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Serie(Folge 29)

28.04.2015

Worte müssen schmecken

Bisher waren die vertonten Lüpertz-Gedichte nur in einigen Konzerten oder bei Vernissagen zu hören, jetzt haben Stefanie Schlesinger und Wolfgang Lackerschmid sie auf CD und LP gesammelt.
Bild: Ulrich Wagner

Der Maler Markus Lüpertz schreibt auch Gedichte. Die Jazz-Musiker Stefanie Schlesinger und Wolfgang Lackerschmid haben die Texte vertont – mit verschiedenen Ansätzen

„Ich will erzählen, was passierte, als ich starb“, das war so ein Satz, mit dem die Sängerin Stefanie Schlesinger sofort etwas anfangen konnte. „Maria, sagt Josef, wisch den Tisch. Für dich und Christus fisch ich Fisch“ überließ sie dagegen lieber ihrem Mann Wolfgang Lackerschmid, als es darum ging, passende Töne dazu zu finden. Beide Texte stammen von Markus Lüpertz, der sich seinen Namen als Maler und Bildhauer machte, seit Jahrzehnten aber auch Gedichte schreibt, denn Gedichte sind für ihn „nicht-gemalte Bilder“. Das Augsburger Musikerehepaar, das mit dem ehemaligen Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie befreundet ist, hat einige dieser Texte vertont. Was bisher nur bei Konzerten oder Vernissagen zu hören war, gibt es nun gesammelt auf CD und LP.

Seit 20 Jahren kennt Lackerschmid den gern als Malerfürst titulierten Lüpertz, der auch ein großer Jazzfan ist und selbst immer wieder am Klavier sitzt. In Irsee trafen sie damals anlässlich des Kunstsommers zusammen. Lüpertz betreute die Malerklasse, Lackerschmid leitete ein Jazzseminar, zusammen jammten sie an den freien Abenden. Fortgesetzt wurde die musikalische Seite der Freundschaft in der Free Jazz Band TTT, die der Bassist Franz Wollny 1983 gegründet hatte und in der auch schon der bekannte Maler A.R. Penck mitspielte.

Die Vertonung der Lüpertz-Gedichte geht auf einen Handel zwischen dem Maler und dem Musiker vor fünf Jahren zurück. Denn Lüpertz hatte für ein Bäslemusiclet, das Schlesinger und Lackerschmid zusammen mit dem Schriftsteller Peter Dempf geschaffen hatten, ein, wie es Lackerschmid nennt, „gigantisches Bühnenbild“ beigetragen. Als Gegenleistung versprach der Augsburger dafür, einige der Texte des Malers zu vertonen.

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Die „Arbeit“ teilte er sich mit seiner Frau, die die Lieder singen sollte. Streit darum, wer sich welches Gedicht vornehmen durfte, gab es nicht. Jeder wählte die aus, die ihn am meisten ansprachen. „Ich muss wissen, wie so ein Text schmeckt und sich anfühlt, wenn ich die Worte im Mund habe“, sagt Schlesinger und formt sofort mit ihren Lippen eine Zeile: „Ich möchte deinen Samt vergolden, deinen Leib mit Nerz beschmieren, deine Glut mit Brillanten heizen.“ Welch wunderbare Art, jemandem zu sagen, dass man ihm die Welt zu Füßen legen möchte, findet die Sängerin.

Lackerschmid dagegen orientierte sich bei der Vertonung an der Satzmelodie eines Textes. „Wie ich betone, wo ich die Pausen setze, da ist oft kein großer Unterschied zur Melodie“, erklärt er. Allerdings heiße das nicht, dass die Musik den Text eins zu eins in Klang umsetze, also illustrativen Charakter habe. „Die Gefühle, die ich bei den Gedichten habe, kann ich entweder verstärken oder ich kann sie konterkarieren“, erläutert Lackerschmid und nennt als Beispiel das Gedicht „Mit zwei Händen“. Das sei ein bitterböser Text über eine gescheiterte Beziehung, der wie eine verschmitzte, zarte Ballade klinge. „Auf das Gedicht kann ich mit der Musik nicht noch eines draufsetzen, das würde kitschig klingen“, sagt er.

Einig sind sich Schlesinger und Lackerschmid über die Qualität der Lüpertz-Gedichte. Auf sehr unkonventionelle Weise thematisieren sie Fragen nach dem Lebenssinn, der Existenz des Künstlers und natürlich der Liebe. „Aber nicht das übliche Liebes-Trallala, sondern mehrdimensionale Texte, für die Lüpertz eine neue Sprache gefunden hat“, urteilt Lackerschmid. Dem wollten sie auch musikalisch entsprechen. „Das sollte kein Klischeejazz sein, sondern mehr in Richtung jazziges Kunstlied gehen“, sagt Stefanie Schlesinger. Ihren Gesang begleitet ihr Mann auf dem Vibrafon oder E-Piano, bei einem Lied ist auch Lüpertz im Hintergrund auf dem Klavier zu hören.

Aufgenommen haben Schlesinger und Lackerschmid die Lieder im eigenen Traumraum-Studio in Oberhausen – immer mal wieder zwischendurch. „Wir hatten ja keinen Veröffentlichungsdruck, deshalb konnten wir uns richtig Zeit dafür lassen“, schildert Lackerschmid den Vorteil des eigenen Tonstudios. Erstmals seit längerer Zeit haben die beiden Augsburger Musiker zur CD auch eine der in letzter Zeit immer beliebter werdenden Vinylplatten produziert. Dass das eine Herzensangelegenheit für Lackerschmid ist, merkt man, wenn er davon schwärmt, wie der Klang von der Nadel direkt in den Lautsprecher übertragen wird und dadurch viel echter klingt. Ganz abgesehen davon, dass eine LP natürlich auch nicht so einfach raubkopiert werden könne... Besonderes Zuckerl von 100 dieser Vinyl-Exemplare ist eine signierte Radierung von Markus Lüpertz, die ein Herz zeigt, das von einer Hand zerdrückt wird, zehn davon sind handkoloriert. Lackerschmid ist sich deshalb sicher, mit „Herzschmerz“ nicht nur bei den Musikfans Anklang zu finden, sondern auch bei Kunst- und Literaturliebhabern. „Das war ein gegenseitiges Befruchten von verschiedenen Kunstformen, wie man es nicht oft findet“, freuen sich Schlesinger und Lackerschmid über diese Verbindung von Jazz, Lyrik und Malerei.

CD und LP, bei HGBS; einige der Lüpertz-Lieder spielen Schlesinger und Lüpertz auch in ihrem neuen Musiclet „Sangesfieber“, das am Samstag, 2. Mai, um 20.30 Uhr im Sensemble-Theater Premiere hat

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