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Augsburg

20.01.2020

Wie falsche Polizisten Rentner in der Region abzocken

Betrüger, die sich als Polizisten ausgeben, suchen sich gezielt ältere Menschen als Opfer aus.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Plus Seit Jahresbeginn registrierte das Polizeipräsidium Schwaben Nord 240 betrügerische Anrufe aus Callcentern. Jetzt gibt es eine Ermittlungsgruppe.

Die Anrufe wirken einschüchternd. „Hier Hauptkommissar Jürgen Münster von der Augsburger Polizei. Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass in Ihrer unmittelbaren Nähe eingebrochen wurde. Bitte überprüfen Sie Ihre Türen und Fenster auf Einbruchspuren.“ So oder mit ähnlichen Worten haben sich Betrüger am Telefon gemeldet. Die Anrufe am vorigen Mittwoch, mutmaßlich in Callcentern in der Türkei geführt, erstreckten sich über das gesamte Stadtgebiet.

Bundesweit versuchen Kriminelle mit dieser Masche, ältere Menschen dazu zu bewegen, ihnen – angeblich der Polizei – Geld und Wertsachen auszuhändigen. Bei ihr seien diese ja absolut sicher, wird den Senioren vorgegaukelt. Häufig hat die Masche Erfolg.

Falsche-Polizisten-Masche in Augsburg und Region

Wie die Täter darauf kommen, dass die Angerufenen im Seniorenalter sind? Ganz einfach, ihre Opfer finden sie im Telefonbuch. Diese tragen altmodische Vornamen wie Kunigunde, Theodor, Walburga. Es gibt Wochentage, wo die Polizei, durch Bürger gewarnt, beispielsweise feststellt: „Heute ist ein Hedwig-Tag“, sagt ein erfahrener Ermittler im Gespräch mit unserer Redaktion. Es sind Tage, an dem die Betrüger besonders oft einen bestimmten Vornamen anwählen.

Wie falsche Polizisten Rentner in der Region abzocken

Auch wenn viele der Angerufenen den Schwindel durchschauen, zu viele fallen darauf rein. Wie jene Augsburger Rentnerin, die am Mittwoch dem von der Bande angekündigten Geldabholer, er stand bereits kurz nach dem Telefonat bei ihr vor der Tür, einen fünfstelligen Geldbetrag übergab. Seit Jahresbeginn registriert das Polizeipräsidium Schwaben Nord 240 Anrufe durch falsche Polizisten. Drei Mal waren die Betrüger dabei erfolgreich, bekamen insgesamt 32.000 Euro ausgehändigt. Oft vertrauen Rentner den Betrügern ihre gesamten Ersparnisse an.

Welches Ausmaß die Betrugsmasche durch falsche Polizisten erreicht hat, zeigen allein Zahlen der bayerischen Polizei. 2018 waren es mehr als 140.000 solcher Anrufe. Tendenz steigend. Und die Rentner-Abzocke lohnt sich für die Täter, scheint sich zu einem immer lukrativeren Geschäftszweig zu entwickeln. Die Betrüger nahmen 2018 alten Leuten mehr als 10 Millionen Euro ab. 2016 hatte die Schadenssumme noch bei 3,2 Millionen Euro gelegen.

Annemarie R. erfuhr am Telefon von einem angeblichen Haftbefehl

Es sind meist nur Geldabholer, das kleinste Glied der Banden, die von der Polizei gefasst werden. In der Regel unterhalten sie Kontakt zu Mittelsmännern, wissen nicht wer ihre eigentlichen Auftraggeber sind. Einer dieser Geldboten stand im Januar in Augsburg vor Gericht. Der 37-Jährige, ein gebürtiger Türke, war im Juli vorigen Jahres durch ein Spezialeinsatzkommando in seiner Wohnung in Hannover festgenommen worden. Seine schillernde Vergangenheit als Mitglied der Hells Angel hatte die Ermittler bewogen, Spezialkräfte anzufordern. An einem Maitag hatte frühmorgens am Festnetzanschluss von Annemarie R. (Name geändert, Anm. d. Red.) das Telefon geklingelt. Der Anrufer am anderen Ende der Leitung stellte sich als ein Herr Schwarz von der Generalstaatsanwaltschaft Wuppertal vor.

Erschrocken vernahm die alte Dame, dass in der Türkei ein Haftbefehl gegen sie besteht. Jemand habe unter ihrem Namen ein Gewerbe angemeldet, krumme Geschäfte gemacht. Um einer Verhaftung zu entgehen müsse Annemarie R. eine Kaution in Höhe von 14.480 Euro leisten, teilte ihr der Fremde mit. Die Augsburgerin überwies prompt den gewünschten Betrag noch am selben Tag. Und nach weiteren Anrufen des Herrn Schwarz weitere Gelder, am Ende waren es 42.000 Euro.

Die Sache flog auf, als die Tochter, sie arbeitet bei der Stadtsparkasse, ihre Mutter verwundert auf eine hohe Überweisung ansprach. Wie überzeugend Täter sein können und ihre Opfer unter Druck setzen, wurde im Prozess durch einen Zeugen deutlich. Im Zuge anderer Ermittlungen hatte der Kriminalkommissar im Juni die Augsburgerin zu Hause vernommen. Er wusste nichts von den Geldüberweisungen, auch nicht, als er nach einer Stunde ihre Wohnung wieder verließ. Annemarie R. hatte, von „ihrem“ Staatsanwalt aus Wuppertal dazu verdonnert, eisern geschwiegen.

Polizeiliche Ermittlungen stocken, sobald sie sich auf die Türkei erstrecken

Erst einen Monat später, von ihrer Tochter ermuntert, rief sie weinend in seiner Dienststelle an. „Sie war total fertig und eingeschüchtert. Es hat gewisse Zeit gedauert, bis sie mir alles erzählen konnte“, berichtete der Zeuge. Der nicht vorbestrafte Angeklagte (Verteidiger Marco Müller) wurde nach einer Verfahrensabsprache lediglich zu einer knapp zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Wohl auch, weil er reichlich naiv vorging, einem Bekannten 10.000 Euro für sein Bankkonto zur Verfügung stellte. Für die Fahnder ein leichtes Spiel. Der 37-Jährige muss jetzt drei Jahre lang monatlich 200 Euro an die Geschädigte zahlen.

Um die Täter zu fassen, hat das Polizeipräsidium Nord unter dem Namen „Callcenter“ eine eigene Ermittlungsgruppe ins Leben gerufen. Doch die Ermittlungen stocken, sobald sie sich auf die Türkei erstrecken. „Die Rechtshilfe dauert unwahrscheinlich lange“, sagt ein Fahnder.

Der Fernsehsender RTL greift am Montagabend (20.15 Uhr) das brisante Thema auf, in einer Livesendung mit dem Titel „Falsche Polizisten – die Callcenter-Mafia“. Ermittler aus den Bundesländern werden im Studio über ihre Erfahrungen berichten und Zuschauerfragen beantworten. Außerdem zeigt der Sender, wie solche Gespräche von Bandenmitgliedern geführt werden. Ein Augsburger Privatdetektiv, der dort vorübergehend undercover tätig war, hat sie heimlich gefilmt.

Hören Sie zu diesem Thema auch diese Folge unseres Podcasts "Augsburg, meine Stadt":

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