsburg wurde ein Pestfriedhof angelegt

1494 wurden ein Pestspital eingerichtet und ein Pestfriedhof angelegt. Mediziner nahmen zu dieser Zeit „Luftvergiftung“ für die Verbreitung der Pest an. Bei einem Pestausbruch 1521 stellten jedoch Augsburgs Stadtärzte fest, die Pest sei zwar eine Strafe Gottes, doch in der Stadt herrsche keine vergiftete Luft. Die Pest werde von Mensch zu Mensch übertragen. Es folgten strikte Kontaktsperren und etwa 1400 Augsburger flohen in pestfreie Dörfer und Städte.

Erfolg versprechende Therapien konnten die Augsburger Ärzte 1521 nicht anbieten. Sie forderten erhöhte Reinlichkeit sowie die Beseitigung von Misthaufen innerhalb der Stadt. So reduzierten sich Ratten und Flöhe. Dass diese die Hauptüberträger des Pestbazillus waren, war noch unbekannt. Die letzten Pest-Epidemien suchten Augsburg während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) heim. Soldaten schleppten die Pest ein. 1627/28 starben 9000 der 40.000 Einwohner der Stadt, 1634/35 fast 18.000.

Rund 100 Jahre altes Etikett für „Choleratropfen“ aus der Stern-Apotheke. Sie waren in Wirklichkeit eine Medizin gegen Durchfall.
Bild: Sammlung Häußler

Im 19. Jahrhundert waren es Cholera-Epidemien, die für Schrecken sorgten. Die schwere bakterielle Infektionskrankheit war im Jahr 1817 von englischen Ärzten in Ostindien als eine bis dahin kaum beachtete Erkrankung beschrieben worden. 1830 erreichte die Cholera Europa, 1831 Deutschland. Augsburger Bürger gründeten als Vorsorgemaßnahme im Oktober 1831 einen „Hülfs-Verein gegen Cholera-Noth“.

Im Spendenaufruf heißt es: „Die asiatische Brechruhr nähert sich Bayerns Grenzen, und es ist wahrscheinlich, daß sie auch unsere Vaterstadt heimsuchen wird.“ So kam es: 1832 erreichte die Cholera Augsburg. Doch sie weitete sich nicht zu einer derart katastrophalen Epidemie aus wie 22 Jahre später. Im Juli 1854 sammelte der „Hülfs-Verein“ wiederum Geld, Bettwäsche und Kleidung. Der Anlass: Die gefürchtete Seuche war im Sommer 1854 in London ausgebrochen (14.000 Tote) und hatte sich in Windeseile über ganz Europa verbreitet.

1854 wurde in Augsburg erstmals Cholera diagnostiziert

Am 6. August 1854 wurde in Augsburg beim ersten Patienten Cholera diagnostiziert. Am 22. August gab es 200 Cholera-Kranke, am 28. August 292. Die Zeitungen veröffentlichten täglich die Zahl der Neuerkrankungen und die Namen von Toten. Großfamilien wurden Cholera-Opfer. Am 3. September wurden 67 Neuerkrankungen gemeldet, 48 Menschen starben an diesem Tag. Zu den Toten zählte der Jugendschriftsteller Christoph von Schmid. Er sei im 87. Lebensjahr „als theures Opfer der herrschenden Epidemie“ verschieden, heißt es in der Todesanzeige. Die Cholera-Epidemie kam in Augsburg Mitte Oktober 1854 zum Erliegen. Die Statistik nennt vom 6. August bis 17. Oktober 1176 Cholera-Tote.

Die Hilflosigkeit der Ärzte und der Obrigkeit drücken zahlreiche Veröffentlichungen des Magistrats sowie eine an die Bevölkerung verteilte „Belehrung für Nicht-Ärzte“ aus. Den Stand medizinischen Wissens belegen „Aufklärungsschriften“ von Ärzten, für die während der Epidemie 1854 in Zeitungen geworben wurde. Aus heutiger Sicht fußten sie auf totaler Unkenntnis über die Cholera. Die Mediziner gaben Empfehlungen zur Verhütung von Durchfall, erteilten Ernährungsratschläge und empfahlen ansonsten „Gottvertrauen und Gemütsruhe“.

Der 87-jährige Jugendschriftsteller Christoph von Schmid war 1854 eines der Opfer der Cholera in Augsburg.
Bild: Sammlung Häußler

Bei der Cholera-Epidemie von 1854 fehlte noch das Grundwissen über die durch das Bakterium Vibrio cholerae verursachte Infektionskrankheit. Der am 22. September 1854 nach Augsburg gerufene Chemiker und Hygieniker Max von Pettenkofer beharrte zeit seines Lebens auf seiner irrigen Theorie, bei der Zersetzung von Fäkalien entstehende Ausdünstungen aus dem Boden würden die Cholera verbreiten. 1854 identifizierte der Italiener Filippo Pacini den Cholera-Erreger als hoch bewegliches Bakterium. Seine Entdeckung blieb unbeachtet, Pettenkofer ignorierte sie völlig. Ebenfalls 1854 stellte in London der Arzt John Snow fest, dass durch Abwässer verseuchtes Trinkwasser die Cholera verbreitete.

Ab 1854 trieb die Stadt zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse den Bau von unterirdischen Abwasserkanälen voran, 1871 ließ sie die Trinkwasserbrunnen innerhalb der Stadt untersuchen. Das Ergebnis der Expertise: „Der Genuss solchen Wassers ist ohne Zweifel der Gesundheit sehr nachträglich und kann im Falle einer Epidemie verhängnisvoll wirken.“ Es war klar: Sauberes Trinkwasser konnte nur außerhalb der bewohnten Stadt gewonnen werden. Es bestand dringender Handlungsbedarf, zumal bislang nur 25 Prozent der Augsburger aus dem Wasserleitungsnetz versorgt werden konnten.

Wie ein Wasserwerk in Augsburg Cholera vorbeugte

Probebrunnen im Siebentischwald lieferten klares Wasser in Fülle. Am 28. Dezember 1876 fiel die Entscheidung: Ein Wasserwerk wird beim Hochablass gebaut, alle Häuser werden ans Leitungsnetz angeschlossen. Im Frühjahr 1878 begann die Verrohrung der Stadt. Ab Oktober 1879 lieferte das neue Wasserwerk bestes Trinkwasser für alle. Die Entnahme aus Hausbrunnen wurde verboten, die Wassertürme wurden stillgelegt. Das über 140 Jahre alte Wasserwerk ist restauriert und gilt als technisches Denkmal von europäischem Rang.

Die neue Wasserversorgung bewährte sich 1883, als die Cholera wieder in Europa auftrat. In diesem Jahr konnte der Mikrobiologe Robert Koch wissenschaftlich belegen, dass Cholera-Bakterien über verunreinigtes Trinkwasser verbreitet werden. In Augsburg war eine solche Ansteckung nicht mehr möglich, auch München hatte 1883 seine Trinkwasserversorgung erneuert. Hamburg dagegen scheute zu diesem Zeitpunkt noch eine solche Vorsorge. Die Folgen waren fürchterlich: 1892 starben in Hamburg bei einer der letzten europäischen Cholera-Epidemien 8600 Menschen. Aus der Elbe entnommenes, verseuchtes Trinkwasser war schuld an ihrem Tod.

Mehr historische Berichte aus Augsburg lesen Sie in der Augsburger Geschichte.

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