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Augsburg

20.12.2020

Wie sich Familie Schön während Corona um das Hotel Alpenhof kümmert

Seniorchefin Marlene Schön und ihr Sohn und Geschäftsführer Andreas Schön sind fast allein in ihrem Hotel Alpenhof in Oberhausen. Sie finden die Stimmung erdrückend.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Die 250 Betten im Hotel Alpenhof im Augsburger Stadtteil Oberhausen sind seit Langem unbenutzt. Auch wenn das Hotel wegen Corona leer ist, gibt es für die Betreiber-Familie viel Arbeit.

Der Dalai Lama ist alles andere als ein Zyniker. Aber einer seiner Sprüche, der in der Wand der Hotellobby eingefasst ist, hat an dieser Stelle zu dieser Zeit dann doch einen bitteren Beigeschmack. "Nichts ist entspannender, als das anzunehmen, was kommt", steht im Empfangsraum des Hotels Alpenhof. Andreas und Alexander Schön sowie Mutter Marlene sind so ziemlich die Einzigen, die diese Weisheit derzeit lesen können.

Die Weisheit des Dalai Lama - sozusagen in Stein gemeißelt.
Bild: Michael Hochgemuth

Entspannung steht momentan nicht oben auf ihrer Liste. Das familiengeführte Hotel mit 120 Zimmern und 250 Betten in Oberhausen musste längst wegen der Corona-Pandemie für Touristen schließen. Wie alle anderen Hotels auch. Trotzdem haben die Schöns täglich jede Menge Arbeit.

Der Weihnachtsschmuck bleibt dieses Jahr im Keller

Im Kamin der Lobby wurde schon länger kein Feuer mehr geschürt, die stillstehenden Zeiger auf der antiken Standuhr werden täglich von der Zeit überholt, das einzige Geräusch ist leise Musik aus Lautsprechern. Normalerweise würde der große goldfarbene Adventskranz von der Decke der Eingangshalle hängen, Tannengirlanden, Christbäume und Sterne die vielen Räumlichkeiten des Hotels schmücken. Doch was ist schon normal in diesen Zeiten von Corona. Die Weihnachtsdeko, erklärt Andreas Schön, blieb dieses Jahr verpackt im Keller. "Für wen sollen wir denn schmücken?", fragt seine 69 Jahre alte Mutter Marlene. "Für ein Haus, das schläft? In dem kein Leben herrscht?"

So leer wie jetzt hat die Familie ihren Alpenhof noch nie erlebt. In dem Hotel mit den vier Gebäuden, das die Schöns Patchworkhotel nennen, werden üblicherweise viele Tagungen und Familienfeiern veranstaltet. Vor allem Geschäftsreisende quartieren sich ein, aber auch Touristen. Es ist schon wieder ein paar Wochen her, seit die letzten Gäste da waren. Eine Handvoll Mitarbeiter der Deutschen Bahn, die in Augsburg ihren Meister im Gleisbau machten. Und ein einziger Handelsvertreter.

Der Weihnachtsschmuck, wie der goldfarbene Adventskranz, bleibt dieses Jahr im Keller.
Bild: Michael Hochgemuth

"Klar, kaum ein Arbeitgeber will in diesen Zeiten das Risiko auf sich nehmen und seine Mitarbeiter losschicken", sagt Andreas Schön. Er selbst hat seine rund 70 Mitarbeiter seit Mitte März in Kurzarbeit. Nur noch ein paar Angestellte arbeiten stundenweise. Wie die Rezeptionistin, die sich etwa um E-Mails kümmert, Telefonate entgegennimmt, aber jetzt auch beim Putzen mit anpackt. Auch der 48 Jahre alte Geschäftsführer wird mit ungewohnten Aufgaben konfrontiert. Wie neulich, als eine Toilette überlief. Aber es ist ja sonst keiner mehr da. Seine Mutter nennt ihn scherzhaft den neuen "Hausmeister".

