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Augsburg

13.04.2018

Zwei Traumberufe und eine Traumfrau

Das Kaffeehaus im Thalia ist eine Herzensangelegenheit von Franz Fischer. 1999 kaufte er erst den Flügel und den Kronleuchter, bevor er das Kino sanierte. Heute ist es der Treffpunkt im Kinodreieck.
Bild: Silvio Wyszengrad

Kinobetreiber Franz Fischer feiert seinen 60. Geburtstag. Das kulturelle Leben in Augsburg prägt er seit seiner Studienzeit. Ans Aufhören denkt er noch nicht.

Sein erster Kinofilm war „Sissi – Mädchenjahre einer Kaiserin“, den er sich mit seiner Mutter im Augsburger Capitol angesehen hat. Franz Fischer war damals acht Jahre alt und vollkommen begeistert. Denn ein Kino gab es im heimischen Häder, einem Ortsteil von Dinkelscherben, nicht. Kulturelles Leben fand damals in der 500-Seelen-Gemeinde laut Fischer in einem überschaubaren Rahmen statt. Vielleicht ein Grund, warum der seit heute 60-Jährige sein Leben der Kultur verschrieben hat.

Studium als Privileg empfunden

Franz Fischer wuchs auf dem Bauernhof seiner Eltern auf. Wenn er nicht im Stall mithalf, war er als Ministrant in der Kirche oder auf dem Fußballplatz anzutreffen. Dass er in Augsburg die Realschule, später die Fachoberschule, die Fachhochschule und Universität besuchen durfte, dafür ist er seinen Eltern dankbar. „Ich habe es als Privileg empfunden, studieren zu dürfen. Das war schon etwas Besonderes“, sagt er. Er enttäuschte sie nicht und schloss sein Studium der Wirtschaftswissenschaften mit Diplom ab, doch zu diesem Zeitpunkt galt sein Interesse schon lange einem anderen Gebiet.

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Als Student engagierte sich Fischer in der Studentenvertretung Asta. Schnell erhielt er den Posten des Kulturreferenten und stellte mithilfe anderer Studenten ab dem Jahr 1978 ein beachtliches Programm auf die Beine. Die Erste Allgemeine Verunsicherung startete ihre Deutschlandtournee im Hörsaal 1, Konstantin Wecker und Günter Wallraff traten dort ebenfalls auf. „Damals herrschte eine große Aufbruchsstimmung. Viele haben sich aktiv bei der Asta beteiligt. Wir hatten einfach Spaß.“. Das Engagement reichte über den Uni-Campus hinaus. Franz Fischer war Mitbegründer des Asta-Kulturzentrums, das in der Kneipe Grauer Adler im Lechviertel, zu einem Treffpunkt für viele Augsburger wurde.

Im Grauen Adler kennengelernt

Es gab Arbeitskreise in den Bereichen Theater, Fotografie, Film, es gab eine Wohnungsvermittlung, es gab viele Veranstaltungen. Im Grauen Adler lernten sich Franz Fischer und seine Lebensgefährtin Ellen Gratza kennen. Sie waren daran beteiligt, als das Asta-Kulturzentrum in den 80er Jahren das erste Augsburger Filmfestival – die Tage des unabhängigen Films – ins Leben rief. Die Faszination für den Film ließ das Paar nicht mehr los: 1988 übernahmen sie die Schauburg in Lechhausen. Sie renovierten das in die Jahre gekommene Kino und eröffneten es 1989. „Wir hatten damals keinen Business Plan. Wir haben einfach gemacht“, sagt er. In der Schauburg setzen sie ihre Ideen um. Sie wollten Augsburg ein Programmkino bieten, sie wollten aber auch eine Anlaufstelle für alle Augsburger sein. Neben den Filmen gab es auch Lesungen oder Konzerte – die Kinoleinwand wurde zur Übertragung von sportlichen Großereignissen genutzt. „Wir haben dort die Spiele der Fußball-WM 1990 gezeigt. Das war wohl einzigartig.“

Ihr Programm kam an. Sie brachten ein neues Kinoerlebnis in die Region. 1990 boten sie erstmals Open-Air-Kino auf dem Uni-Campus an, schnell gab es weitere Gastspiele am Friedberger Baggersee, an der Europawiese in Gersthofen oder am Familienbad am Plärrer, wo bis heute das Kinoerlebnis unter freiem Himmel möglich ist. Als das Thalia, City (heute Mephisto) und Savoy 1999 in Konkurs gingen, griffen die Kinobegeisterten zu und gaben die Schauburg auf. Damals seien sie von vielen Augsburgern als „verrückt“ erklärt worden, erinnert sich Fischer. Doch auch das Konzept ihres Kinodreiecks samt Kaffeehaus ging auf. „Wir haben einfach ein unheimlich treues Stammpublikum“, kennt Fischer das Erfolgsrezept.

Erfolgreich hatte er mit seinem Team auch das Filmfestival fortgeführt, eckte mit Schwerpunktthemen, wie 1990 (Sowjetunion), 1991 (Nahost), oder 1992 (Afrika) an, erhielt dafür auch überregionale Aufmerksamkeit. 2014 fanden sie das letzte Mal statt, weil wie Fischer sagt, die Basis für eine Zusammenarbeit mit der Stadt nicht mehr gegeben war. Er biete nun ein Festival über das gesamt Jahr mit Filmpremieren, Besuchen von Filmschaffenden und Themenabenden.

Gesundheit als Geburtstagswunsch

Während sich andere Menschen in seinem Alter mehr Freizeit gönnen oder sich aus der Geschäftswelt zurückziehen, hat Fischer erst im vergangenen Jahr die Gastronomie des Familienbads übernommen und lässt derzeit das Savoy generalsanieren. „Ich kenne das nicht anders. Meine Eltern konnten auf dem Hof auch nicht einfach sagen, sie gehen jetzt in Rente.“ Er habe als Kinobetreiber und Kaffeehausbesitzer zwei Traumberufe inne und mit Ellen Gratza seine Traumfrau gefunden, da brauche er nicht mehr. Gesundheit ist deshalb das Einzige, das er sich zu seinem Geburtstag wünscht.

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