Christopher Street Day in Augsburg: Warum diese Menschen an der Demonstration am Samstag teilnehmen
Augsburg
„Unsere Rechte werden wieder hinterfragt“: Warum diese Augsburger am CSD teilnehmen
Beim CSD geht es um Sichtbarkeit und politischen Protest. Vier Menschen erzählen, warum sie demonstrieren – und wie sie mit der Angst von Übergriffen umgehen.
Am Samstag findet in Augsburg der Christopher Street Day statt. Vier Menschen aus der Stadt erzählen, warum sie daran teilnehmen.Foto: David Goldau; Aiden Lane Ziegler; Markus Liese
Beim Christopher Street Day ziehen am Samstag voraussichtlich Tausende Menschen durch die Innenstadt, um mit Regenbogenflaggen und in schrille Outfits gehüllt für die politischen Forderungen der queeren Community einzustehen. Vier Menschen aus Augsburg – manche selbst queer, manche Unterstützer – erzählen, welche Bedeutung der Tag für sie hat und warum es ihrer Meinung nach gerade jetzt wichtig ist, Solidarität zu zeigen.
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Marcus Gertzen (38): „Es hat sich so wahnsinnig normal angefühlt“
„An meinen ersten CSD erinnere ich mich noch sehr gut. Ich war 21 Jahre alt, und das Tolle war, dass es sich für mich als queere Person so wahnsinnig normal angefühlt hat. Es war ein Umfeld, in dem man sich nicht für die eigene Lebensweise oder Identität rechtfertigen musste. Das hat schon ein sehr empowerndes Gefühl in mir ausgelöst. Seitdem versuche ich jedes Jahr auf mindestens einen CSD zu gehen. Die Veranstaltung braucht es aus meiner Sicht zum einen für die Innenwirkung, damit wir einer vollkommenen Gleichberechtigung möglichst nah kommen. Zum anderen müssen wir nach außen ein Zeichen der Solidarität setzen, weil es in vielen Ländern immer noch rechtliche Beschränkungen für Menschen der queeren Community gibt.
Marcus Gertzen (links) ist Oberarzt im Bezirkskrankenhaus Augsburg (BKH). Die Bezirkskliniken Schwaben und der Krisendienst Schwaben nehmen seit 2024 mit einem eigenen Wagen an der Parade teil. Das Foto zeigt Gertzen (links) und seinen Stationskollegen David Goldau (rechts) auf dem Christopher Street Day 2025.Foto: David Goldau
Die Sicherheitsvorkehrungen sind in den vergangenen Jahren massiv verstärkt worden. Bedroht gefühlt habe ich mich auf einem CSD bisher nicht. Gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass gerade dann, wenn Menschen Verunsicherung oder Sorge verspüren, Sichtbarkeit und Teilnahme besonders wichtig bleiben. Niemand sollte aus Angst auf die Erfahrung von Gemeinschaft und Zugehörigkeit verzichten müssen.“
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Sandra Rohrmoser (30): „Es gibt immer noch Menschen, die politisch verfolgt werden“
„Ich war voriges Jahr zum ersten Mal auf dem CSD in Augsburg. Da herrscht eine total positive Stimmung. Es ist toll zu sehen, wie viele sich für Toleranz und Sichtbarkeit einsetzen. Die aktuelle politische Lage zeigt, wie wichtig das Engagement ist. Mein Mann und ich wünschen uns für unseren Sohn, dass er in einer toleranten Welt groß wird. Deshalb war ich eigentlich schon immer ein Ally (Anm. d. Red.: Verbündete). Das bedeutet für mich nicht nur, queere Menschen zu akzeptieren, sondern auch, sich mit ihrer Lebenswelt auseinanderzusetzen, Gespräche zu führen und einzugreifen, wenn jemand ungerecht behandelt wird. Bei meinem Arbeitgeber haben wir ein starkes und lebendiges Pride-Netzwerk, in dem ich mitarbeite und mit dem wir auch beim CSD Präsenz zeigen.
Sandra Rohrmoser nimmt als „Ally“ am der Parade teil, also als Verbündete der queeren Community.Foto: Bianca Stegmiller
Es ist wichtig, dass es den CSD gibt, denn es gibt leider immer noch Menschen auf der Welt, die sich nicht zeigen dürfen, wie sie sind, die aufgrund ihrer (sexuellen) Identität politisch verfolgt und ausgegrenzt werden. Gerade Menschen, die wenig Berührungspunkte mit der Community haben, empfehle ich, am CSD teilzunehmen, damit sie sehen, wie friedlich die Atmosphäre und wie stark das Gemeinschaftsgefühl sind. Vielleicht werden sie dann selbst einmal Teil des Ganzen.“
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Aiden Lane Ziegler (41): „Der CSD fällt auf unseren Hochzeitstag“
„Meine Partnerperson und ich haben am Samstag unseren 12. Hochzeitstag. Dass er mit dem CSD zusammenfällt, ist für uns etwas ganz Besonderes, da wir bei unserer Hochzeit dachten, diesen Jahrestag gemeinsam mit unseren Freund:innen und der Familie feiern zu können. Leider haben sich viele von ihnen nach meinem Coming-out von uns abgewandt. Aber so steht der diesjährige CSD auch sinnbildlich für die Entdeckung unserer eigenen queeren Identität und den Zugewinn einer neuen, großen „Wahlfamilie“ in der Community.
Aiden Lane Ziegler (links) ist Vorstandsmitglied im Verein „Queer Augsburg“ und hat auf der CSD-Bühne bereits mehrere Redebeiträge gehalten. Er und Olsy (rechts) sind am Samstag genau 12 Jahre verheiratet.Foto: Aiden Lane Ziegler
Ich nehme eigentlich jedes Jahr am CSD teil und versuche, mit all den lieben queeren Leuten, die ich kenne und bei der Parade oder am Straßenfest sehe, ein Selfie zu knipsen. Der Tag steht für Sichtbarkeit, Mut, Empowerment und Entstigmatisierung. All das feiern wir an diesem Tag. Gleichzeitig ist der CSD keine Party, sondern eine politische Veranstaltung, die für unsere Forderungen als Community laut eintritt.“
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Markus Liese (41): „Damit Menschen frei leben können“
„Auf meinem ersten CSD war ich mit 18 oder 19 Jahren. Damals dachte ich noch, ich als schwuler Mann wäre einer von wenigen. Deshalb war es so beeindruckend, wie viele Menschen da gemeinsam ein Zeichen setzen. Nachdem wir in den vergangenen Jahren vieles erreicht haben, nehme ich aktuell wieder politische und gesellschaftliche Rückschritte wahr. Rechte, für die auch mit dem CSD lange gekämpft wurden, werden wieder hinterfragt.
Markus Liese arbeitet bei der Lechwerke AG (LEW) und engagiert sich dort im Pride-Netzwerk. Die LEW unterstützt den CSD als Sponsor.Foto: Markus Liese
Ich habe auch erlebt, dass andere schwule Männer uns nach dem CSD gebeten haben, sie zum Bahnhof zu begleiten, weil sie Angst vor Übergriffen hatten, die es leider immer wieder gibt. Das sorgt im Hintergrund für ein ungutes Gefühl. Gleichzeitig bestärkt es mich darin, weiterhin Flagge zu zeigen. Ich nehme am CSD teil, damit Menschen frei leben können, respektiert werden und Gleichberechtigung und Akzeptanz selbstverständlich bleiben.“
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