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Augsburg

26.01.2020

Wie wichtig ist Supermarkt-Kunden das Wohl der Tiere?

Zelimkhan Bataer (links) und sein 13-jähriger Sohn haben sich schon mit dem Thema Tierwohl auseinandergesetzt – und zeigen der Greenpeace-Aktivistin Jana Kornely ein Video zum Thema.
Foto: Claudia Knieß

Plus Umweltschützer sammeln vor einem Supermarkt in Augsburg Unterschriften gegen Billigfleisch – und suchen das Gespräch. Die Reaktionen sind unterschiedlich.

Zelimkhan Bataer ist schon gut informiert. Als die Greenpeace-Aktivistin Jana Kornely ihm Folien zeigt, wie Schweine der Haltungsklassen eins bis vier leben, nickt er und ruft flugs mit seinem Handy ein Video auf, das er neulich angeschaut hat und in dem es ebenfalls um Tierhaltung geht. Bataer ist für gute Lebensbedingungen auch für Nutztiere. Trotz Sprachschwierigkeiten und obwohl ihn als Muslim die Schweinehaltung persönlich kaum tangiert, lässt er sich von Jana Kornely am Samstagmittag vor der Lidl-Filiale am Senkelbach erklären, worum es der Umweltorganisation mit ihrer aktuellen Aktion genau geht. Er fragt nach, bespricht sich mit seinem 13-jährigen Sohn und erzählt umgekehrt, was er zu dem Thema denkt. Am Ende unterschreibt er eine Karte „Supermärkte müssen handeln: Schluss mit Billigfleisch“.

Rund 400 solcher Karten übergeben Jana Kornely und ihre Mitstreiter am Samstagabend dem Marktleiter. Darauf steht: „Ich fordere Sie auf, Fleisch der schlechtesten Haltungsform 1 aus dem Sortiment zu nehmen und vorrangig Fleisch aus besserer Tierhaltung anzubieten (Haltungsformen 3 und 4)“. In vielen deutschen Städten ist Greenpeace an diesem Samstag mit Infoständen vor Filialen aller großen Supermarkt-Ketten aktiv. Das Ziel ist laut Jana Kornely nicht, in die persönliche Freiheit der Verbraucher einzugreifen, „sondern wir wollen die Leute so informieren, dass sie selbst eine bewusste Entscheidung beim Kauf von Fleisch treffen können.“ Entsprechend gut vorbereitet und höflich sprechen sie und 20 weitere, vorwiegend junge Mitglieder von Greenpeace in Augsburg, Passanten auf dem Weg zum Wochenend-Einkauf an.

Greenpeace-Aktivisten erklären in Augsburg: Ein Schwein hat nur 0,75 Quadratmeter Platz

Sie erklären, was die freiwillige Kennzeichnung des Frischfleischs bei Supermärkten bedeutet: Bei Stufe 1 etwa hat ein ausgewachsenes Schwein nur 0,75 Quadratmeter Platz. Das entspricht in etwa der Bodenfläche einer mobilen Toilette. Auslauf, Tageslicht, Beschäftigungsmöglichkeiten? Fehlanzeige. Tieren der Haltungsstufe 2 ergeht es nicht viel besser, sie haben nur zehn Prozent mehr Platz – und als Beschäftigungsmaterial zum Beispiel ein Holzstück. Lidl betont, dass man als erster Händler im Februar 2018 ein 4-Stufen-Modell für die Kennzeichnung der Tierhaltung eingeführt habe. Inzwischen gibt es ein einheitliches System, das fast alle großen Supermarktketten nutzen. Ziel ist es laut Lidl, langfristig kein Frischfleisch der Kategorie 1 mehr anzubieten. Allerdings müssten dafür auch die Verbraucher mitziehen. Greenpeace hält den gesetzlichen Mindeststandard in der Tierhaltung für tierschutzwidrig und will, dass der freiwilligen Kennzeichnung nun auch Verbote folgen.

Der Druck der Verbraucher ist dafür wichtig. „Die Reaktionen der Leute auf unsere Aktion sind unterschiedlich“, sagt Tobias Seitz, der auch in grüner Greenpeace-Jacke der Kälte trotzt. „Während bei den Jüngeren häufig schon ein Bewusstsein für das Thema da ist und sie relativ schnell unterschreiben, wollen die älteren ausführlicher informiert werden und lassen sich eher auf Gespräche ein.“ Wer überhaupt stehen bleibt und zuhört, der unterschreibt auch fast immer. „Es gibt schon einen Konsens, dass Tiere gut behandelt werden sollten“, sagt Maria Meyer. „Praktisch jeder ist gegen Massentierhaltung, aber häufig wissen die Leute nicht, dass das, was sie essen, daraus stammt.“ Die 16-jährige Schülerin lebt selbst vegan und sammelt aus Überzeugung Unterschriften für Greenpeace.

Aktion in Augsburg: Viele Menschen hetzen auch vorbei

Viele Menschen hetzen aber auch vorbei und verweisen auf Zeitmangel oder haben Angst, dass die Aktivisten Geld sammeln wollen. Die Kosten sind auch eines der häufigsten Argumente, welches Leute gegen Verbesserungen bei der Tierhaltung anführen. Dagegen argumentieren die Greenpeace-Aktivisten, dass gute Tierhaltung auch wieder mehr Arbeitsplätze in der Landwirtschaft brächte, weniger und bewussterer Fleischkonsum außerdem gut für Klima und Gesundheit seien. Eine ältere Dame eilt mit einem Strauß Tulpen aus dem Supermarkt. Sie findet die Aktion gut, noch wichtiger aber, „dass jeder bei sich selbst anfängt und lieber etwas macht, als zu reden und zu fordern. So habe ich es gerade auch meinen Enkeln und Urenkeln an Weihnachten erklärt: Just do it!“.

Das beherzigen viele derjenigen, die eine Karte unterschreiben und Infomaterial mitnehmen, bereits: Ein junger Familienvater mit Kinderwagen erklärt, er brauche täglich und zu jeder Mahlzeit Fleisch, achte aber genau auf die Kennzeichnung. Andere sind Vegetarier oder kaufen Müsli, Marmelade oder Zahnbürsten im Supermarkt, Fleisch aber beim Metzger oder im Bioladen. Zelimkhan Bataer und sein Sohn haben an diesem Samstag Gemüse und Obst besorgt. Halal, also dem islamischen Glauben entsprechend geschlachtetes Rindfleisch, kaufen sie in einem türkischen Markt. Dass auch sie wie 400 andere Augsburger trotzdem für bessere Haltungsbedingungen für Schweine unterschreiben, freut die Aktivisten von Greenpeace.

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