"Ich war erst einmal am Suchen, wo das Wasser abgesperrt wird", erzählt Schön die Geschichte vom fließenden Klo. Als auf einem Stockwerk die Heizung ausfiel, sei er auf dem Dachboden herumgekrochen, um nach der Entlüftung zu suchen. "Vorher hat man delegiert und sich um solche Sachen keinen Kopf gemacht, jetzt muss man sich selbst um alles kümmern", meint Marlene Schön. Auch wenn keine Gäste da sind, die Arbeit bleibt. Schließlich könne man ein Haus nicht alleine lassen. Andreas Schön führt durch das verlassene Hotel.

Leere Gänge im Augsburger Hotel - Erinnerungen an Gruselfilm "Shining"

Es ist still und kühl auf den leeren Gängen. Katze Franz, die sonst das Hotel auf Jagd nach Streicheleinheiten von Gästen durchkämmt, weicht Marlene Schön nicht von der Seite. Die Bettdecken in den Zimmern sind akkurat zusammengefaltet. Hier lag schon lange niemand mehr in den Daunen. Auf einem Couchtisch steht noch eine Topfpflanze. Alle anderen Pflanzen haben die Schöns in einen Raum getragen, um sie dort gesammelt zu gießen. Diese eine wurde offenbar vergessen. "Es ist zwar eine Art Kaktus", sagt der Hotelbetreiber und fügt etwas zynisch hinzu: "Aber wenn es keine Gäste gibt, geht die härteste Pflanze kaputt."

Diese Pflanze wurde vergessen.
Bild: Michael Hochgemuth

Jeden Tag kontrolliert Schön die Zimmer, den Wellnessbereich, das Hallenbad, das Restaurant. In den Duschen lässt er Wasser nachlaufen, um Geruchsbildung zu vermeiden. Unweigerlich erinnert die Einsamkeit des Hotels an den einstigen Filmschocker "Shining" von Stephen King mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Gruselig ist es in dem Familienbetrieb in Oberhausen freilich nicht. Aber trostlos und traurig, finden der Geschäftsführer und die Seniorchefin. "Normalerweise haben wir jeden Tag vieles vor, wollen was bewegen, aber jetzt ist die Stimmung nur noch erdrückend."

Dabei sind die Schöns Hoteliers mit Leidenschaft. In den vergangenen Jahren haben sie viel Geld in die Renovierung der Häuser gesteckt, sich in ihrer Liebe zum Detail ausgetobt. Mit seinem extravaganten Geschmack kaufte Schön auf Märkten oder in Internet-Foren Accessoires, um die Zimmer individuell zu gestalten. Sei es die Verkleidung einer alten Kirchenbank, die jetzt einen Schreibtisch ziert. Oder die beiden Torpfeiler mit Zirbelnüssen von der einstigen Hasenbrauerei, die im neuen Partyraum ein Blickfänger ist.

Die Zukunftssorgen der Betreiber des Patchworkhotels Alpenhof

"Wir haben viel investiert, um wettbewerbsfähig zu bleiben", berichtet Schön. Mit den bevorstehenden Neueröffnungen großer Hotels, eines entsteht gerade in unmittelbaren Nachbarschaft, müsse man als Familienbetrieb kämpfen. Zwar erhalten Hotels in der Pandemie staatliche Unterstützung. Aber wie der Alpenhof-Geschäftsführer berichtet, müssten sie dennoch an die eigenen Rücklagen ran. Die Sanierung der Fassade, die als Nächstes angestanden wäre, sei vorerst gestrichen. "Bei den vielen Hotels, die gerade in Augsburg gebaut werden, werden wir durch die Pandemie künftig das Problem haben, wettbewerbsfähig zu bleiben. Denn die Rücklagen sind bis dahin weg." Auch sorgt sich Schön, dass sich seine Mitarbeiter in dieser ungewissen Zeit nach einer anderen Arbeit umsehen.

Ein leerer Flur.
Bild: Michael Hochgemuth

Es sind viele Sorgen, die die Hotel-Leute umtreiben. Aber machen, das wissen die Schöns natürlich, können sie nichts. Außer vielleicht die Weisheit des Dalai Lama zumindest ein Stück weit zu verinnerlichen: "Nichts ist entspannender, als das anzunehmen, was kommt."

Wie trifft die Corona-Krise die Gastronomie? Hören Sie sich dazu unseren Podcast von Juni 2020 aus der Reihe "Augsburg, meine Stadt" an:

 

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